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1.0 von 5 Sternen
Ärgerlich, 27. Dezember 2010
Wie froh war ich, diesen Film nicht im Kino gesehen zu haben - 7 Euro gespart. Ich liebe das Buch und lese es regelmäßig wieder, und ich habe 1978 atemlos den Wirth-Mehrteiler, der glänzend besetzt und wunderbar und fesselnd werksnah gespielt ist, im Fernsehen verfolgt. Aber die Breloer-Verfilmung? Ich weiß noch gar nicht, ob Ärger oder Langeweile überwogen haben. Kürzungen sehe ich ein, aber Verfälschungen? Änderungen im Charakter? Nein, das ärgert mich dann doch, zumal die Notwendigkeit einfach nicht einzusehen ist. Warum aus der sanften Konsulin eine stählerne, ehrgeizige Zicke machen? Warum Gerdas rätselhafte Fremdartigkeit einfach plattbügeln in ein keckes Bürgertöchterlein komplett ohne Größe? Armin Müller-Stahl, der in "Die Manns" den Thomas Mann so herausragend gespielt hat, versagt auf ganzer Linie als Johann Buddenbrook ohne Höhen und Tiefen. Die Darsteller von Tony, Thomas und Christian sind farblos und hinterlassen keinen anderen Eindruck als den der Fehlbesetzung. Über das Drehbuch wollen wir gar nicht erst reden. Früh macht sich Langeweile breit. Und warum die ganzen Änderungen? Ist die Handlung im Buch nicht ausreichend "antörnend" und muss "gepimpt" werden? Meiner Ansicht nach ist das einfach unnötig und (für Liebhaber des Buches) schlicht ärgerlich - als ob das Buch das nötig hätte! Ein Stern nur deswegen, weil null nicht möglich sind.
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15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Wie kann man eine solche Geschichte so langweilig erzählen?, 16. Januar 2011
Es gibt ja viele Verfilmungen, ich kenne zwei, eine aus den fünfzigern, die im Stil jener Zeit - also sehr melodramatisch - gemacht wurde und die Fernsehserie von 1979 (mit Volker Kraeft als Thomas und Ruth Leuwerik als Konsulin). Da die Buddenbrooks zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehören war ich auf den Film eingermaßen gespannt, obgleich ich nicht wirklich viel erwartet habe - und das war gut so, denn sonst wäre ich bitter enttäuscht worden... Außer Armin Müller-Stahl, Iris Berben und Nina Proll (als Aline Puvogel in einer Mini-Rolle) kannte ich keinen der Schauspieler - das hat aber nichts zu heißen, da mir die zeitgenössischen deutschen sogenannten Stars fast gänzlich unbekannt sind. Meine Erwartungen an den Film waren vor allem deshalb nicht zu hoch, weil ich mir nicht vorstellen konnte, einen riesigen Stoff mit derart vielen Facetten in einem zweieinhalbstündigen Spielfilm so zu bewältigen, daß er dem Original auch nur annähernd gerecht wird. Leider hatte ich recht: die Ereignisse wurden so aneinander gereiht, als wolle man die Dinge wie anhand einer Checklist abarbeiten und abhaken. Der Film hinterläßt bei mir keinerlei Emotionen, es gab niemanden, für den ich Gefühle - positive oder negative - entwickeln konnte (nicht einmal für die patscherte Tony), keine Episode, die mich wirklich in die Geschichte hineingezogen, kein Schicksal, an dem ich Anteil genommen hätte. Es gibt keinen Höhepunkt, die Figuren haben keine Kanten und Ecken, sie sind austauschbar und belanglos wie soviele andere Dinge heutzutage. Eine Ausnahme: als Thomas Buddenbrook sich einen Zahn ziehen lassen mußte und ihm der Angstschweiß auf der Stirne stand, habe ich fürchterlich mit ihm gelitten; aber das ist etwas wenig für einen ganzen Film... Um den Stoff in Spielfilmlänge zu pressen sparte man am Personal: die zweite Buddenbrook-Tochter Clara fehlt (die im Roman den Pastor Tiburtius heiratet und mit ihm nach Riga geht, dort bald stirbt, worauf die Konsulin dem Witwer - dem Wunsch der Tochter folgend - das Erbteil auszahlt, was zu einem scharfen Konflikt zwischen Thomas und seiner Mutter führt); Tonis Tochter fehlt (die im Roman den Versicherungsdirektor Hugo Weinschenk heiratet, der kurz darauf wegen Betrugs im Gefängnis landet); Übervater Johann Buddenbrook der Ältere und sein Einfluß über seinen Tod hinaus fehlt; Da fallen ganze Episoden unter den Tisch, die vielleicht nicht essentiell sind, aber zum Verständnis der Charaktere wichtig sind (z.B. die zunehmende Religiosität der Konsulin, der Gefängnisaufenthalt von Tonis Schwiegersohn, Verstoßung von Gotthold Buddenbrook {Sohn des Firmengründers, Bruder von Jean} wegen unstandesgemäßer Heirat, die Aussöhnung von Christian und Thomas an der Ostsee; etc.) Außderdem hält sich die Handlung nicht wirklich an die Vorlage. Im Film scheint es, als ob Tony den Emporkömmling Hermann Hagenström gegen ihren Willen lieben und sich zu den unteren Klassen hingezogen fühlen würde. Im Roman ist sie das genaue Gegenteil, sie betont immer wieder die Besonderheit der Buddenbrooks und ihre Überlegenheit über die Hagenströms und hat nicht im mindesten Lust, sich mit jemandem abzugeben, den sie als unter sich stehend erachtet. Sie läßt sich - im Roman - denn auch relativ widerstandslos von ihrem Vater in die Ehe mit Bendix Grünlich treiben, obwohl sie sich in Morten Schwarzkopf (den Sohn des Lotsenkommandanten an der Ostsee, also gesellschaftlich "unmöglich") verliebt und ihm sogar die Ehe versprochen hat. Im Film wird Christian Buddenbrook von seiner Familie ins Irrenhaus gebracht und nicht von seiner "Halbweltdame" Aline Puvogel, die ihn anscheinend nur wegen seines zu erwartenden Erbes bei sich duldete. Noch einige andere Dinge scheinen mir nicht werkgetreu, da bin ich mir aber nicht so sicher... Die größte Enttäuschung war für mich die Konsulin Elisabeth "Bethsy" Buddenbrook. Im Roman ist die Konsulin eine sittenstrenge und sehr religiöse, eine sanfte, lebendige und gefühlsstarke Frau, die aber trotz aller Liebe zu ihren Kindern diese immer wieder an ihre Pflicht als Buddenbrooks erinnert und das schwarze Schaf - Christian - am meisten zu lieben scheint, sich das aber nicht so recht eingestehen will. Die Konsulin kommt aus der alten Zeit und versucht alles, um den Schein zu wahren und den Niedergang der großen Kaufmannsfamilie zu kaschieren. In ihrer Religiosität und ihrem Standesdünkel umgibt sie sich ständig mit - z.T. weltfremden - Geistlichen (einer davon heiratet bekanntlich die jüngste Tochter Clara), sodaß sie zunehmend den Kontakt zur Realität verliert. Iris Berben spielt diese Frau, deren Charakter ihr jede Chance zum brillieren gäbe, als kalte und herzlose Person, die anscheinend überhaupt keine Gefühle hat und ihren Kindern in einem Tonfall, der besser in einen Kasernenhof paßt, Befehle erteilt. Der Todeskampf der vitalen Konsulin, das zum stärksten und eindrucksvollsten gehört, das Mann je geschrieben hat, ist im Film bestenfalls angedeutet (ein bißchen Husten, ein bißchen Stöhnen, das wars....). Keine Ahnung, ob Berben an ihre Grenzen als Schauspielerin gestoßen oder der Regisseur ein Schwachkopf ist... Auch bei "Jean" Buddenbrook fehlt alles, was Anteilnahme, Mitleid oder sonstige Gefühle auslösen könnte. Dabei sollte ein Charakterdarsteller angesichts einer solchen Figur zu Hochform auflaufen: der Mann wird von seinem Schwiegersohn, dessen Bankier und Gläubigern aufs widerlichste und schamloseste betrogen, er verliert mehr und mehr Boden an die aufstrebenden Hagenströms und läßt sich von ihnen - vor der versammelten "Businss Community" von Lübeck - gute Geschäfte vor der Nase wegschnappen, die Revolution bedroht sein Unternehmen und seine persönliche Sicherheit, er übergibt seine Firma, an der er mit Leib und Seele hängt, an seinen ältesten Sohn Thomas, etc. Der Jean auf der Leinwand wirkt so, als hätte er beim Pferderennen fünfzig Euro (pardon: Courantmark) verloren. Irgendwann stirbt er dann und ward im Film nicht mehr gesehen.... Die beiden Brüder Thomas und Christian, die sich ähnlicher sind, als sie sich eingestehen wollen, hinterlassen ebenfalls keinen nachhaltigen Eindruck. Beide sind Dandys (im Sinne von Oscar Wilde), wobei Christian seinen Trieben nachgibt, während Thomas sie mit äußerster Disziplin zurückdrängt. Ich habe beim Lesen des Romans immer das Gefühl gehabt, daß Thomas Christian beneidet (und nicht umgekehrt), geistig unabhängig, das Herz auf der Zunge tragend und jede Menge Unsinn von sich gebend, seine Krankheiten beinahe mit Wollust zelebrierend, sich in die "falschen" Frauen (Schauspielerinnen, Prostituierte, etc.) verliebend {Thomas mag dabei an sein Blumenmädchen gedacht haben, mit dem er vor seiner Ehe mit Gerda Arnoldsen ein Verhältnis hatte}, etc. Davon ist im Film nichts zu spüren, da gibt es einige heftige Wortgefechte und das wars dann auch. Die stillschweigende Art von Versöhnung der Brüder an der Ostsee kurz vor Thomas' Tod fehlt komplett... Wie in anderen Verfilmungen wird auch hier der gute Trick angewendet, Tony Buddenbrook als zentrale Figur nicht oder kaum altern zu lassen. Tony, die Naive, die Optimistische, die von allen Schicksalsschlägen überwältigt zu werden scheint, aber als einzige überlebt. Die, die sich durch alle Widrigkeiten des Lebens irgendwie durchwurschtelt. Sie ist ein Lichtblick in diesem Film ohne Höhepunkte, was aber nicht viel bedeutet: der Einäugige ist unter den Blinden König! Auch sie hat keine Ecken und Kanten. Daß sie sich in Morten Schwarzkopf verliebt hat, weiß ich aus dem Roman, hätte ich nur den Film gesehen, wäre mir das verborgen geblieben. Was mich noch gestört hat, sind drei kleine Sexszenen (eine davon frei erfunden, da von Mann nie erwähnt), irgendwie in den Film hineingeschnitten wurden, um dann im Trailer noch ein paar Voyeure ins Kino zu locken. Die Szenen bringen die Handlung überhaupt nicht weiter und was Thomas und sein Blumenmädchen machen, wenn sie alleine in ihrem Zimmer sind, kann ich mir auch ohne nackte Brüste auf der Leinwand vorstellen... Fazit: Die Buddenbrooks sind nicht verfilmbar, wie auch Verbrechen und Strafe oder Dorian Gray nicht verfilmbar sind! Der beste Beweis ist dieser Film, von dem außer prächtigen Kostümen und guten Bildern nicht viel geblieben ist. Der Roman hat derartig viele Facetten und Ebenen, daß er einfach nicht auf Leinwand zu bannen ist. Das was die Figuren tun ist halb so wichtig wie das, was sie denken und fühlen, lieben und hassen, hoffen und bangen womit sie ringen, wie sie siegen oder untergehen.
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Gedanken zur Buddenbrooks-Verfilmung von Heinrich Breloer, 30. Mai 2009
Es heißt zwar, wenn man über eine Sache nichts Gutes zu sagen habe, dann solle man lieber schweigen, aber so groß war meine Enttäuschung, dass ich nicht einfach über diese Neuverfilmung von Heinrich Breloers Buddenbrooks hinweggehen kann und möchte. Hätte irgend jemand anderes diesen Film abgeliefert, nun ja, es wäre mir wohl der Mühe nicht wert gewesen, mich weiter damit zu befassen. Aber gerade von einem Breloer, der mit den "Manns" ja eine wirklich ganz außergewöhnliche Film-Doku zustande gebracht hat, von einem Menschen, der sich rühmt, Thomas Mann so gut zu verstehen wie kaum ein anderer und der sich den Anspruch gestellt hat, eine ordentliche Literaturverfilmung vorlegen zu wollen, von so einem Breloer hätte ich dann schon irgend etwas Repräsentables erwartet. Vorweg sei gesagt: Man kann natürlich in 2,5 Stunden nicht das ganze Buch darstellen. Man kann und muss Kürzungen vornehmen. Und gekürzt wurde, gnadenlos: Die erste Generation, Sesemi Weichbrodt ("Sei glöcklich, du gutes Kend"), Clara, Tiburtius, Erika Grünlich und Elisabeth, Weinschenk, Schwarzkopfs, Krögers (die die "Verfallsymptome" ja noch deutlicher zeigen als Buddenbrooks), Klothilde, die drei Damen Buddenbrook, die "Dunkelmänner", die Religiosität, die Jerusalemabende, die langen Sterbeszenen, usw... Aber damit kann man leben. Obwohl alles oben Genannte wesentliche und wunderbare Bestandteile des Buches sind, kann man sie streichen und sich auf ein paar wenige, einzelne Charaktere beschränken. Und hier ist der Punkt, in dem Breloer in meinen Augen völlig versagt hat. Bis auf Christian, das Blumenmädchen Anna und Morten hat er meines Erachtens keinem seiner Charaktere die Eigenschaften zukommen lassen, die Thomas Mann ihnen in liebevoller Detailtreue das ganze Buch hindurch zugedacht hat. Das soll nicht heißen, dass dieser Film an schlechten Schauspielern krankt. Sämtliche Darsteller haben die ihnen vorgelegten Rollen sehr gut dargestellt. Das Problem liegt, wie gesagt, in der Konzeption der Rollen, die auf mich einfach flach, oberflächlich und wenig differenziert wirken: Konsul: Armin Müller-Stahl ist zweifelsfrei ein begnadeter Schauspieler aber für diese Rolle einfach zu alt; der Konsul war bei seinem Tod gerade Mitte 50. Außerdem werden ihm plötzlich viele Attribute des alten Buddenbrook zugedacht: Die erste Ehe, die Geschäftsübergabe an den Sohn, die Worte "Kurios, kurios..." beim Sterben. Nun waren Vater und Sohn aber grundauf verschieden und sind per se in einer Person einfach nicht vereinbar. Der Vater war ein dem weltlichen zugewandter Gentleman, der das Leben zu genießen wusste, der Sohn von hoher Religiosität. Auf die Ehe mit Grünlich drängt der Konsul ja letzten Endes nur, weil letzterer mit Selbstmord droht und der Konsul als guter Christ eine solche Schuld nicht auf sich nehmen will. Und der christliche Konsul, als Grünlich sich Tonys überdrüssig erklärt, geht auf Grünlich zu, klopft ihm auf die Schulter und meint, "Fassen Sie sich. Beten sie." In dieser Handlung steckt viel mehr Ironie als in dem rohen Schlag nach Grünlich mit dem Stock. Und was ist mit dem tiefen Verständnis, das den Konsul und Tony durch diese Affaire miteinander verbunden hat? Konsulin: Thomas Mann beschreibt sie folgendermaßen: helle, besonnene Stimme, ruhige, sichere und sanfte Bewegungen. Iris Berben jedoch hat, was die Anmut und Erhabenheit der Konsulin betrifft, nichts weiter anzubieten hat als ein sich ständig wiederholendes "Wie beliebt?". Die ganze Haltung und Sprache der Konsulin, all die vielen französischen Wörter, derer sie sich so elegant bedient, nichts ist geblieben, kein einziges "Assez, dies interessiert uns durchaus nicht" (so daß sie demnach konsequenterweise ihren Mann auch nicht beim Kosenamen "Jean" hätte nennen dürfen). Iris Berben wirkt in der gesamten Konzeption der Rolle viel zu hart. Sowohl in der Konfrontation mit Tony bezüglich Grünlichs Antrag (im Buch fragt sie lediglich sanft verwundert "Wozu dieses Echauffement?") als auch nach Tonys Rückkehr aus München. Es ist die Konsulin, die ihr mehr oder weniger verständnisvoll zuhört. Das harte "Tony, du machst uns keinen Skandal" sind Toms Worte (der hier im Film allerdings vollstes Verständnis für Tony aufzubringen scheint). Auch von der tiefen Religiosität der Konsulin und den "Dunkelmännern", mit denen sie immer ihr Haus bevölkert ist nichts geblieben. Tony: Sie ist der Charakter, der einen das ganze Buch hindurch durch ihre Wichtigkeit, ihr Überlegenheitsgefühl gegenüber Hagenströms, das übersteigerte Würdegefühl zu Firma und Familie, ihr "Kinderweinen" und ihre Ansichten dem Leben gegenüber immer wieder zum Lächeln bringt. Unvergessen ihre vielen Redewendungen, die ihr Thomas Mann in liebevoller Weise und wiederholtem Maße das ganze Buch hindurch zugedacht hat: "Ich bin keine Gans mehr", "Wie es im Leben so geht", "Ich habe das Leben kennen gelernt", "Dieser Filou"", "Auf den Steinen sitzen" sowie Mortens Ansichten - über die Rangordnung der Stände, die Bedeutungslosigkeit der Anzeigenblätter und den Scheibenhonig, dem man vertrauen kann - die sie in bestimmten Lebenslagen immer wieder zum besten gibt. Ein durch und durch liebenswerter Charakter, ein wenig naiv, ein wenig kindlich, eben einfach Tony. Die neue Tony wirkt dagegen völlig beherrscht und vernünftig. Sowohl das Heiratsersuchen Grünlichs als auch die Tatsache, dass er bankrott gemacht hat, nimmt sie mit erstaunlicher Gelassenheit, ja teilweise schon Keckheit, entgegen. Man kann kaum nachvollziehen, warum die neue Tony die erste Ehe überhaupt eingegangen ist. (Abgesehen von Grünlichs Selbstmorddrohung hätten im Buch auf jeden Fall Mortens Eltern diese unstandesgemäße Ehe zu verhindern gewusst.) Im Film hätte man den beiden Freidenkern es Mangels obiger Fakten durchaus zugetraut, sich über die Konventionen hinwegzusetzen. Aber gar nicht nachvollziehen kann man, wie diese vernünftige Tony die zweite Ehe mit Permaneder eingehen konnte. Keine langen Zweifel, sie heiratet ihn einfach. Punktum. Und welch Verschwendung, eine der schönsten Szenen des Buches, wenn Tony aus München zurückkehrt und in die Rockfalten der Mutter nach und nach die ganze Geschichte mit Babette schildert, gipfelnd in "dem Wort". Im Film wirkt sie auch in dieser Szene gelassen und sachlich. Sicher, Jessica Schwarz spielt die ihr zugedachte Rolle sehr gut. Nur leider hat diese Rolle für mich mit Tony Buddenbrook nicht mehr viel zu tun. Christian: Einer der wenigen Charaktere, die vom Prinzip her gut angelegt sind, dessen ganze Marotten aber nie richtig zur Geltung kommen: "Ich kann es nun nicht mehr", "Es ist eine Qual", "Du lieber Gott", "Die Nerven in der linken Seite, sie sind alle zu kurz", das Pulver und der Fächer, die Notwendigkeit, mit einem Streichholz zu Bett gehen, kein Geld zu haben für Zahnpulver, der winkende Mann auf Sofa, der Drang, aus dem Fenster springen, das plötzliche Verstummen während der Darbietung einer Geschichte, all das wird mit keinem Wort erwähnt. Er klagt nur ein einziges Mal über Schmerzen im Bein. Entsprechend kann sich Thomas durch die nicht vorhandene "widerliche Selbstbeobachtung" auch nicht brüskiert sehen. Die Konfrontationen der beiden Brüder schöpfen ihr Potential bei weitem nicht aus. Und der des Buches unkundige Filmzuschauer muss sich fragen, hinter was für Gitter Christian am Ende des Films geraten ist. Thomas: Was ist geblieben von diesem Mann, der ständig mit sich selbst zu kämpfen hat? All die Korrektheit, die Selbstzweifel, die innere Seelenqual, der Drang, mehrmals täglich die Kleider zu wechseln, die russischen Zigarren, mit denen er sich beständig zu betäuben versucht, Schopenhauer? Der neue Thomas ist farblos und in der Charaktergestaltung wenig differenziert. Er wirkt von Anfang bis Ende extrem homogen. Lediglich seine Haare werden gegen Ende unordentlicher, was allerdings mit dem "echten" Thomas, der gerade gegen Ende auf sein Äußeres um so mehr Wert legt, nicht mehr viel zu tun hat. Seiner Anna gegenüber war Thomas im Buch zum Abschied sehr korrekt, einfühlsam und offen ("Wirf dich nicht weg"). Zu allem Übel wirkt er auf mich auch noch dermaßen unattraktiv, dass es sehr schwer nachzuvollziehen ist, wie Gerda für diesen Mann ihr Amsterdam hat verlassen können. Jedenfalls, wenn man die Gerda Thomas Manns vor Augen hat. Gerda: Im Buch hat sie schweres, dunkelrotes Haar und ist von einer fremdartigen, introvertierten Erscheinung. Die neue Gerda? Ein junges, rothaariges Mädel, das an Rätselhaftigkeit nicht viel zu bieten hat, dafür aber stellenweise recht keck wirkt. Im Buch lässt Gerda Thomas nicht lange auf das Jawort warten, im Film wird das Kennenlernen vorverlegt auf eine Zeit, in der Tom noch mit Anna zusammen ist und der Vater noch lebt. Wozu? Gerdas Verhältnis Thomas gegenüber, das im Buch all die Jahre hindurch mit "respektvoller Höflichkeit" oder "gegenseitiger Vertrautheit und Nachsicht" beschrieben wird, wirkt zu Ende des Films von Gerdas Seite aus nur noch hart und zynisch. Sie ist eine der wenigen, die im Buch für Christian Verständnis aufbringen kann, im Film nimmt sie nun von ihm kaum Notiz. Und was soll bitte der holländische Akzent? Thomas Mann, der in seinem Buch nicht nur Platt auf Platt schreibt und Bayerisch auf Bayerisch sondern jegliche sprachlichen Eigenheiten hervorhebt...
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