Was für eine Herausforderung! Jahre bei den Beduinen alter Zeit zu verbringen! Thesiger war einer der wenigen aus dem Westen, die diese Erfahrung machten. Und er scheint der letzte zu sein, der für sich in Anspruch nehmen könnte unter arabischen Nomaden gelebt zu haben. In unseren Tagen dürfte es schwierig sein, eine Gelegenheit zu finden, so ein Kunststück auch nur annäherungsweise zu wiederholen, denn es gibt kaum noch solche Nomaden.
Welcher Art die Schwierigkeiten waren, mit denen der Autor konfrontiert wurde, als er über die immer heißen, endlosen Sanddünen des "Empty Quarter" dahinstapfte, kann jeder erahnen, der schon einmal auf Kamelesrücken, wenn auch nur für ein paar Tage, durch eine Sandwüste gezogen ist und dabei schon nach kurzer Zeit vermeintlich "erschöpfend" Erfahrung gesammelt hat.
Diese Erzählung ist mehr als nur ein Reisebericht. Sie enthält viele Anekdoten eines wirklichen Nomadenlebens in der Wüste. Aber viel mehr noch ist es eine Ode über und auf die Araber. Es geht in der Tat nur um sie, der Sand, die Wüste sind nur Staffage. Sie sind geblieben. Die Araber nicht.
Kein Zweifel, der Autor ist ein Abenteurer par excellence. Aber ich habe ein Problem mit ihm. Er erzählt einfach, was er erlebt. Er ist ein Beobachter, das ist interessant genug. Aber wo sind die etwas sophistischeren Entdeckungen?
Es ist nicht fair von allen großen Reisenden zu verlangen, dass sie wie ein Alexander von Humboldt eine Reise tun und dann eine Beschreibung des Kosmos herausbringen. Aber wenn man durch das Leere Quartier der südlichen arabischen Sandwüste zieht, ohne dabei zu einem bemerkenswerten Ausmaß nicht auch die niemals zu füllenden Quartiere des menschlichen Geistes zu füllen, das ist - zuweilen - dann doch langweilig.
Nein, Thesiger ist kein Philosoph. Er hat keine "Weisheit" zu offerieren, außer die Leute ihr traditionelles Leben leben zu lassen. Ob das nun das Töten aus Rache mit einschließt oder der Umgang mit den Frauen nach der von Allahs Engel vorgegebenen Methode oder wie auch immer, das erfährt man von Thesiger nicht. Er lebt in seiner eigenen Reisewelt. Da wo ich bin, ist es besser als anderswo!
Thesiger ist nicht sehr kritisch mit den Arabern, was auch anzuraten ist, wenn man vorhat, sie wieder Mal zu besuchen. Er bewundert sie.
"Ich kannte die grundsätzliche Anständigkeit, die der Felsgrund ihres Charakters war, ihr Humor, ihre Verbortheit und ihr Selbstvertrauen. Ich wusste, wäre es erforderlich, dann wären sie auch in der Lage sich in jede Art zu leben zurechtzufinden, in der Wüste, im Dschungel, in den Bergen, oder auf See, und dass in so vieler Hinsicht keine Rasse der Welt ihnen ebenbürtig war."
Was für jede Rasse stimmt, nicht wahr! Also war Thesiger ein Rassist? Nein, er überstrapaziert nicht dauernd seinen Romantizismus. Er ist von der Art, nehme ich an, dass er die Vorzüge jedes Menschenschlags hervorgehoben hätte. Da wo ich bin, ist es bestens! meine Gesellschaft ist der Club der Besten! Araber mögen es, wenn man sie lobt. Sie müssen nur den Eindruck haben, dass man es ehrlich meint. Und wenn man sich auf ihr positiven Eigenschaften konzentriert, gelingt einem das auch.
Aber Thesiger scheint selber die gleichen Qualitäten gehabt zu haben. Da gab es eine Seelenverwandtschaft. Kein Wunder, dass er es lange an der Seite der Nomaden aushielt!
Und dennoch, er war bloß glücklich genug, dass er nicht Opfer wurde von jenen Repräsentanten dieser vorzüglichen Rasse, die zuerst überfallen und umbringen und dann auch noch vergessen zu fragen, ob es dagegen Einwände gibt.
Natürlich ist Thesiger nicht blind auf beiden Augen, denn gegen Wüstensand schützt die Kufiya (Kopftuch). Seine Beduinen sind
"Immer reserviert vor Fremden und daran gewöhnt bei förmlichen Anlässen stundenlang regungslos und still dazusitzen, sind sie doch geschwätzig. Eine leichtherzige Rasse. Aber durch Veranlassung religiöser Zeloten können sie kompromisslos puritanisch sein, schnell runzeln sie die Stirn über jede Form des Vergnügens, betrachten Gesang und Musik als Sünde und Gelächter als ungeziemend. Wahrscheinlich vereint kein anderes Volk, sei es als Rasse oder als Individuum so viele widerstreitende Qualitäten in solch einem extremen Ausmaß."
Jeder, der sich mit den authentischen Arabern bekannt machen will, so wie wir sie uns gerne vorstellen, sollte dieses Buch lesen. Und den Sand mit einem eisgekühlten Drink wegspülen!