Bei all der durchschnittlichen und anstrengenden t.T. langweiligen, trockenen Lektüre der letzten Wochen, ist der neue Roman, dieser für mich unbekannten französischen Schriftstellerin mein erstes Highlight in diesem Lesejahr 2010, ich staune über dieses Talent, und möchte diese Buchneuheit uneingeschränkt weiterempfehlen, für mich ein echter Geheimtipp, der noch auf sich aufmerksam machen wird! In Frankreich stand dieses Buch wohl monatelang auf der Bestseller-Liste, 260'000 Exemplare sollen verkauft worden sein, erscheint in 11 weiteren Ländern, als ich das las, war ich ein wenig skeptisch, ob das wieder eine neue Verkaufsmasche ist, aber nein, Literatur zum Geniessen!! Diesem Buch wünsche ich möglichst viele viele Leser!
Die Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin erzählt nur limitiert darüber, wer sie eigentlich ist. Sie arbeitet für ein ornitologisches Zentrum, beobachtet und zählt Vögel. In stillen Gedanken spricht sie mit jemandem, den sie verloren zu haben scheint. "Du hattest gesagt, vergiss mich. Du hast mich schwören lassen, dass ich wieder lieben würde. Mein Mund im Innern von deinem. Man muss vergessen, das hast du gesagt, vergessen oder mich vergessen, ich weiss es nicht mehr. Du hast es gesagt, ohne deine Lippen von den meinen zu lösen, du hast es in mir versenkt, du musst ohne mich leben schwöre es mir...".
Sie geht in ein kleines Fischerdorf, im Nordwesten Frankreichs, am Ende der Welt, La Hague, befreundet sich mit den Menschen dort an, die ein ganz eigenes und einfaches Leben ganz nah am Meer führen und Fremde eher argwöhnisch beäugen. "Es gab nicht viele Lebende im Dorf, deshalb gab es auch nicht viele Tote." Ein Dorf, wo noch Legenden und Aberglaube eine Bedeutung haben. "In Vollmondnächten kann man angeblich einen Mann sehen, der auf einem grossen Pferd über die Heide reitet. Die Frauen träumen davon, ihn zu treffen. Sie gehen nachts hinaus, entfernen sich von den Häusern. Sie folgen der schmalen Pfade, die sich in der Heide verlieren. Am Morgen kehren sie zurück, niemand kann sagen, was sie getan haben."
Jeder kennt jeden, sie geht dort zwischen den Häusern ein und aus, als ob es ganz normal wäre. Ein Dorf, wo die Menschen Geheimnisse voreinander haben. Die fremde Ich-Erzählerin, wird auf die seltsame Nan und den Leuchtturmwächter Théo aufmerksam, Nan die hofft, dass "das Meer ihr die Toten wieder zurückgibt." Gallay beschreibt sie ein wenig:"Sie war eine seltsame Priesterin, eine Fischfrau, die aus dem Wasser oder einen anderen unterirdischen Welt gestiegen zu sein schien."
1967 sind drei Menschen des Dorfes mit einem Segelboot umgekommen. Die namenlose Protagonistin, wird darauf aufmerksam, und beginnt gemeinsam mit Lambert, einem ehemaligen Polizisten, den Geheimnissen auf die Spur zu gehen. Nan, die eigentlich Florelle heisst, ist eine alte seltsame Frau, die in den sechziger Jahren, ein Kinderheim mit dem Namen "Zuflucht" für Waise geführt hat. Die Spuren, führen in diese Zeit zurück, in dessen Zentrum die Rettung eines zweijährigen Kindes führt, das auf einem Floss angebunden, "vom Meer zurückgegeben" wird. Dieses Kind, mit Namen Michel Lepage, wirft viele Fragen auf, und führt den Leser auf eine gemeinsame Suche mit der Protagonistin, eine Spurensuche in eine verschüttete Vergangenheit, die vierzig Jahre zurück liegt, um schliesslich die Wahrheit, der damaligen Zeit jenem Dorf ans Licht zu bringen.
Gallay schafft es, die Fäden gegen Ende immer mehr zusammen zu führen. Es wird spannend, und wir können nicht mehr davon lassen. Manchmal hatte ich das Gefühl mich richtig treiben lassen zu können. Für mich ein wunderbarer Lesegenuss, wo wir neugierig werden, fast in wie in eine Art Verlangsamung treten, Poetisches erfahren, eine Stille wahrnehmen können, die Beziehungen der Menschen dort kennenlernen, und das subtile Zusammenführen, einer begabten neuen Schriftstellerin kennenlernen, die ganz einfach berührend und ergreifend ist. Auch wenn manches ein wenig seltsam anmutet,manches Grobe und Realistische erzählt, die Geschichte nicht gleich alles verrät, so werden wir doch als Leser im Laufe des Buches immer mehr belohnt.
Wir lernen, die Idylle dort kennen, die Tiere die dort leben, z.B. das Dorfschwein, die Dorf-Esel, eine Ratte die bei Morgane lebt, einer Frau, die nach Paris will, oder eine Möwe die bei dem Fischer Max auf dem Boot lebt. Es ist als ob, sämtliche Figuren, für den Leser wie zu einer Familie werden, wir bekommen zu jeden Tier und Menschen eine Beziehung, und wissen ein wenig um sein Wesen. Eine Geschichte, rundum Wahrheit, Tod, Legenden und Aberglaube, unser Verhältnis zum Tod, über innere Werte, was Menschen uns bedeuten können, Verlust, Sehnsucht, Vergangenheitsbearbeitung, Poesie, Stille, Liebe, Liebe zur Natur und zum Meer, aber auch zu den Tieren mit denen wir leben, und der Liebe zu den Menschen die wir lieben. Es erzählt davon, wie wir über den Verlust einer Liebe hinwegkommen können und der Möglichkeit, eine Neue zu finden, oder dafür offen zu sein. Wir lesen gespannt, werden berührt und fühlen uns nach solcher Lektüre angefüllt und bereichert, was will man da noch mehr! Ich finde diese Autorin und ihr Erstlingswerk einfach nur Klasse!
Eine Sprache die still ist, ruhig, verlangsamt, nachdenklich, beizeiten auch grob, unglaublich, melancholisch, poetisch, nachsinnend, spannend schon fast wie ein Krimi nein doch keiner, seltsam, feinfühlig, berührend, unglaublich...ein Roman der den Eindruck macht, als ob er "ausserhalb der Zeit" geschrieben wurde..und den Glauben an die Liebe gerade nach dem Verlust eines Menschen, den wir "verloren" haben, zurück gibt...
Empfehlung!