Rezension
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die Canterbury-Erzählungen
OT The Canterbury Tales OA 1478 DE 1827Form Erzählung in Vers und ProsaEpoche Mittelalter/Renaissance
In der noch dem Mittelalter angehörenden literarischen Form der Rahmenerzählung präsentierte Geoffrey Chaucer in seinen Canterbury-Erzählungen eine neue Literatur. Nie zuvor hatte ein Autor die Lebenswirklichkeit in einer volkstümlichen, jedoch zugleich vollendeten Sprache geschildert.
Entstehung: Die Canterbury-Erzählungen entstanden zwischen 1387 und dem Todesjahr des Dichters. Ihr Vorbild war das Das Dekameron (134853) von Giovanni R Boccaccio, eine Sammlung von Geschichten, die in eine Rahmenhandlung eingebettet sind. Die Stoffe der Canterbury-Erzählungen stammen von antiken Autoren, aus mittelalterlichen Quellen oder lehnen sich an Boccaccio an. Trotz dieser Vorbilder ist das Werk von Chaucer eigenständig.
Aufbau: Chaucer unternimmt in seinem Werk mit 29 Frauen und Männern eine Pilgerreise zu Pferd von London nach Canterbury an das Grab des heiligen Thomas Becket. Der Wirt einer Taverne, selbst mit von der Partie, schlägt vor, dass die Reisenden sich unterwegs die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertreiben. Jeder Pilger soll zwei Geschichten auf der Hin- und zwei auf der Rückreise erzählen. Der Tod Chaucers verhinderte, dass dieses ehrgeizige Projekt von 120 Geschichten zu Stande kam; 24 sind überliefert, zwei von ihnen blieben unvollendet. Viele Geschichten sind durch Zwischenstücke miteinander verbunden, in denen verschiedene Reisende sich zu den Erzählungen äußern. Häufig fehlen diese Einschübe jedoch und bis heute ist die geplante Reihenfolge der Geschichten nicht ganz geklärt.
In einem lebendigen Prolog, in dem die erwachende Natur und der Aufbruch der Menschen in Einklang gebracht sind, stellt der Autor die Mitreisenden vor, die aus unterschiedlichen Ständen der höchste und niedrigste Stand ausgenommen stammen. So repräsentieren die Mitglieder der Reisegruppe einen Querschnitt der mittelalterlichen Gesellschaft vom Ritter über Junker, Dienst- und Kaufmann, Nonne, Mönch, Pfarrer, Ablasskrämer bis zum Müller, Pflüger und Koch. Die Reisenden wirken auf den ersten Blick typisiert, sind jedoch mit scharf beobachteten, ausgeprägt individuellen Zügen ausgestattet. Sie werden teils mit Humor, teils mit beißender Satire, allerdings auch idealisierend dargestellt wie der Ritter, der einem untergehenden Stand angehört. Chaucer spielt virtuos mit allen mittelalterlichen Literaturformen; jeder Person ist eine bestimmte Form zugeordnet, von der Romanze (Geschichte des Ritters) und Heiligenlegende (Geschichte der Priorin) bis zur Predigt oder Tierfabel.
Inhalt: Die meisten der Geschichten handeln von der Liebe, so die Geschichte des Ritters, der die Romanze zwischen einer Dame und zwei sie verehrenden Rittern wiedergibt, oder die der Frau aus Bath, die fünf Ehemänner überlebt hat; Souveränität, so lautet der Kern ihrer Geschichte, ist der höchste Wunsch der Frauen. Mit Schwänken von gehörnten Ehemännern unterhalten der Müller, der Verwalter und andere Pilger ihre Mitreisenden. Eine der amüsantesten Geschichten ist die Tierfabel, die der Nonnenpriester vorträgt. Sie handelt vom Hahn Chantecleer, der sich zunächst vom Fuchs übertölpeln lässt, weil er auf dessen Schmeicheleien hin mit geschlossenen Augen singt, danach jedoch dem Fuchs durch eine List entwischt.
Wirkung: Die für ihre Zeit ungewöhnlich lebendige und umfassende Darstellung menschlicher Verhaltensweisen und Eigenarten sowie ihre humoristische Grundhaltung machten die Canterbury-Erzählungen zu einem bahnbrechenden Werk und schon im 15. Jahrhundert zu einem Publikumserfolg. Sie wurden beispielhaft für viele andere Dichter, die Chaucers Erzählweise imitierten. Bis ins 20. Jahrhundert wurde dieses Werk immer wieder gedruckt und nacherzählt. Unter dem Titel Tolldreiste Geschichten verfilmte 1972 Pier Paolo Pasolini (192275) Teile der Canterbury-Erzählungen. Noch 600 Jahre nach seiner Entstehung gilt das Buch als Meisterwerk der Weltliteratur.
Über den Autor
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Chaucer, Geoffrey engl. Dichter *um 1340 London, 25.10.1400 ebd. Die Canterbury-Erzählungen, um 1387-1400 Geoffrey Chaucer steht mit seinem Werk an der Schwelle vom Mittelalter zur Renaissance. Der Übergang zur neuen Epoche zeigt sich in seinem bedeutendsten und dauerhaftesten Werk, den - unvollendeten -Canterbury-Erzählungen. Mit der anschaulichen, meisterhaften Sprache sowie seiner realistischen und zugleich humorvollen Weltsicht in diesem Werk setzte er Maßstäbe für die nachfolgende englische Literatur. Von 1357 an diente Chaucer, Sohn eines wohlhabenden Londoner Weinhändlers, als Page im Hause von Elisabeth, der Gräfin von Ulster, Ehefrau des dritten Sohns des englischen Königs Edward III. (1327-77), und kam dadurch schon früh in Berührung mit dem Hof. Im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich (1337-1453) war er 1359/60 als Soldat in Frankreich, geriet dort in Gefangenschaft und wurde mit Hilfe des Königs freigekauft. 1367 wurde er Junker im Hofstaat. Chaucer erhielt königliche Ämter, unter anderem als Zollinspektor des Londoner Hafens. In diplomatischer Mission reiste er nach Flandern, Frankreich und Italien (1372/73 und 1378) und lernte das Werk der italienischen Dichter Giovanni R Boccaccio und Francesco R Petrarca kennen. Vermutlich verlor er Ende 1386 die Gunst des Hofes. Erst König Richard II. (1367-1400) gewährte ihm 1394 eine Pension, die dessen Nachfolger Heinrich IV. (1367-1413) erhöhte. In der frühen Phase seines Werks übersetzte Chaucer den altfranzösischen Rosenroman (entst. 13. Jh.). In der zweiten Phase griff er Anregungen der italienischen Literatur auf, die bereits von der Renaissance geprägt war. Hier entstand die Versdichtung Das Vogelparlament (1382), die Bezug nimmt auf die Vermählung von Richard II. Das Epos Troilus and Cresseyde (1385) hat nach dem Vorbild von Petrarca die höfische Liebe zum Thema. Sein Hauptwerk, die Canterbury-Erzählungen, konnte Chaucer vor seinem Tod nicht mehr vollenden. Biografien: S. Knight, Geoffrey Chauser, 1986; W. Riehle, Geoffrey Chauser (rm 50422).