Aus der Amazon.de-Redaktion
Vor zwei Jahren wurde die Ärztin Catherine Cordell von einem Serienmörder brutal vergewaltigt. Es gelang ihr zwar, sich zu befreien und den Täter zu erschießen, aber die Erinnerung daran wird sie nie wieder verlassen. Inzwischen arbeitet sie als erfolgreiche Chirurgin in Boston, wo niemand um ihre Vergangenheit weiß. Doch eine Reihe von Gewalttaten reißen sie unvermittelt aus ihrem Alltag heraus -- und sie gleichen auf's Haar den Morden des Mannes, den sie getötet hat!
Die beiden Polizisten, die in dem Fall ermitteln, sind aus unterschiedlichen Gründen ausgesprochen engagiert: Jane Rizzoli ist die einzige Frau bei der Bostoner Mordkommission, und sie hat gelernt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, sich den Respekt der Männer zu sichern -- sie muss besser sein als sie. Ihr Kollege Thomas Moore trauert noch immer seiner jüngst verstorbenen Frau nach und versucht, dies mit Arbeit zu kompensieren. Ausgerechnet er lässt sich auf eine Affäre mit Dr. Cordell ein, die immer mehr ins Fadenkreuz des Killers gerät. Und noch fehlt jede Spur.
Tess Gerritsen hat eine Karriere als Internistin aufgegeben, um ihren Weg als Schriftstellerin zu gehen. Ihr naturwissenschaftliches Fachwissen verleiht dem Roman einen hohen Grad an Authentizität, ohne dass ein reiner Medizin-Thriller daraus wird. Gerritsen hat ein Gespür für Menschen in Extremsituationen, und ihr gelingt es, auch noch der unwichtigsten Nebenfigur Leben einzuhauchen. Allerdings gehen ihre Beschreibungen der Morde gelegentlich bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Harter Stoff, gekonnt in Szene gesetzt! --Felix Darwin -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
„Ein Muss für Fans fesselnder Literatur, vor allem aber für Liebhaber atemberaubender Krimis.“ (Märkische Oderzeitung )
"Ich verspreche Ihnen, dass Sie selten zuvor einen derart bis auf die letzte Seite spannenden Medizin-Thriller gelesen haben." (Hessisches Fernsehen )
Kurzbeschreibung
Klappentext
hr
"Die Chirurgin raubte mir den Atem!"
Mo Hayder
"Der absolut heiße Urlaubslesetipp!"
ARD Morgenmagazin
Über den Autor
Auszug aus Die Chirurgin von Tess Gerritsen, Andreas Jäger. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Heute werden sie ihre Leiche finden.
Ich weiß, wie es sich abspielen wird. Ich sehe sie ganz lebhaft vor mir, die Folge von Ereignissen, die zu der Entdeckung führen wird. Gegen neun Uhr werden diese hochnäsigen Damen vom Reisebüro Kendall and Lord an ihren Schreibtischen sitzen, mit ihren elegant manikürten Fingern auf Computertastaturen tippen und eine Mittelmeerkreuzfahrt für Mrs. Smith buchen oder einen Skiurlaub in Klosters für Mr. Jones. Und für Mr. und Mrs. Brown dieses Jahr mal etwas Neues, etwas Exotisches, vielleicht Chiang Mai oder Madagaskar. Nur nichts allzu Ungemütliches o nein, Abenteuer müssen schließlich vor allem komfortabel sein. Das ist das Motto von Kendall and Lord: »Komfort-Abenteuer«. Das Geschäft geht gut, und das Telefon klingelt oft.
Es wird nicht lange dauern, bis die Damen merken, dass Diana nicht an ihrem Platz ist.
Eine von ihnen wird in Dianas Wohnung in der Back Bay anrufen, aber das Telefon wird läuten, ohne dass sich jemand meldet. Vielleicht ist Diana unter der Dusche und kann es nicht hören. Oder sie ist einfach ein bisschen spät dran und gerade auf dem Weg zur Arbeit. Ein Dutzend vollkommen harmlose Erklärungen werden der Anruferin durch den Kopf gehen. Aber je später es wird und je mehr Anrufe unbeantwortet bleiben, desto stärker werden sich ihr andere, beunruhigendere Möglichkeiten aufdrängen.
Ich gehe davon aus, dass der Mann von der Hausverwaltung Dianas Kollegin in die Wohnung lassen wird. Ich sehe ihn vor mir, wie er nervös mit seinen Schlüsseln klimpert und fragt: »Sie ist also Ihre Freundin, ja? Und Sie sind sicher, dass sie nichts dagegen hat? Ich werde ihr nämlich sagen müssen, dass ich Sie reingelassen habe.«
Die beiden betreten die Wohnung, und Dianas Kollegin ruft: »Diana? Bist du zu Hause?« Sie gehen den Flur entlang, vorbei an den elegant gerahmten Reisepostern; der Verwalter immer einen Schritt hinter ihr. Er passt auf, dass sie nichts klaut.
Dann wirft er einen Blick ins Schlafzimmer. Er sieht Diana Sterling, und jetzt verschwendet er keinen Gedanken mehr an etwas so Belangloses wie Diebstahl. Er will nur so schnell wie möglich aus der Wohnung raus, bevor es ihm hochkommt.
Ich wäre gerne da, wenn die Polizei eintrifft, aber ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass sie jedes Auto, das im Schritttempo vorbeifährt, genau unter die Lupe nehmen werden, jedes Gesicht, das sie aus der Schar von Schaulustigen auf der Straße anstarrt. Sie wissen, wie sehr es mich danach drängt, zum Tatort zurückzukehren. Selbst jetzt, da ich im Starbucks sitze und zusehe, wie es draußen allmählich heller wird, spüre ich, wie mich dieses Zimmer zurückruft. Aber ich bin wie Odysseus, sicher an den Mast meines Schiffs gefesselt, während ich mich nach dem Gesang der Sirenen verzehre. Ich werde nicht zulassen, dass mein Schiff an den Felsen zerschellt. Diesen Fehler werde ich nicht machen.
Stattdessen sitze ich hier und trinke meinen Kaffee, während draußen die Stadt Boston zum Leben erwacht. Ich rühre drei Teelöffel Zucker in meine Tasse; ich trinke meinen Kaffee nun mal gerne süß. Ich will, dass alles genau so ist einfach vollkommen.
In der Ferne heult eine Sirene; sie ruft mich. Ich fühle mich wie Odysseus, der sich gegen seine Fesseln sträubt. Doch sie lassen sich nicht zerreißen.
Heute werden sie ihre Leiche finden.
Und sie werden wissen, dass wir wieder da sind.
1
Ein Jahr später
Detective Thomas Moore hasste den Geruch von Latex. Während er sich die Handschuhe überstreifte und dabei ein Wölkchen von Talkumpuder aufwirbelte, verspürte er den gewohnten Anflug von Übelkeit angesichts dessen, was ihm bevorstand. Dieser Gummigeruch war mit den unerfreulichsten Aspekten seines Jobs verknüpft, und wie ein Pawlowscher Hund, der aufs Stichwort Speichel absondert, hatte er gelernt, den Geruch mit Blut und Körperflüssigkeiten in Verbindung zu bringen. Ein olfaktorisches Alarmsignal.
Und so war er bereits gewappnet, als er vor der Tür des Autopsiesaales stand. Er war direkt aus der prallen Hitze hereingekommen, und schon fühlte sich der Schweiß auf seiner Haut kühl an. Es war der zwölfte Juli, ein schwülwarmer, dunstiger Freitagnachmittag. In ganz Boston arbeiteten die Klimaanlagen auf Hochtouren, und die Nerven der Menschen lagen blank. Auf der Tobin Bridge würde sich schon ein Stau gebildet haben, weil alles sich nach Norden in die kühlen Wälder von Maine flüchtete. Aber Moore würde nicht zu den Flüchtenden gehören. Er war aus dem Urlaub zurückgerufen worden, um sich einem entsetzlichen Anblick zu stellen, den er sich gerne erspart hätte.
Er trug bereits die OP-Kleidung, die er sich vom Wäschewagen des Leichenschauhauses genommen hatte. Jetzt setzte er sich noch eine Papierhaube auf, die verirrte Haare auffangen sollte, und zog Überschuhe aus Papier an, denn er hatte gesehen, was manchmal von den Tischen auf den Boden tropfte und klatschte. Blut, Gewebefetzen. Er war alles andere als ein Sauberkeitsfanatiker, aber er legte keinen Wert darauf, irgendwelche Souvenirs aus dem Autopsiesaal an seinen Schuhen nach Hause zu tragen. Vor der Tür hielt er noch ein paar Sekunden inne und holte tief Luft. Dann betrat er den Raum, bereit, die Tortur über sich ergehen zu lassen.
Die verhüllte Leiche lag auf dem Seziertisch der Figur nach zu urteilen eine Frau. Moore vermied es, das Opfer allzu eingehend zu betrachten, und konzentrierte sich stattdessen auf die lebenden Menschen im Saal. Dr. Ashford Tierney, der amtliche Leichenbeschauer, und ein Mitarbeiter des Leichenschauhauses waren damit beschäftigt, die Instrumente auf einem Tablettwagen zu arrangieren. Auf der anderen Seite des Tisches stand Jane Rizzoli, die wie er bei der Bostoner Mordkommission arbeitete. Rizzoli war dreiunddreißig Jahre alt, eine kleine Frau mit scharf geschnittenen Zügen. Ihre widerspenstigen Locken waren von der Papierkappe verdeckt, und ohne den mildernden Effekt ihrer schwarzen Haare schien ihr Gesicht nur aus harten Kanten zu bestehen. Der Blick ihrer dunklen Augen war forschend und intensiv. Sie war vor sechs Monaten vom Rauschgift- und Sittendezernat in die Mordkommission versetzt worden. Dort war sie die einzige Frau, und trotz der Kürze der Zeit hatte es bereits Probleme zwischen ihr und einem anderen Detective gegeben, Vorwürfe wegen sexueller Belästigung, die durch Gegenvorwürfe wegen unausgesetzter Gehässigkeit gekontert wurden. Moore war sich nicht sicher, ob er Rizzoli mochte oder sie ihn. Bisher hatte sich ihr Umgang miteinander strikt auf die dienstliche Ebene beschränkt, und er hatte den Eindruck, dass ihr das ganz recht war.
Neben Rizzoli stand ihr Partner Barry Frost, ein Polizist mit einem unerschütterlich heiteren Gemüt, dessen nichts sagendes, bartloses Gesicht ihn wesentlich jünger wirken ließ als seine dreißig Jahre. Frost arbeitete nun schon seit zwei Monaten mit Rizzoli zusammen, ohne dass es irgendwelche Beschwerden gegeben hätte; er war der einzige Mann im ganzen Dezernat, der ihre üblen Launen mit Gelassenheit ertragen konnte.
Als Moore auf den Tisch zutrat, sagte Rizzoli: »Wir haben uns schon gefragt, wann Sie auftauchen würden.«
»Ich war schon auf dem Maine Turnpike nach Norden unterwegs, als Sie mich angepiepst haben.«
»Wir warten hier schon seit fünf.«
»Und ich wollte gerade mit der inneren Besichtigung beginnen«, warf Dr. Tierney ein. »Ich würde daher sagen, dass Detective Moore gerade rechtzeitig eingetroffen ist.« Ein Mann sprang für den anderen in die Bresche. Dr. Tierney schlug die Tür des Metallschranks mit einem Knall zu, der im Saal widerhallte. Es kam nicht oft vor, dass er seinen Unmut so offen erkennen ließ. Er stammte aus Georgia; ein vornehmer Südstaaten-Gentleman, der davon überzeugt war, dass Damen sich wie Damen zu benehmen hatten. Es bereitete ihm kein Vergnügen, mit der kratzbürstigen Jane Rizzoli zusammenzuarbeiten.
Der Assistent rollte den Tablettwagen mit den Instrumenten an den Tisch heran. Für einen Moment trafen sich seine und Moores Blicke; er schien sagen zu wollen: Was für eine Schreckschraube!
»Tut mir Leid wegen Ihrer Angeltour«, sagte Tierney zu Moore. »Sieht so aus, als wäre Ihr Urlaub gestrichen.«
»Sind Sie sicher, dass es wieder unser Freund ist?«
Anstelle einer Antwort schlug Tierney das Tuch zurück, mit dem die Leiche zugedeckt war. »Ihr Name ist Elena Ortiz.«
Moore war auf den Anblick gefasst gewesen, doch als er jetzt das Opfer zum ersten Mal erblickte, traf es ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Die schwarzen Haare der Frau waren mit Blut verklebt und standen wie Stacheln von ihrem Kopf ab; das Gesicht hatte die Farbe blau geäderten Marmors. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, wie mitten in einem Wort erstarrt. Das Blut war bereits vom Körper abgewaschen worden, und ihre Wunden klafften als violette Risse in der grauen Leinwand der Haut. Es gab zwei sichtbare Wunden. Die eine war ein tiefer Einschnitt im Hals, der die linke Halsschlagader durchtrennt und den Knorpel des Kehlkopfs freigelegt hatte. Der Gnadenstoß. Der zweite Schnitt war im Unterbauchbereich. Diese Verletzung war ihr nicht mit der Absicht zugefügt worden, sie zu töten. Sie hatte einem ganz anderen Zweck gedient.
Moore schluckte krampfhaft. »Jetzt verstehe ich, weshalb Sie mich aus dem Urlaub zurückgeholt haben.«
»Ich leite die Ermittlungen in diesem Fall«, sagte Rizzoli.
Er hörte den warnenden Unterton aus ihrer Bemerkung heraus: Sie verteidigte ihr Territorium. Er begriff, was die Ursache war die Spötteleien und skeptischen Kommentare, denen weibliche Kriminalbeamte unentwegt ausgesetzt waren, konnten sie mit der Zeit sehr dünnhäutig werden lassen. In Wirklichkeit hatte er gar nicht die Absicht, mit ihr in Konkurrenz zu treten. Sie würden gemeinsam an diesem Fall arbeiten müssen, und es war noch viel zu früh für irgendwelche Positionskämpfe.
Er achtete sorgfältig darauf, nicht zu respektlos zu klingen. »Würden Sie mich bitte über die Umstände der Tat ins Bild setzen?«
Rizzoli nickte knapp. »Das Opfer wurde heute Morgen um neun Uhr in ihrer Wohnung in der Worcester Street gefunden. Das ist im South End. Sie fängt gewöhnlich gegen sechs Uhr morgens mit der Arbeit an, in einem Blumenladen ganz in der Nähe ihrer Wohnung. Er heißt Celebration Florists. Es ist ein Familienbetrieb, gehört ihren Eltern. Als sie nicht auftauchte, begannen sie sich Sorgen zu machen. Ihr Bruder ging nach ihr sehen und fand sie im Schlafzimmer. Dr. Tierney schätzt, dass der Tod zwischen Mitternacht und vier Uhr früh eingetreten ist. Nach Aussage der Eltern hatte sie zur Zeit keinen festen Freund, und in ihrem Wohnblock kann sich niemand erinnern, je Herrenbesuch bei ihr gesehen zu haben. Sie ist bloß ein braves, fleißiges katholisches Mädchen.«
Moore betrachtete die Handgelenke des Opfers. »Sie war gefesselt.«
»Ja. Klebeband an Hand- und Fußgelenken. Sie wurde nackt aufgefunden. Sie trug nur einige Schmuckstücke.«
»Welche?«
»Eine Halskette. Einen Ring. Ohrstecker. Die Schmuckschatulle in ihrem Schlafzimmer war unberührt. Raub war nicht das Motiv.«
Moores Blick fiel auf den Bluterguss, der sich als horizontaler Streifen über den Hüftbereich des Opfers zog. »Sie war auch am Rumpf gefesselt.«
»Klebeband über Hüften und Oberschenkel. Und über den Mund.«
Moore atmete tief aus. »Mein Gott.« Er starrte Elena Ortiz an, und plötzlich blitzte das verstörende Bild einer anderen jungen Frau vor seinem inneren Auge auf. Eine andere Leiche eine Blondine mit fleischigroten Schnittwunden an Hals und Unterleib.
»Diana Sterling«, murmelte er.
»Ich habe Sterlings Autopsiebericht schon raussuchen lassen«, sagte Tierney. »Falls Sie noch mal einen Blick darauf werfen wollen.«
Aber das war nicht nötig. Der Fall Sterling, bei dem Moore die Ermittlungen geleitet hatte, war ihm noch immer sehr präsent.
Vor einem Jahr war Diana Sterling, eine Angestellte des Reisebüros Kendall and Lord, nackt und mit Klebeband an ihr Bett gefesselt aufgefunden worden. Man hatte ihr die Kehle und den Unterleib aufgeschlitzt. Der Mord war nie aufgeklärt worden.
Dr. Tierney richtete die Untersuchungsleuchte auf Elena Ortiz Abdomen. Das Blut hatte man zuvor bereits abgespült, und die Wundränder waren blassrosa.
»Irgendwelche verwertbaren Spuren?«
»Wir haben ein paar Fasern sichergestellt. Und am Rand der Schnittwunde klebte ein Haar.«
Moore sah auf, plötzlich interessiert. »Vom Opfer?«
»Viel kürzer. Und hellbraun.«
Elena Ortiz hatte schwarzes Haar.
Rizzoli sagte: »Wir haben bereits Haarproben von allen Personen angefordert, die mit der Leiche in Berührung gekommen sind.«
Tierney lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Wunde. »Was wir hier sehen, ist ein Transversalschnitt. Die Chirurgen sprechen von einer Maylard-Inzision. Die Bauchdecke wurde Schicht für Schicht durchschnitten. Zuerst die Haut, dann die Oberflächenfaszie, dann der Muskel und schließlich das Bauchfell.«
»Wie bei Sterling«, sagte Moore.
»Ja. Wie bei Sterling. Aber es gibt Unterschiede.«
»Welche Unterschiede?«
»Bei Diana Sterling wies der Einschnitt einige Zacken auf, die auf ein Zögern oder Unsicherheit hindeuteten. Davon ist hier nichts zu erkennen. Sehen Sie, wie sauber die Haut hier durchschnitten worden ist? Es gibt keinerlei Zacken. Er wusste genau, was er zu tun hatte.« Tierney sah Moore direkt in die Augen. »Unser unbekannter Täter hat dazugelernt. Er hat seine Technik verbessert.«
»Falls es sich um denselben unbekannten Täter handelt«, bemerkte Rizzoli.
»Es gibt noch weitere Übereinstimmungen. Sehen Sie die rechtwinklige Form des Wundrands an diesem Ende? Das ist ein Hinweis darauf, dass er von rechts nach links geschnitten hat. Wie bei Sterling. Die Klinge, mit der ihr diese Wunde beigebracht wurde, ist einschneidig und glatt. Wie die bei Sterling verwendete.«
»Ein Skalpell?«
»Die Details passen auf ein Skalpell. Der saubere Schnitt verrät mir, dass die Klinge sich in der Wunde nicht gedreht hat. Das Opfer war entweder bewusstlos oder so fest angebunden, dass es sich nicht rühren oder Widerstand leisten konnte. Es war ihr nicht möglich, die Klinge von ihrer geraden Schnittlinie abzubringen.«
Barry Frost sah aus, als wolle er sich jeden Moment übergeben. »O Mann, sagen Sie mir bitte, dass sie schon tot war, als er das getan hat.«
»Ich fürchte, dass dies keine postmortale Verletzung ist.« Nur Tierneys grüne Augen waren über seiner OP-Maske zu sehen, und sie blickten zornig.
»Gab es prämortale Blutungen?«, fragte Moore.
»In der Beckenhöhle hatte sich Blut angesammelt. Das bedeutet, dass ihr Herz noch gearbeitet hat. Sie war noch am Leben, als diese
Operation durchgeführt wurde.«
Moore betrachtete die Handgelenke mit den ringförmigen Blutergüssen. Ähnliche Male fanden sich um beide Fußgelenke herum, und ein Streifen von Petechien punktförmigen Hautblutungen zog sich über ihre Hüften. Elena Ortiz hatte sich gegen ihre Fesseln gesträubt.
»Es gibt noch weitere Anzeichen dafür, dass sie am Leben war, während ihr der Schnitt beigebracht wurde«, sagte Tierney. »Legen Sie Ihre Hand in die Wunde, Thomas. Ich glaube, Sie wissen schon, was Sie da finden werden.«
Widerstrebend steckte Moore seine behandschuhte Hand in die Wunde. Das Fleisch fühlte sich kalt an; es war mehrere Stunden im Kühlraum aufbewahrt worden. Es erinnerte ihn an das Gefühl, wenn man in einen Truthahn hineingreift und nach dem Beutel mit den Innereien tastet. Er schob die Hand bis zum Handgelenk hinein und befühlte mit den Fingern die Ränder der Wunde. Dieses Wühlen im intimsten Teil der weiblichen Anatomie war eine Verletzung der Schamgrenze. Er vermied es, Elena Ortiz ins Gesicht zu sehen. Nur so konnte er ihre sterblichen Überreste mit dem notwendigen Abstand betrachten, nur so konnte er sich auf die kalten technischen Details dessen konzentrieren, was ihrem Körper angetan worden war.
»Der Uterus fehlt.« Moore sah Tierney an.
Der Gerichtsmediziner nickte. »Er ist entfernt worden.«
Moore zog seine Hand aus der Leiche heraus und starrte auf die Wunde, die wie ein offener Mund klaffte. Jetzt steckte Rizzoli die Hand hinein und mühte sich, mit ihren kurzen Fingern die Höhlung zu erforschen.
»Sonst ist nichts entfernt worden?«, fragte sie.
»Nur die Gebärmutter«, sagte Tierney. »Er hat die Blase und den Darm nicht angerührt.«
»Was ist das für ein Ding, das ich hier tasten kann? Dieser harte kleine Knoten auf der linken Seite?«, fragte sie.
»Das ist Nahtmaterial. Er hat es benutzt, um die Blutgefäße abzubinden.«
Rizzoli hob verblüfft die Augen. »Das ist also ein chirurgischer Knoten?«
»Einfaches Katgut, Stärke zwo-null?«, tippte Moore und sah Tierney fragend an.
Tierney nickte. »Das gleiche Nahtmaterial, das wir bei Diana Sterling gefunden haben.«
»Katgut, Stärke zwo-null?«, fragte Frost mit schwacher Stimme. Er hatte sich vom Seziertisch zurückgezogen und stand jetzt in einer Ecke, bereit, sich nötigenfalls auf das Waschbecken zu stürzen. »Ist das so was wie ein Markenname?«
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