Für die "Brady Family" ist die Zeitrechnung etwa 1974 stehen geblieben. Sie leben in den 90ern, aber bunt gestreifte Bell Bottoms und knallige Polyesterhemden sind für sie noch der letzte Schrei. Sie sind immer gut drauf - und haben trotzdem klare Moralvorstellungen.
Wer die Bradys nicht kennt: Von 1969 bis 1974 lief "The Brady Bunch" im US-Fernsehen. Die Patchwork-Familie (Witwer Mike mit seinen Söhnen Greg, Peter und Bobby heiratet die geschiedene Carol mit ihren Töchtern Marcia, Jan und Cindy) löste jede Woche in 25 Minuten ihre Alltagsprobleme. Vom weggelaufenen Familienhund über Schul- oder Liebeskummer der Kinder bis zum Chaos-Trip in den Grand Canyon: Die Bradys halten zusammen wie Zweikomponentenkleber und kriegen irgendwie alles in den Griff. Wenn Vater Mike zur Moralpredigt ansetzt und die Kinder artig mit "Yes, Sir" antworten, weiß man: Alles ist wieder im Lot im Hause Brady.
Aber zurück zum Film: Den Bradys flattert ein Steuerbescheid ins Haus. Wenn sie nicht in kurzer Zeit 20000 Dollar auftreiben, müssen sie ausziehen. Wie die Großfamilie am Ende das Geld doch noch auftreibt, ist eigentlich Nebensache. Der Film lebt vom Zusammenprall der 70er-Jahre-Flower-Power-Mentalität der Bradys mit den desillusionierten und kalten 90er Jahren. Und das funktioniert (fast) immer, auch wenn in der deutschen Synchronisation so mancher Gag verloren geht. In vielen Szenen werden klassische "Brady"-Folgen auf die Schippe genommen. Etwa wenn Männerschwarm Marcia vor ihrem wichtigsten Date einen Football auf die Nase bekommt, Jan mit einer Perücke ihr angekratztes Selbstbewusstsein aufpeppen will oder Youngster Bobby als "School Safety Monitor" die Lehrer vor der Grundschule nach gestohlenem Büromaterial filzt. Nicht jeder Gag zündet, aber im großen und ganzen ist die Persiflage perfekt gelungen und macht einfach Laune.
Viele der Schauspieler haben übrigens eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Original-Darstellern von damals, vor allem die Film-Marcia sieht fast wie die echte (Maureen McCormick) aus. Und einige der echten Bradys sind in Cameo-Auftritten zu sehen.
Bei aller Satire behält der Film eine heimliche Verehrung für die Bradys. Denn in den chaotisch-kalten 90ern sind sie irgendwie die wahren Gewinner: Sie haben noch Respekt vor ihren Eltern, und die haben immer Zeit für ihre Kids. Bei der Schul-Fete läuft Mudd Pagoda, aber mit einer aufgepeppten Davy Jones-Version bringen die Bradys den Saal genauso zum Kochen. Ihr 73er Mercury Kombiwagen ist cooler als jeder Minivan und hat noch einen echten V8 unter der Haube. Und selbst wenn Peter beim Sexualkunde-Unterricht in Ohnmacht fällt oder in Prügeleien den Kürzeren zieht - die Mädchen stehen trotzdem auf ihn...
Übrigens: Selbst in den frühen 70ies war "The Brady Bunch" von der Realität so weit entfernt wie die Erde vom Erde vom Jupiter. Trotzdem wurde die Serie wahnsinnig beliebt bei Jung und Alt, läuft bis heute jeden Tag irgendwo auf der Welt im Fernsehen. Und ab März gibts die erste Staffel sogar auf DVD...