Es heißt zwar, wenn man über eine Sache nichts Gutes zu sagen habe, dann solle man lieber schweigen, aber so groß war meine Enttäuschung, dass ich nicht einfach über diese Neuverfilmung von Heinrich Breloers Buddenbrooks hinweggehen kann und möchte. Hätte irgend jemand anderes diesen Film abgeliefert, nun ja, es wäre mir wohl der Mühe nicht wert gewesen, mich weiter damit zu befassen. Aber gerade von einem Breloer, der mit den "Manns" ja eine wirklich ganz außergewöhnliche Film-Doku zustande gebracht hat, von einem Menschen, der sich rühmt, Thomas Mann so gut zu verstehen wie kaum ein anderer und der sich den Anspruch gestellt hat, eine ordentliche Literaturverfilmung vorlegen zu wollen, von so einem Breloer hätte ich dann schon irgend etwas Repräsentables erwartet.
Vorweg sei gesagt: Man kann natürlich in 2,5 Stunden nicht das ganze Buch darstellen. Man kann und muss Kürzungen vornehmen. Und gekürzt wurde, gnadenlos: Die erste Generation, Sesemi Weichbrodt ("Sei glöcklich, du gutes Kend"), Clara, Tiburtius, Erika Grünlich und Elisabeth, Weinschenk, Schwarzkopfs, Krögers (die die "Verfallsymptome" ja noch deutlicher zeigen als Buddenbrooks), Klothilde, die drei Damen Buddenbrook, die "Dunkelmänner", die Religiosität, die Jerusalemabende, die langen Sterbeszenen, usw...
Aber damit kann man leben. Obwohl alles oben Genannte wesentliche und wunderbare Bestandteile des Buches sind, kann man sie streichen und sich auf ein paar wenige, einzelne Charaktere beschränken. Und hier ist der Punkt, in dem Breloer in meinen Augen völlig versagt hat. Bis auf Christian, das Blumenmädchen Anna und Morten hat er meines Erachtens keinem seiner Charaktere die Eigenschaften zukommen lassen, die Thomas Mann ihnen in liebevoller Detailtreue das ganze Buch hindurch zugedacht hat. Das soll nicht heißen, dass dieser Film an schlechten Schauspielern krankt. Sämtliche Darsteller haben die ihnen vorgelegten Rollen sehr gut dargestellt. Das Problem liegt, wie gesagt, in der Konzeption der Rollen, die auf mich einfach flach, oberflächlich und wenig differenziert wirken:
Konsul: Armin Müller-Stahl ist zweifelsfrei ein begnadeter Schauspieler aber für diese Rolle einfach zu alt; der Konsul war bei seinem Tod gerade Mitte 50. Außerdem werden ihm plötzlich viele Attribute des alten Buddenbrook zugedacht: Die erste Ehe, die Geschäftsübergabe an den Sohn, die Worte "Kurios, kurios..." beim Sterben. Nun waren Vater und Sohn aber grundauf verschieden und sind per se in einer Person einfach nicht vereinbar. Der Vater war ein dem weltlichen zugewandter Gentleman, der das Leben zu genießen wusste, der Sohn von hoher Religiosität. Auf die Ehe mit Grünlich drängt der Konsul ja letzten Endes nur, weil letzterer mit Selbstmord droht und der Konsul als guter Christ eine solche Schuld nicht auf sich nehmen will. Und der christliche Konsul, als Grünlich sich Tonys überdrüssig erklärt, geht auf Grünlich zu, klopft ihm auf die Schulter und meint, "Fassen Sie sich. Beten sie." In dieser Handlung steckt viel mehr Ironie als in dem rohen Schlag nach Grünlich mit dem Stock. Und was ist mit dem tiefen Verständnis, das den Konsul und Tony durch diese Affaire miteinander verbunden hat?
Konsulin: Thomas Mann beschreibt sie folgendermaßen: helle, besonnene Stimme, ruhige, sichere und sanfte Bewegungen. Iris Berben jedoch hat, was die Anmut und Erhabenheit der Konsulin betrifft, nichts weiter anzubieten hat als ein sich ständig wiederholendes "Wie beliebt?". Die ganze Haltung und Sprache der Konsulin, all die vielen französischen Wörter, derer sie sich so elegant bedient, nichts ist geblieben, kein einziges "Assez, dies interessiert uns durchaus nicht" (so daß sie demnach konsequenterweise ihren Mann auch nicht beim Kosenamen "Jean" hätte nennen dürfen). Iris Berben wirkt in der gesamten Konzeption der Rolle viel zu hart. Sowohl in der Konfrontation mit Tony bezüglich Grünlichs Antrag (im Buch fragt sie lediglich sanft verwundert "Wozu dieses Echauffement?") als auch nach Tonys Rückkehr aus München. Es ist die Konsulin, die ihr mehr oder weniger verständnisvoll zuhört. Das harte "Tony, du machst uns keinen Skandal" sind Toms Worte (der hier im Film allerdings vollstes Verständnis für Tony aufzubringen scheint). Auch von der tiefen Religiosität der Konsulin und den "Dunkelmännern", mit denen sie immer ihr Haus bevölkert ist nichts geblieben.
Tony: Sie ist der Charakter, der einen das ganze Buch hindurch durch ihre Wichtigkeit, ihr Überlegenheitsgefühl gegenüber Hagenströms, das übersteigerte Würdegefühl zu Firma und Familie, ihr "Kinderweinen" und ihre Ansichten dem Leben gegenüber immer wieder zum Lächeln bringt. Unvergessen ihre vielen Redewendungen, die ihr Thomas Mann in liebevoller Weise und wiederholtem Maße das ganze Buch hindurch zugedacht hat: "Ich bin keine Gans mehr", "Wie es im Leben so geht", "Ich habe das Leben kennen gelernt", "Dieser Filou"", "Auf den Steinen sitzen" sowie Mortens Ansichten - über die Rangordnung der Stände, die Bedeutungslosigkeit der Anzeigenblätter und den Scheibenhonig, dem man vertrauen kann - die sie in bestimmten Lebenslagen immer wieder zum besten gibt. Ein durch und durch liebenswerter Charakter, ein wenig naiv, ein wenig kindlich, eben einfach Tony. Die neue Tony wirkt dagegen völlig beherrscht und vernünftig. Sowohl das Heiratsersuchen Grünlichs als auch die Tatsache, dass er bankrott gemacht hat, nimmt sie mit erstaunlicher Gelassenheit, ja teilweise schon Keckheit, entgegen. Man kann kaum nachvollziehen, warum die neue Tony die erste Ehe überhaupt eingegangen ist. (Abgesehen von Grünlichs Selbstmorddrohung hätten im Buch auf jeden Fall Mortens Eltern diese unstandesgemäße Ehe zu verhindern gewusst.) Im Film hätte man den beiden Freidenkern es Mangels obiger Fakten durchaus zugetraut, sich über die Konventionen hinwegzusetzen. Aber gar nicht nachvollziehen kann man, wie diese vernünftige Tony die zweite Ehe mit Permaneder eingehen konnte. Keine langen Zweifel, sie heiratet ihn einfach. Punktum. Und welch Verschwendung, eine der schönsten Szenen des Buches, wenn Tony aus München zurückkehrt und in die Rockfalten der Mutter nach und nach die ganze Geschichte mit Babette schildert, gipfelnd in "dem Wort". Im Film wirkt sie auch in dieser Szene gelassen und sachlich. Sicher, Jessica Schwarz spielt die ihr zugedachte Rolle sehr gut. Nur leider hat diese Rolle für mich mit Tony Buddenbrook nicht mehr viel zu tun.
Christian: Einer der wenigen Charaktere, die vom Prinzip her gut angelegt sind, dessen ganze Marotten aber nie richtig zur Geltung kommen: "Ich kann es nun nicht mehr", "Es ist eine Qual", "Du lieber Gott", "Die Nerven in der linken Seite, sie sind alle zu kurz", das Pulver und der Fächer, die Notwendigkeit, mit einem Streichholz zu Bett gehen, kein Geld zu haben für Zahnpulver, der winkende Mann auf Sofa, der Drang, aus dem Fenster springen, das plötzliche Verstummen während der Darbietung einer Geschichte, all das wird mit keinem Wort erwähnt. Er klagt nur ein einziges Mal über Schmerzen im Bein. Entsprechend kann sich Thomas durch die nicht vorhandene "widerliche Selbstbeobachtung" auch nicht brüskiert sehen. Die Konfrontationen der beiden Brüder schöpfen ihr Potential bei weitem nicht aus. Und der des Buches unkundige Filmzuschauer muss sich fragen, hinter was für Gitter Christian am Ende des Films geraten ist.
Thomas: Was ist geblieben von diesem Mann, der ständig mit sich selbst zu kämpfen hat? All die Korrektheit, die Selbstzweifel, die innere Seelenqual, der Drang, mehrmals täglich die Kleider zu wechseln, die russischen Zigarren, mit denen er sich beständig zu betäuben versucht, Schopenhauer? Der neue Thomas ist farblos und in der Charaktergestaltung wenig differenziert. Er wirkt von Anfang bis Ende extrem homogen. Lediglich seine Haare werden gegen Ende unordentlicher, was allerdings mit dem "echten" Thomas, der gerade gegen Ende auf sein Äußeres um so mehr Wert legt, nicht mehr viel zu tun hat. Seiner Anna gegenüber war Thomas im Buch zum Abschied sehr korrekt, einfühlsam und offen ("Wirf dich nicht weg"). Zu allem Übel wirkt er auf mich auch noch dermaßen unattraktiv, dass es sehr schwer nachzuvollziehen ist, wie Gerda für diesen Mann ihr Amsterdam hat verlassen können. Jedenfalls, wenn man die Gerda Thomas Manns vor Augen hat.
Gerda: Im Buch hat sie schweres, dunkelrotes Haar und ist von einer fremdartigen, introvertierten Erscheinung. Die neue Gerda? Ein junges, rothaariges Mädel, das an Rätselhaftigkeit nicht viel zu bieten hat, dafür aber stellenweise recht keck wirkt. Im Buch lässt Gerda Thomas nicht lange auf das Jawort warten, im Film wird das Kennenlernen vorverlegt auf eine Zeit, in der Tom noch mit Anna zusammen ist und der Vater noch lebt. Wozu? Gerdas Verhältnis Thomas gegenüber, das im Buch all die Jahre hindurch mit "respektvoller Höflichkeit" oder "gegenseitiger Vertrautheit und Nachsicht" beschrieben wird, wirkt zu Ende des Films von Gerdas Seite aus nur noch hart und zynisch. Sie ist eine der wenigen, die im Buch für Christian Verständnis aufbringen kann, im Film nimmt sie nun von ihm kaum Notiz. Und was soll bitte der holländische Akzent?
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