So beantwortete Ursula K.LeGuin die Frage von Goro Miyazaki, ob sie den Film möge. Im Grunde ist dieser Aussage wenig hinzuzufügen (genaueres zum Thema ist auf der Website von LeGuin nachzulesen).
Ich bin schon seit langem ein großer Fan dieser Reihe; tatsächlich empfinde ich nach wie vor Erdsee als die mit abstand beste Fantasy, die jemals verfasst wurde. Sicher ist die Konkurrenz groß heutzutage und die Serie hat ihre Rivalen aber wirklich an sie heranreichen tut aus meiner Sicht eigentlich nichts. Schon allein deswegen freute mich der Gedanke, dass Ghibli eine, diesmal wirklich unter Mitwirkung von UKL entstandene, Filmversion schaffen wollten. Die Zeit war sicherlich reif für einen weiteren Versuch; tatsächlich hatte ich aber eigentlich damit gerechnet, dass UKL nicht erneut die Filmrechte der an Serie jemandem zur Verfügung stellen würde. Hut ab, dass sie es nach den schlechten Erfahrungen mit der Miniserie trotzdem getan hat.
Umso mehr ist es zu bedauern, dass der zweite Versuch, "Earthsea" in einen Film zu verwandeln ähnlich danebengeht wie der erste Versuch der Umsetzung durch den Sci Fi - Channel. Letztendlich bleibt auch hier von der Romanreihe nur eine Anzahl von Namen und minimaler Zusammenhänge übrig und das ist im höchsten Maße tragisch.
Ghibli haben beim "Wandelnden Schloss" seinerzeit ordentliche Arbeit geleistet. Die dem Film zugrundeliegende Geschichte "Sophie im Schloss des Zauberers"(Howls Moving Castle) von Diane Wynne Jones ist ebenfalls verändert und umgeschrieben worden, um Howls (Haorus) Unwillen, sich in den Krieg der Königreiche einzumischen, nobler und reifer zu gestalten und so auch Erwachsenen einen Zugang zum Stoff zu ermöglichen aber im Grunde genommen bliebt die Geschichte als solche im Film erhalten.
Im vorliegenden Film werden Motive aus allen drei Romanen auf durchaus unangemessene Weise miteinander vermischt, wobei sich der Film vornehmlich auf "The Farthest Shore" und "Tehanu" konzentriert. Aus "A Wizard of Earthsea" ist genaugenommen nur die Idee des Schattens adaptiert worden, der durch Sperbers Stolz und seine Eitelkeit entstanden ist und mit dem er sich im ersten Roman eine umfassende Jagd liefert (eine unglaubliche und wirklich bewegende Geschichte). Hier ist es Arren, der vor seinem Schatten flieht, nachdem der Junge seinen Vater - völlig unmotiviert - ermordet und darob seine Heimat verlassen hat. Eine Handlungsweise, die weder zur Reihe noch zu der Figur passt. Auf "The Tombs of Atuan" greift der Film im Grunde gar nicht zurück. Tenar hat eine gewichtige Rolle, wer oder was sie indes eigentlich ist, wie Ged und sie sich kennenlernten, welche Funktion sie in der Theokratie von Kargad als "Arha die Verzehrte" eingenommen hatte und wie übel sie seinerzeit mit dem ihr ausgelieferten, geduldigen Ged umgesprungen ist, wird einem nicht deutlich. Sie wird als sonderliche Hexe und ansonsten resolute Bauersfrau betrachtet und ihrer wahrer Hintergrund bleibt im Trüben. In "Tehanu" entspricht das mehr oder weniger ihrer Rolle aber letztendlich steckt wesentlich mehr in ihr als das. Es ist schwerlich nachvollziehbar, wieso der Erzmagier von Rok (ein Ort, der ebenso im Dunkeln bleibt wie das einst von König Lebannen aus Havnor zu regierende Archipelago selbst) dieser Frau seinen wahren Namen verraten hat. Das Phänomen der Macht der Namen bleibt ohnehin allgemein im Dunkeln, obwohl es in der Welt der Erdsee so eine elementare Stellung einnimmt. Dass Sperbers wahrer Name Ged ist und welch enormer Vertrauensbeweis darin liegt, seinen Namen jemand anderem zu verraten, muss im Grunde auch zwischen den Zeilen erschlossen werden. Ich bilde mir ein, dass "Ged" nur ein einziges Mal ausgesprochen wird.
Auch die Bedeutung der Drachen in der Romanreihe findet keinerlei wirkliche Entsprechung im Film. Wer auf die Erwähnung des Namens Kalessin wartet, wird nach dem Abspann etwas schmerzlich vermissen. Ähnlich ungnädig wird mit menschlichen Nebenfiguren verfahren: Aus dem sich der Piraterie verschreibenden Windmagier Hare etwas völlig anderes, nämlich ein leicht debiler Schwertschwinger, der offenbar eine Schwäche für kleine Mädchen hat. Warum dann nicht gleich eine andere Figur einführen, wenn man sich eh nicht an das eigentliche Charakterkonzept zu halten gedenkt? Auch ein Auftritt von Ogion bleibt uns verwehrt; persönlich wie namentlich.
Allgemein begreife ich nicht, wieso ein faktisch farbiger (kupferbrauner) Held in einem westlichen Fantasyroman in einer entsprechenden Verfilmung nicht ebenfalls schwarz bzw. braun sein darf. UKL hat Geds Hautfarbe seinerzeit bewusst so festgelegt und damit hat sie offenbar vielen farbigen Fantasyfans einen Bärendienst getan. Ich persönlich war der Ansicht, dass spätestens seit Mace Windu ein nicht-klischeehafter, heroischer Protagonist mit dunkler Hautfarbe kein Problem mehr für den Mainstream darstellt. Man muss Ghibli sicherlich zugutehalten, dass Ged wesentlich dunkler daherkommt als Arren und Tenar aber trotzdem befindet sich sein Teint doch noch sehr weit vom eigentlichen Kupferbraun entfernt. Allgemein tritt seine Figur ja hinter Arren und Tehanu (die sich in dieser Form niemals so begegnet sind; tatsächlich ist Lebannen bereits ein "junger Mann" und König, als er der zu dieser Zeit noch sehr kleinen Therru bei den Flussnomanden über den Weg läuft) zurück. Im "Fernen Ufer" nimmt Arren häufig auch eine wesentlich zentralere Position ein. Dort handelt allerdings ein völlig anderer Arren. Auch das Treffen von Ged und Arren läuft vollkommen anders ab: Arren wird von seinem Vater, dem Fürsten von Enland, nach Rok geschickt, um die Hilfe der Magier für die Probleme im Reich zu erbitten. Dort begegnet er dem Erzmagier im Brunnenhof und ist bald dermaßen von ihm eingenommen, dass er ihm unbedingt dienen möchte. Letztendlich brechen die beiden mit der "Weitblick" auf, um den Dingen, die das Archipelago in Mitleidenschaft ziehen, auf den Grund zu gehen und begegnen erst wesentlich später Cob, der im Roman zwar ebenfalls von der großen Furcht vorm Tod angetrieben wird, seine Motive jedoch wesentlich deutlicher und nachvollziehbarer dargestellt werden. Mit Motiven hält sich der Film indes ganz allgemein sehr im Hintergrund und könnte damit dem eigentlichen Ursprung in der Romanserie kaum mehr zuwiderlaufen.
Es wird nur der übliche Widerstreit von Licht und Dunkel bzw. Gut und Böse thematisiert, der indes in den Romanen nicht existent ist - meines Erachtens einer der Hauptgründe dafür, dass diese Romane dermaßen gut sind. Damit verbleibt "Die Chroniken von Erdsee" zwar als hübsch gemachter Anime in der Tradition des "Wandelnden Schlosses", inhaltlich beziehungsweise in Sachen Authenzität bleibt er jedoch sogar noch weit hinter dieser Verfilmung eines populären Fantasyromans zurück. Insbesondere bei so einer herausragenden Vorlage wie Erdsee ist das nichts als jammerschade.
Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es irgendwann vielleicht doch mal eine wirklich gelungene und werktreue Verfilmung von Erdsee gibt. Wenn der Stoff wie er ist sich indes laut Meinung der Produzenten wirklich nicht für den modernen Bildschirm und seine fragwürdigen Ansprüche und Prioritäten eignet, dann soll man ihn in seiner Idealform als Buch einfach in Ruhe lassen, auf dass er auch zukünftig so von interessierten und offenen Lesern entdeckt und genossen werden kann.
Für Freunde märchenhafter Fantasyepen eher traditioneller Darreichungsweise, die sich zudem mit Animes anfreunden können, ist der Film recht kurzweilige Unterhaltung. Für UKL-Fans dürfte er eher ein Stein des Anstoßes sein und einen gewissen Frust sorgen, weil es offenbar erneut nicht gelungen ist, bzw. den Verantwortlichen möglich erschien, einen angemessenen Film aus den wunderschönen Geschichten zu machen. Die lassen vielleicht besser die Finger davon oder schrauben ihre Erwartungen ein weiteres Mal ein ganzes Stück nach unten.