Für Sigmund Freud waren "Die Brüder Karamasow" eine Höchstleistung in der Weltliteratur, vor allem die Episode des "Großinquisitors". Ich kann diesem großen österreichischen Psychologen nur zustimmen. "Die Brüder Karamasow" ist der krönende Abschluss einer Schöpfung an literarischen Höchstleistungen. In diesen Roman fließen alle psychologischen und philosophischen Grundfragen, die Dostojewski in seinen 4 anderen großen Romantragödien ("Schuld und Sühne" - die Legitimation eines Mordes und die psychischen Qualen und Torturen nach einer solchen Tat, vgl. Iwan Karamasow, Ssmerdjakow, Dmitrij Karamasow; "Der Idiot" - die Kreation eines in sich völlig gutmütigen, christusähnlichen, don-quijote'schen Wohltäters, vgl. Aljoscha und den Staretz Sossima; "Die Dämonen" - die Frage nach Gott, die revolutionäre Jugend, Atheismus und Nihilismus par exellence, vgl. Iwan Karamasow und Kolja Krasotkin; "Der Jüngling" - der Generationenkonflikt und die Umgestaltung und Revolution der alten russischen Familie, vgl. die Karamasows als Paradigma einer der Dekadenz preisgegebenen Familie. Ferner ist zu sagen, dass "Die Brüder Karamasow" von autobiographischen Zügen wie kein anderes Buch durchzogen ist und es Dostojewski's eigenes Ringen nach der Glaubensfrage zum Gegenstand hat. Man spürt die große Skepsis die in Dostojeski in Betreff der Frage nach Gott vorherrschte. In diesem letzten Roman gelang es ihm diese ihn seit Lebzeiten zermürbende Frage so gut wie nur möglich durch die geniale Gegenüberstellung zweier in sich grundverschiedener Menschen, Aljoscha, den Gutgläubigen und Iwan, den Zweifler und Intellektuellen als Revolutionär, zu beantworten. Ich muss sagen, nach dem ich "Schuld und Sühne", den "Idioten" und "Die Dämonen" zuvor gelesen habe, dass Dostojewski's letztes Werk das mit Abstand komplexeste und in sich am besten konzipierte und wohl durchdachteste seiner Bücher ist, obgleich mir persönlich "Die Dämonen" ein ~ klitzekleinesbisschen ~ besser gefiel, da mir das in diesem Werk behandelte Sujet noch mehr zusagte (Revolution, Verschwörung)', aber auch der Vatermord und der sich daraus resultierende Justizirrtum sind von enormer Spannung und ich kann abschließend nur noch kundgeben, dass jeder der sich ernsthaft für Weltliteratur interessiert, an diesem Werk nicht vorbeikommt. Bevor man sich den Karamasows zuwendet sollte man sich allerdings die anderen Lektüren zu Gemüte ziehen, denn die "Brüder Karamasow" ist kein Buch für zwischendurch - es erfordert vom Leser höchste Konzentration. Von der Länge braucht man sich nicht abschrecken zu lassen, denn das Buch zieht einen wahrhaft in den Bann wie kein anderes (außer vielleicht "Die Dämonen").