Beim ersten durchblättern macht das Regelwerk viel her: es scheint übersichtlich aufgebaut zu sein, und enthält eine moderate Anzahl von Schwarz-Weiß Bildern, die jedoch sehr Atmosphärisch sind. Genau genommen war mein erster Gedanke, das das Werk vielleicht zur "World of Darkness" Reihe von White Wolf gehört, denn die Aufmachung schien mir recht ähnlich zu sein. Doch wird schnell klar, das Engel ein eigenständiges Spiel ist (mehr oder weniger... dazu gleich mehr).
Es spielt in der Zukunft unserer Erde, die durch Katastrophen bzw die Apokalypse wieder auf mittelalterliches Niveau zurückgefallen ist. Moderne Technik existiert nur noch in Form alter Artefakte. Aus Fegefeuern die eine Spur der Verwüstung über die Welt ziehen, brechen Dämonen hervor, und die Spieler spielen die namensgebenden Lichtgestalten und versuchen die Höllenbrut aufzuhalten. Aber auch abseits der Dämonenjagd gibt es viele Abenteueransätze, denn in dieser Kirchlich dominierten mittelalterlichen Welt existieren so einige Verschwörungen und Geheimnisse (einschließlich solchen die sich um die Engel selbst drehen).
Dieser Hintergrund gefällt mir persönlich sehr gut. Werfen wir nun also einen Blick auf die Spielsysteme. DIE SystemE ? Richtig, in Engel sind zwei Spielsysteme enthalten. Das Engelsystem selbst glänzt vor allem durch eine vollkommene Abwesenheit von Regeln. Man gibt seinem Charakter ein paar Vor- und ein paar Nachteile und das wars. Keine Attribute, keine Fertigkeiten. Wenn die Spieler ihre Charaktere etwas tun lassen wollen, so beschreiben sie ihre Aktion, man zieht eine Karte (ein Bogen mit diesen Karten liegt dem Buch bei) und anhand der Interpretation der Karte entscheiden dann Spieler und Spielleiter gemeinsam was daraus resultiert. Das ist für mich als alteingesessenen P&P Rollenspieler natürlich erstmal sehr ungewohnt, aber die Idee dahinter ist natürlich, das das Geschichtenerzählen (Storytelling) hier im Vordergrund stehen soll. Alles in allem kann das wohl sehr gut Funktionieren, aber es setzt meines Erachtens nach einen erfahrenen Spielleiter voraus.
Wer sich das nicht zutraut oder auf seine gewohnten Würfel nicht verzichten möchte, kann allerdings aufatmen, denn das Regelwerk gestattet es auch Engel nach dem D&D 3.5 Regelwerk zu spielen. Wer mit den D&D Regeln nicht vertraut ist, braucht hierfür jedoch noch dessen Grundregelwerk. Alle anderen werden feststellen, das Engel (angenehmerweise) nahezu alle Angaben enthält die man braucht um nur mit dem Engelregelwerk spielen zu können. Gegensätzlicher hätten die beiden Systeme wohl nicht sein können, aber somit dürfte wohl für jeden was dabei sein.
Der Index am Ende des Buches kommt mir etwas mager vor, aber da ich das System selbst noch nicht gespielt habe, kann ich nicht beurteilen ob er ausreichend ist oder nicht.
Fazit: Ein Interessanter Hintergrund und ein ungewöhnliches Spielsystem. Als Zugabe noch die Möglichkeit nach D&D Regeln zu spielen. Da kann man nicht viel falsch machen oder ? Persönlich finde ich den Regelansatz (oder das Fehlen desselben) zwar Interessant, bin aber nicht völlig von seiner Anwendbarkeit überzeugt. Da bevorzuge ich wohl Systeme die etwas "Greifbarer" sind. Mit der Wahl des D&D Systems bin ich allerdings auch nicht so glücklich... Da hätte ich mir lieber etwas eigenständiges gewünscht. Wohlgemerkt, es gibt Engelspieler die sehr gut mit den Regeln (sowohl D&D als auch das Kartensystem) klarkommen und viel Spaß damit haben. Manchmal kann man es mir halt einfach nicht recht machen :(