Auf die Gefahr hin, in Kenner- und Cineastenkreisen ab sofort im Ruf eines Banausen zu stehen: Ich liebe diese Verfilmung. Ich kann meine Meinung sogar begründen.
Zuvor jedoch noch eine oder zwei Vorbemerkungen: Im Gegensatz zu Regisseuren anderer "
Buddenbrooks"-Verfilmungen (es gibt mindestens vier) nennt der Regisseur Alfred Weidenmann im Vorspann ausdrücklich (und meiner Meinung nach fast allzu bescheiden) seine Verfilmung "frei nach dem Roman" von Thomas Mann. Sodann eine zweite Anmerkung: Freilich fehlen in dieser Verfilmung etliche Handlungsstränge, Motive, Figuren des Romans. Das kann man kritisieren. Konsequenterweise müsste man denselben Maßstab dann aber j e d e r Literaturverfilmung anlegen, egal ob es sich um die Verfilmung eines vielschichtigen Romans handelt, oder um die eines sogenannten "einfachen" Romans. Gravierende Kürzungen gibt's überall, ob in den Verfilmungen von "Doktor Schiwago" und "Die Stunde der Komödianten" oder in denen von "Vom Winde verweht" und der "Feuerzangenbowle". Dass das so ist, liegt nicht an der Inkompetenz des jeweiligen Regisseurs, sondern an verschiedenen, medienspezifischen Eigenschaften. Jeder lesenswerte Roman erzählt seine Handlung auf verschiedenen Ebenen und erzielt erst so seine Wirkung. Das gilt zwar auch für Filme -- aber ein Film greift zu ganz anderen Mitteln des "Erzählens". Man kann darüber Doktorarbeiten schreiben, ich will daher meine Rezension damit nicht überstrapazieren.
Die "Buddenbrooks"-Verfilmung von Weidenmann konzentriert sich auf den Niedergang des engeren Familienkreises Buddenbrooks, einer altehrwürdigen Familie in der Freien Hansestadt Lübeck Mitte des 19. Jahrhunderts. Der angesehenen Familie gehört, wie es sich für angesehene Familien zu jener Zeit in Hansestädten gehört, ein solides Handelsunternehmen mit weltweiten Verbindungen und Familienstammbuch. Die Handlung im Detail schildere ich nicht; den meisten Interessenten dürfte zumindest in groben Zügen bekannt sein, worum es in den "Buddenbrooks" geht (Wenn nicht: Lesen Sie das Buch! Sie werden es nicht bereuen. Wenn je einer den Literatur-Nobelpreis zu Recht bekommen hat, dann Thomas Mann).
Warum ich ausgerechnet diese Verfilmung so liebe, kann ich schnell erklären: Es sind diese hinreißenden Charakterisierungen, diese phantastischen Leistungen der Schauspieler. Es gibt keinen einzigen Durchhänger, keine einzige Fehlbesetzung, weder in den Haupt- noch in den Nebenrollen. Noch die kleinste Rolle ist liebevoll im Drehbuch ausgelegt und vom betreffenden Schauspieler hinreißend umgesetzt.
Ich kann's aber auch ein wenig ausführlicher machen und auf einige ganz besonders grandiose Schauspieler in diesem Film hinweisen. Da wäre zunächst, zuerst und vor allem so etwas wie eine heimliche Hauptrolle, nämlich Hanns Lothar als Christian Buddenbrook. Man kann das nicht schildern (zumindest ich kann es nicht), man muss das sehen, wie er den Exzentriker mit künstlerischen Neigungen, Verdrehtheit und Abwegen spielt. Allein seine Gesangseinlage ist ein Geniestreich -- und der Geniestreiche hat Hanns Lothar Unmengen zu bieten: Persiflagen des baltischen und schwäbischen Akzents, zu Herzen gehende abrupte Sprünge vom Übermut zur Lebensunfähigkeit, un-überspannt dargestellte Überspanntheit... die Liste ist s e h r unvollständig.
Dann wäre da dieser Robert Graf alias Bendix Grünlich, sinister und Schleimer wie aus dem Bilderbuch. Da glaubt man der Tony (Liselotte Pulver) sofort, dass sie den redseligen Bräutigam mit goldenem Backenbart abstoßend findet... Sodann Walter Sedlmayr alias Alois Permaneder, welcher "das Wort" äußert; eine liebenswerte Ida Jungmann; eine nur körperlich anwesende Gerda Arnoldsen... Nicht zu vergessen Corle Smolt (Günther Lüders) mit seiner universell einsetzbaren Rede, und Helga Feddersen als unbeeindruckt mampfende Clothilde... Und noch so einige. Ich wiederhole: Auch die kleinste Rolle ist ideal besetzt; besser geht's nicht.
Was vielleicht garnicht sofort auffällt: Auch Werner Eisbrenners Filmmusik ist nicht ohne. Eigentlich handelt es sich um ein ganz einfaches, beinahe schon schlichtes Motiv von hohem Wiedererkennungswert. In den Charts hätte es keine Chance. Aber es ist markant, und: Es ist auf eine faszinierende Weise wandlungsfähig. Nicht nur, dass es sich den aktuellen Stimmungen hervorragend anpassen lässt -- das wäre nichts besonderes. Der Clou ist: Taucht beispielsweise der Herr Permaneder erstmals auf, dann hört man's doch tatsächlich von der Blaskapelle -- aber das erkennt man nur, wenn man genau aufpasst. Wenn wiederum der kleine Hanno auf dem Klavier Kindermelodien improvisiert, und wenn sich seine Mutter wenig später in spätromantische Streicher-Soli stürzt, dann beruhen diese grundverschiedenen Melodien, wenn man genau hinhört, ebenfalls auf diesem Grundmotiv. Und so weiter, und so weiter.
Was die DVD selbst betrifft: Bild und Ton sind nicht brillant, aber gut. Und darauf kommt's an. Gelegentlich sieht man, wenn man genau hinschaut, winzige Bildstörungen -- für den Fall, dass Sie was kritisieren möchten. Die beiden Teile des Filmes sind hier jeweils in vier Einzelteile unterteilt, nach nicht ganz nachvollziehbaren Kriterien, will mir scheinen. Wer also einen bestimmten Teil direkt anklickt, landet unter Umständen mittendrin in einer Szene.
Die sogenannten Extras sind, hüstel... ausbaufähig: Die "Fotogalerie" umfasst thematisch und chronologisch unsortiert markante Standfotos, die "Biographien" einiger weniger Schauspieler sind eher mager geraten, und die "Vorschau" -- nunja.
Wer diese Verfilmung liebt, den jucken diese Schönheitsfehler vermutlich nicht.
Diese Verfilmung lässt zweifellos einige Schwergewichte des Romans außen vor, das bestreite ich überhaupt nicht. Aber was sie mitnimmt, das nimmt sie dermaßen gekonnt mit, dass zumindest ich den Film klasse finde. Ich kann nichts dafür und bitte gegebenenfalls um Gnade.