Die Pilgerfahrt des Lebens
Geoffrey Chaucers «Canterbury-Erzählungen», neu übersetzt
Von Stefana Sabin Geoffrey Chaucers Erzählzyklus «The Canterbury Tales» blieb zwar unvollendet, gilt aber als eine Art Basistext der englischen Literatur. Umso mehr mag es erstaunen, dass eine integrale deutsche Übersetzung erst in den 1980er Jahren entstand: Sie ist nun in einer zweisprachigen Ausgabe neu aufgelegt worden. Bald nach seinem Tod im Oktober 1400 begann die Geschichtsschreibung Geoffrey Chaucer zum Schmied der englischen Sprache und Begründer einer authentischen englischen Literaturtradition zu stilisieren. Obwohl er ein vielfältiges dichterisches Werk hinterliess, gründete und gründet wohl immer noch diese ausserordentliche Hochschätzung Chaucers hauptsächlich auf einem Zyklus von Prosa- und Verserzählungen, die auf einer Pilgerfahrt nach Canterbury spielen: «Die Canterbury- Erzählungen», um 1395 geschrieben, gelten als erster klassischer Text der englischen Literatur. Zwar ist das Werk unvollendet geblieben: Von den 120 geplanten sind nur 21 vollständige und 3 unvollständige Erzählungen mit Einleitungen, Überleitungen, Prologen, Epilogen überliefert, aber die subtile soziale und psychologische Erfindungsgabe, die sich darin ausdrückt, machte Chaucer auch zum unfreiwilligen Schöpfer einer englischen Identität, der er die Sprache gab. Denn in einer Zeit, da die englische Dichtung in Latein oder Anglonormannisch geschrieben wurde, gebrauchte Chaucer das gesprochene Idiom und verlieh dem (Mittel-)Englischen eine poetische Signifikanz; ganz im Sinne der von Jacques Derrida formulierten Ursprungstheorie ist Chaucers Englisch der Ursprung der englischen Literatursprache. Dieses Verdienst pries John Lydgate um 1412 mit den Worten: «Gan oure tonge first to magnifie, / And to adourne it with his eloquence»; und das Urteil hat sich über sechs Jahrhunderte literaturkritischer Exegese hinweg gehalten. Chaucer trug, wie Harold Bloom 1985 schrieb, die englische Sprache «further into unthinkable triumphs of the representation of reality than ought to be possible». Zur sprachlichen Dimension der «Canterbury-Erzählungen» kommt noch ihre formale und inhaltliche Vielfalt: Ritterepos und «fabliau», «comedy of manners» und Sozialsatire, «moral tale» und Tierfabel, Allegorie und Parodie. Und anders als Boccaccios adlige Erzähler im «Decamerone», mit dem die «Canterbury-Erzählungen» immer wieder verglichen werden, stammen Chaucers erzählende Pilger aus ganz verschiedenen sozialen und intellektuellen Schichten. So zeichnete Chaucer zugleich auch ein breit angelegtes Gemälde der englischen Gesellschaft im ausgehenden Mittelalter und zog alle sprachlichen und stilistischen Register. Dabei benutzte er den Topos der Pilgerreise als Rahmenhandlung und scheute vor keiner Anleihe bei der mittelalterlichen Dichtung und bei der durch die mittelalterliche Mystik vermittelten antiken Philosophie zurück. Tatsächlich sind die «Canterbury-Erzählungen» von biblischen, literarischen, wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Anspielungen und Zitaten durchsetzt, und es lässt sich darin eine postmodern gesprochen intertextuelle Ebene ausmachen, auf der Pseudo-Dionysius, Augustin, Dante und die anonymen Hofdichter von Heldengesängen mit dem Erzähler Chaucer und seinen Pilger-Erzählern zusammentreffen. DAS TREUE, TRÜGERISCHE WORT Die Pilger, die sich in einer Londoner Herberge begegnen und sich gemeinsam auf den Weg nach Canterbury machen, werden von dem Erzähler, der sich ihnen anschliesst, in keiner hierarchischen Ordnung präsentiert, denn er stellt sich als unparteiischen Beobachter dar, der vorhat, «zu berichten, was sie sagten und wie sie sich verhielten»: als zuverlässigen Erzähler also, der der wahrheitsgemässen Wiedergabe verpflichtet ist. «Wer die Geschichte eines anderen wiedererzählen soll, / muss so getreu, wie er nur kann, / jedes Wort wiedergeben, wenn er dazu verpflichtet ist, / mag derjenige auch noch so ordinär und kunstlos reden; / andernfalls kann er die Geschichte nicht getreulich wiedergeben, / muss dazudichten oder nach neuen Wörtern suchen.» Aber dieser Erzähler betont nicht nur die absolute Entsprechung von Erzähltem und Erlebtem, sondern er vertritt zugleich ganz im Sinne mittelalterlicher Sprachphilosophie einen grundsätzlichen Skeptizismus gegenüber der Valenz der Sprache. Und indem er die Möglichkeit der Sprache, die Welt darzustellen, bezweifelt, bezweifelt er auch die Möglichkeit, das Erlebte und Gehörte selbst treu darzustellen und mutiert so zu einem unzuverlässigen Erzähler. Dieser Wechsel in der Haltung des Erzählers vom allwissenden Berichterstatter über den misstrauischen Zuhörer hin zur zweifelnden Erzählerfigur und sein je verschiedenes Auftreten innerhalb der Fiktion sind dramaturgisch in der Komposition der «Canterbury-Erzählungen» eingebettet. Gleich dreifach ist Chaucer in seinem Werk vertreten: als Autor, als Dichter und als Pilger, und alle drei Rollen gehen wiederum wechselnde Verbindungen miteinander ein: Der Autor ist Dichter und Pilger zugleich, der Dichter ist Erzählerfigur und Erzähler, der Pilger wird selber zum Erzähler. Die Pilgerfahrt ist die fiktive Wirklichkeit, innerhalb welcher die wirklichen Fiktionen, die jeweiligen Erzählungen, entfaltet werden. Manche Erzählungen werden abrupt unterbrochen oder nicht zu Ende erzählt, manche werden innerhalb anderer Erzählungen wieder aufgenommen. Die Episoden unterscheiden sich nach Umfang (die Erzählung des Bettelmönchs ist 61 Zeilen lang, diejenige des Kochs nur 9), Stil und Stimmung (der Müller erzählt eher witzig und schnell, die Frau aus Bath eher komisch und vulgär; der Kaufmann ist ein Erzähler von psychologischem und moralischem Ernst). Diese scheinbare stilistische Uneinheitlichkeit ist Programm: Die Mimesis zwischen Erzähler und Erzählung ist Teil der narrativen Strategie Chaucers und gibt den «Canterbury-Erzählungen» ihre epische Breite und ihren realistischen Gehalt. «Here is God's Plenty», lautet der viel zitierte Ausspruch von John Dryden, der damit ein Realismuskonzept der Pluralität formulierte, das er in den «Canterbury-Erzählungen» meisterhaft ausgeführt sah. Auch eine Darstellungsform gefunden zu haben, die bei allen karikierenden und grotesken Beschreibungen dennoch in einem konventionellen Stil verankert ist und so die realistische Wiedergabe der Wirklichkeit erlaubt, gehört zu Chaucers literarischen Pionierleistungen. Die unterschiedliche Herkunft der Pilger und ihre nach Gehalt und Gestalt verschiedenen Erzählungen ermöglichten eine gesellschaftsrealistische, die dramatische Unmittelbarkeit der Figuren eine psychologisch-realistische Beschreibung; und die metaphorische Kraft der Sprache «His metaphors», schrieb William Hazlitt 1818, «are not for ornament, but use» schuf einen traditionsbildenden poetischen Realismus. INNOVATIVE FORMEN Chaucer machte die Prosaerzählung, die zu seiner Zeit hauptsächlich die Form mystischer und überhaupt geistlicher Abhandlungen war, auch zum literarischen Medium. Und als Versform prägte er den siebenzeiligen «rhyme royal» und das «heroic couplet», jenen fünftaktigen Vers mit je zwei durch Endreim verbundenen Zeilen, aus dem Shakespeares reimloser «blank verse» entstand. Chaucers Sprache war schon zu Shakespeares Zeiten nicht mehr verständlich, denn dazwischen lagen tiefgreifende Veränderungen nicht nur auf lautlicher und grammatischer, sondern auch auf lexikalischer Ebene. Chaucers antiquiert wirkende Sprache und vor allem seine unregelmässige Metrik brachten ihm die Verachtung der klassizistischen Dichter im 17. und frühen 18. und die Bewunderung der Romantiker im 19. Jahrhundert ein. Chaucer gehört auch zu den ersten Dichtern, die lebensnah porträtiert wurden: Auf einer frühen, farbenfroh ausgemalten Handschrift, die in der British Library aufbewahrt wird, ist er gleich in der ersten Zeile lesend abgebildet, wobei sein ernster Gesichtsausdruck durch rote Socken ironisch relativiert wirkt. Unter dem Einfluss der Handschriftentradition wurden auch die ersten gedruckten Ausgaben der «Canterbury-Erzählungen» üppig illustriert, so dass eine Bildergeschichte den Verlauf der Handlung begleitete. Diese Ausgaben beruhten auf Handschriften, von denen im 15. Jahrhundert nicht weniger als zehn verschiedene Konvolute zirkulierten, und die chronologischen und geographischen Ungereimtheiten im Handlungsverlauf gehen auf die Anordnung in den verschiedenen Manuskriptkonvoluten zurück. Denn von den «Canterbury-Erzählungen», die ursprünglich für den mündlichen Vortrag gedacht waren, gibt es keine Handschrift, die Chaucer selbst zugeschrieben werden könnte, sondern nur Abschriften, von denen das Ellesmere-Manuskript aus dem frühen 15. Jahrhundert allen modernen Ausgaben zugrunde liegt. Als Standardausgabe gilt der sogenannte «Riverside Chaucer», eine Ausgabe, die auf der Grundlage des Ellesmere-Manuskripts 1957 von F. N. Robinson herausgegeben und ihrerseits 1987 von Larry D. Benson neu ediert wurde. Chaucers mittelenglische Dichtung wurde immer wieder übersetzt, wobei die stilistische und sprachliche Komplexität der «Canterbury- Erzählungen» eine besondere Herausforderung darstellte bei Übersetzungen ins moderne Englisch ebenso wie bei solchen in andere Sprachen. Ins moderne Englisch übertrug schon John Dryden Ende des 17. Jahrhunderts eine Auswahl der Erzählungen die erste deutsche Übersetzung erschien erst 1866. Seitdem hat es mehrere Übertragungen ins Deutsche gegeben, meistens Nachdichtungen, die die Prosaerzählungen ausliessen. In den achtziger Jahren erschien die erste vollständige Prosaübersetzung von Fritz Kemmler, die der Goldmann-Verlag nun in einer schönen Kassette neu aufgelegt hat. Kemmler verzichtet auf Reim und Metrum, aber indem er die Zeile des Originals als Gliederungseinheit beibehält, legt er sich Formulierungs- und Satzbauzwänge auf, die der Flüssigkeit der Erzählung abträglich sind. Auch auf die in vielen Übersetzungen praktizierte Vereinheitlichung verzichtet Kemmler und gibt Tempora und unterschiedliche Anredeformen derselben Figuren auch dann getreu wieder, wenn dies der Kohärenz entgegenwirkt. So stellt sich der hurtige Rhythmus des Originals nicht ein, aber indem Kemmler Wortgeschichte und Sprachgeschichte ausschöpft, gelingt es ihm manchmal, Wortspiele und Mehrdeutigkeiten ins Deutsche herüberzuretten. Kemmlers Prosaübersetzung ist nicht so sehr eine literarische als vielmehr eine philologische Leistung. So enthält diese Ausgabe denn auch einen umfangreichen Kommentarteil, den Jörg O. Fichte besorgt hat. Er umfasst Einleitungen zu den einzelnen Erzählungen, Anmerkungen zum Text, Bibliographie, einen Abriss der Formenlehre und Angaben zur Aussprache des Mittelenglischen, Überblicke über die englische Geschichte im 14. Jahrhundert, über Leben und Werk Geoffrey Chaucers und über die Geschichte der Chaucer-Rezeption und vermittelt so einen Eindruck von der literaturhistorischen Bedeutung der «Canterbury-Erzählungen». Insofern ist diese zweisprachige Ausgabe nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Rezeption Chaucers im deutschsprachigen Raum, sondern sie ermöglicht einen Zugang zu einem wesentlichen Text des literarischen Kanons.