Liebe Leser,
im Rahmen der Aktion 'Studenten rezensieren für Studenten' habe ich mich für das Buch Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969. von Rudolf Morsey entschieden, da mich das Thema sofort angesprochen hat. Ich selbst habe erst vor kurzem mein Staatsexamen in den Fächern Geschichte, Deutsch und Mathematik abgelegt und bin daher 'gut eingelesen', was die neueste Geschichte Deutschlands betrifft.
Das Buch des Oldenbourg Verlags ist bereits in der 5. Auflage erschienen und zeigt damit deutlich, dass an ihm kontinuierlich weitergearbeitet, es um aktuelle Forschungserkenntnisse ergänzt worden ist und es sich somit auf dem 'neuesten Forschungsstand' befindet.
Der Aufbau des Buches ist typisch für die Oldenbourg-Reihe: Den Anfang macht die Darstellung des Themas im Zeitraum zwischen 1949 und 1969, auf den die Grundprobleme und Tendenzen der Forschung folgen, in denen besonders auf die Quellenlage und auf verschiedene Forschungsrichtungen eingegangen wird. Den Anschluss bildet das Kapitel über Quellen und Literatur, das konkret auf die Werke eingeht, deren Inhalte die Grundlage des vorliegenden Buches darstellt und als Anregung zum vertieften Einarbeiten in das Thema gesehen werden kann. Abschluss ist der Anhang, der eine Zeittafel, eine Karte über Deutschland 1945 sowie Personen- und Sachregister enthält.
Was mir an diesem Buch sehr gut gefallen hat, war zum einen die klare und sehr gut verständliche Sprache, die nicht mit unnötigen Fremdwörtern ausgeschmückt ist oder ewig lange Sätze enthält. Ich musste kaum einen Absatz zweimal lesen, weil ich ihn beim ersten Lesen nicht verstanden hatte, was mir bei anderer Fachliteratur, vor allem im Rahmen der Examensvorbereitung, doch häufiger passiert ist. Doch trotz dieser 'Einfachheit' ist es Rudolf Morsey zum anderen gelungen, sehr viel konkretes Fachwissen in sein Werk zu packen, sei es durch konkrete Zitate oder anschauliche Beispiele. Die Kombination aus leicht lesbarer Sprache und wissenschaftlichem Anspruch macht dieses Buch vor allem für Studenten so interessant, die jedes Semester ein gewaltiges Lese-Pensum zu erfüllen haben und sich über 'leichte, aber doch inhaltlich ansprechende Lese-Kost' freuen, was vor allem bei Geschichts-Werken eher selten der Fall ist.
Ein weiteres 'Plus' des Buches Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969. ist die logisch nachvollziehbare Gliederung des behandelten Themenbereichs.
Morsey beginnt mit der Besatzungsherrschaft von 1945 bis 1949, in der die Grundlagen für die spätere Bundesrepublik Deutschland geschaffen und ausgebaut werden. Er setzt hier kaum Fachwissen voraus, da er alles leicht verständlich erklärt und bei Bedarf auch auf Geschehnisse vor 1945 eingeht, die zum Verständnis nötig sind. Vor allem ist in diesem Kapitel die Darstellung der schrittweisen Entfremdung der Ost- und Westmächte mit dem Ergebnis des geteilten Deutschlands durch den 'Eisernen Vorhang' hervorzuheben. Besonders die unterschiedlichen Interessen der Alliierten werden hier dargestellt und deren Handlungen somit nachvollziehbar begründet. Das Ende des ersten Kapitels bildet sie Folge des Kalten Krieges: Die doppelte Staatsgründung in die Bundesrepublik Deutschland und die DDR.
Das zweite Kapitel innerhalb der Darstellung ist die Gründerjahre der Bundesrepublik Deutschland und die Anfänge der Ära Adenauer von 1949 bis 1955. Dieser Zeitraum wird von Morsey vor allem durch die Ziele Adenauers definiert: Die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität, die Wiedervereinigung Deutschlands, den Aufbau und die Bewahrung der militärischen und politischen Sicherheit der Bundesrepublik, den Wiederaufbau der Wirtschaft und den sozialen Ausgleich im Innern und der Nichtanerkennung der Oder-Neiße-Linie. Er stellt hier knapp und doch gut verständlich das oberste Ziel dieser Zeit dar: die Stabilisierung des 'neuen' Staates und die Mittel hierfür, wobei er vor allem die Westbindung anspricht.
Die Konsolidierung und Bewährungsphase von 1955 bis 1963 bildet das dritte Kapitel, das mit dem Ende der Ära Adenauers abgeschlossen wird. Wichtige Aspekte sind hier die fortschreitende Westintegration, die Berliner Krisen und die Veränderung des Verhältnisses zu Frankreich. Dieses Kapitel ist meiner Meinung nach das Beste des ganzen Buches, da ich hier zum ersten Mal alle Zusammenhänge verstanden habe, die für die politische Herrschaft Adenauers den Titel 'Ära' rechtfertigen. Selbst ohne detailliertes Vorwissen ist es dem Leser möglich, einen Sinnzusammenhang herzustellen und zu verstehen, warum Adenauer genau diese Ziele verfolgt hat und warum es der richtige Weg war, den er bestritten hat.
Auf dieses Kapitel folgt die Kanzlerschaft Erhards von 1963 bis 1966, die aus dem Rücktritt Adenauers vom 15. Oktober 1963 resultierte. In diesem kurzen Kapitel wird die glücklose Regentschaft Erhards dargestellt, der gegen Intrigen des Altkanzlers Adenauer anzukämpfen hatte, da dieser ihn für ungeeignet hielt und ihm auch beispielsweise das zunehmend kühlere Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland zum Vorwurf gemacht hat. Ludwig Erhard galt daher eher als 'Zwischenlösung' und nicht als oberster Politiker für die Zukunft. Bereits 1966 trat Erhard zurück, als die CDU/CSU-Bundestagsfraktion Kurt Georg Kiesinger zum Kanzlerkandidaten wählte, welcher eine große Koalition mit der SPD ermöglichte.
Diese Thematik bildet das fünfte Kapitel des Buches mit dem Titel Das Experiment der Großen Koalition von 1966 bis 1969. Hier wird auf die Ziele der Regierung Kiesingers eingegangen und die verschärfte Abgrenzung zur DDR dargestellt. In dieser Zeit wurde die Rezession überwunden und ein neuer Aufschwung setzte ein. Einige gesetzte Ziele konnte die Regierung Kiesingers somit schnell erreichen, andere wiederum scheiterten gänzlich, wie beispielsweise die Einführung eines neuen Wahlrechts. Ein besonderer Erfolg, der von Morsey erwähnt wird, ist das 1967 verkündete Parteiengesetz, das die verfassungsrechtliche Stellung der Parteien definierte. Das Ende der Regierungszeit markierten die Bundestagswahlen 1969, bei denen Willy Brandt zum neuen Bundeskanzler ernannt wurde.
Das letzte Kapitel der Darstellungen bildet ein Ausblick auf die nahe Zukunft mit wichtigen zukünftigen Geschehnissen. Hier kann vor allem auf den Band der Oldenbourg-Reihe verwiesen werden, der an das Jahr 1969 nahtlos anknüpft.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieses Buch von Rudolf Morsey eigentlich in jedes Geschichts-Studenten-Regal gehört, beziehungsweise einmal gelesen worden sein sollte. Es kann sowohl zur Einführung als auch zur Vertiefung einzelner Themen herangezogen werden und bietet im Kapitel Quellen und Literatur gute, weiterführende Literaturtipps.
Dem Autor gelingt es, den ereignisreichen Zeitraum von 1945 bis 1969 zusammenhängend darzustellen und das in einem angenehm und zum Weiterlesen anregendem Schreibstil. Vor allem für Studenten der Geschichtswissenschaft aber ist die wissenschaftliche Basis wichtig, die vom Autor durch ausreichend Belege und Zitate eingehalten wird.
Das Layout der Oldenbourg-Reihe trägt das Übrige zum angenehmen Lese-Erlebnis durch eine klare, nicht zu kleine Schrift und gezielt platzierte Zwischenüberschriften bei. Mein persönlicher Tipp richtet sich an Studenten der Universität Regensburg, die die Lehrveranstaltung Das Parteiensystem und die Geschichte der politischen Parteien in der Bundesrepublik Deutschland besuchen. Das Buch vermittelt das Basiswissen, das für das Verständnis der 'Parteienproblematik' nach dem 2. Weltkrieg nötig ist und greift das Thema der Parteien auch an den wichtigsten Knotenpunkten immer wieder auf. Beispielsweise bei der Zulassung von parteiähnlichen Verbänden in Ost und West und dass es hier gravierende Unterschiede gab, wie mit dem Thema umgegangen wurde. Dem Leser wird klar, dass die heutige 'Parteienlandschaft' erst nach und nach entstanden ist und wie unterschiedlich sich die Parteien auch im geteilten Deutschland entwickelt haben.
Abschließend kann ich dieses Buch nur jedem Geschichtsstudenten empfehlen, da das enthaltene Wissen unerlässlich für ein effektives Geschichtsstudium und das darauffolgende Berufsleben ist. Ich denke auch, dass sich das Buch vor allem für die Examensvorbereitung sehr gut eignet und wäre froh gewesen, wenn ich es schon zu meiner Vorbereitungszeit für mich entdeckt hätte. Es bietet einen gut strukturierten Überblick und ermöglicht vertiefendes Arbeiten in einzelnen Themenbereichen. Alles in allem ein sehr gutes Buch mit einem ausgezeichneten Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn man bedenkt, wie tief man für so manch andere Geschichtsbücher in die Tasche greifen muss.
Viel Spaß beim Lesen '
S. Reigl