Die Burg von Otranto steht im Mittelpunkt dynastischer Ränke, hat sie der fiese Ritter Manfred doch seinerzeit Alfred dem Guten abgeluchst. Bekanntlich lohnt sich Verbrechen nicht, und so fällt denn auch ganz folgerichtig ein riesiger Helm vom Himmel und erschlägt Manfreds einzigen Nachkommen, den schwächlichen Conrad. Schurke Manfred muss ganz fix einen neuen Erben produzieren. Zum Glück hat der vom Riesenhelm Erschlagene eine hübsche Verlobte hinterlassen, der sich Manfred, der nicht nur ein Finster-, sondern auch ein Lüstling ist, in untugendhafter Absicht zu nähern versucht. Und das, obwohl er noch nicht mal geschieden ist! Das Burgfräulein kreischt und läuft weg. Schurke Manfred immer hinterher. Unter heftigem Deklamieren geht es nun kreuz und quer durch das gotische Gemäuer, während alle drei Buchseiten ein Gespenst aus einer Mauernische tritt und "mit hohler Stimme" unheilvolle Prophezeiungen abgibt, woraufhin alle Anwesenden "mit wilden Blicken und Gebärden, die äußerste Angst verraten" davonstürzen. Gleichzeitig verwickeln sich durch überraschende Enthüllungen über von Seeräubern geraubte Kinder und geheimgehaltene Identitäten die Familienverhältnisse der Beteiligten, bis am Ende - soviel darf wohl verraten werden - die Tugend triumphiert. Die "Burg von Otranto", 1764 veröffentlicht, gilt als Prototyp des Schauerromans. Das Werk entwickelte sich rasch zum Bestseller und wurde so zu einem Wegbereiter für die moderne Spannungs- und Trivialliteratur. Auf den modernen Leser dürften die haarsträubend doofe Handlung, die umständliche Erzählweise und die hölzernen Dialoge ("Weh mir, ich werde ermordet!") eher erheiternd wirken. Aber genau das verleiht dem Roman einen beträchlichen Charme, und wer schon dem legendären "Angriff der Killertomaten" nicht widerstehen konnte, wird sicherlich auch Freude an diesem Klassiker des Trash haben.