Die „Große Mauer" - nicht von ungefähr gilt dieses aus Stein, Erde und Lehm gebaute Bauwerk Chinas als eines der bedeutendsten und größten Bauwerke unserer Erde, Sinnbild der turbulenten Beziehungen Chinas zu seinen nördlichen Nachbarn. Michel Jan beschreibt auf sympathische Weise und sachkundig die Geschichte der Großen Mauer im Wandel der Zeiten. Mit Blick auf die chinesischen Dynastien, durch sinnvolle und qualifizierte Endnoten ergänzt, macht sein Text diesen prächtigen 270-Seiten-Bildband nicht einfach nur zu einem Buch über die „Zehntausend Li lange Mauer", wanli chang cheng, sondern schon der Entwurf einer knapp gehaltenen Zivilisationsgeschichte des Reichs der Mitte. Es gelingt ihm dabei, von westlichen Denkkategorien wegzuführen und hin zum Verständnis dessen, was „China" ist und „chinesisch" ausmacht. Solches einmal erfaßt, ist es nur konsequent, bei der Bildauswahl für einen Bildband über die Trenn- und Verbindungslinie Große Mauer nicht unmittelbar an den Grenzen Chinas halt zu machen. Qualitativ hochwertige Farbaufnahmen beschwören durch einfühlsam fotografierte Kunstwerke aus mehr als zwei Jahrtausenden - darunter Grabfiguren, Malereien und buddhistische Kunst - die Vergangenheit und lassen sie lebendig werden. Eingestreute Zeichnungen, kalligraphische Feinheiten und Gedichte runden eine in jeder Hinsicht gelungene bibliophile Kostbarkeit ab. Beeindruckende Fotos der Mauer der Fotografen Roland und Sabrina Michaud wechseln sich so ab mit wie Gemälde wirkenden Landschaftsimpressionen der Steppe und des nordchinesischen Lösslandes wie auch aussagestarken Porträts von Han-Chinesen, Mongolen, Kasachen und Kirgisen und ihrer Lebenswelt. Dadurch fällt kaum auf, dass kaum Bilder der Mauer von außerhalb der Großregion Beijing-Datong aufscheinen, die Autoren dem Leser keine Einblicke in technisch-architektonische Details des gewaltigen Verteidigungswalls gewähren. Vielmehr porträtieren sie ihn als einen ruhenden Drachen, wie er sich in herrlichen Panoramen durch die Berge windet. Dabei finden einige Bilder Eingang - wie der so genannte „Hängende Palast am Grünen Felsen", bei dem es sich um einen buddhistischen Tempel im Taihang-Gebirge handelt - die ohne Kontext als schöne Motive eingefügt sind. Vielleicht hätte man sich die wirklich vorzüglichen, ausführlich-inhaltsreichen Bilderläuterungen in die Nähe der betreffenden Fotos gewünscht. Doch hier scheint dem Rezensenten, das seine Ansprüche um sehr steigen, je besser das vorliegende Werk ist. Dies aber ist keine Frage: Dem Prachtband über die Große Mauer des Hirmer Verlages lässt sich wirklich nur widerstehen, wenn man das für diese Qualität nun einmal aufzubringende Geld nicht in seinem Geldbeutel findet. Kurz: hier haben wir ein Werk, das man immer wieder zur Hand nimmt, um sich von ihm in eine längst vergangene fremde Welt entführen zu lassen. Andreas Gruschke