Dostojewskijs Meisterwerk "Die Brüder Karamasow" (1878-1880) ist ein so vielschichtiger Roman - eigentlich mehr eine "conte philosophique" -, dass eine angemessene Verfilmung dieses Stoffes sich an einem hohen Maßstab beweisen muss. Dies ist Iwan Pyrjew mit seiner Verfilmung aus dem Jahre 1969, einem monumentalen Epos von dreieinhalb Stunden Länge, im großen und ganzen auch gelungen.
Der Film bemüht sich um weitestgehende Treue gegenüber der Romanvorlage, wodurch das Seelenleben der Charaktere gewissenhaft ausgelotet wird und auch die philosophischen Grundfragen, die Dostojewskij stellt, Beachtung finden. So formuliert Iwan ganz am Anfang seine These, dass, wenn es keine Auferstehung gebe, alles erlaubt sei, da Nächstenliebe kein natürliches Gesetz sein könne, und der Starez kontert - nicht direkt - mit dem berühmten und doch so unverständlichen Ausspruch von der Schuld aller an allem, der eigentlich dann ein wenig klarer wird, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Rolle Iwan beim Mord an seinem Vater spielt. Durch diese Treue gegenüber der Romanvorlage entsteht ein sehr dialoglastiger Film mit Überlänge, doch führt dies bei dem Gehalt der Vorlage keineswegs zu Langerweile. Allerdings wirken Dostojewskijs Dialoge passagenweise ein wenig überspannt - und das ist wahrscheinlich auch so beabsichtigt -, doch der darstellerische Impetus, mit dem manche Figuren, vor allem Dmitrij, unterlegt wurden, sorgt zuweilen dafür, dass einige Szenen ein wenig überladen wirken.
Pyrjews Bemühen, möglichst viel aus Dostojewskijs Roman in seinen Film zu übertragen, führt außerdem dazu, dass manche Szenen für jemanden, der den Roman nicht gelesen hat, schwer verständlich sein dürften. Warum etwa ist es für Aljoscha so dramatisch, dass die Leiche des Starez zu stinken anfängt? Und wer ist der fanatische Priester, der plötzlich in die Klause des toten Starez stürmt? Hier und an ähnlichen Stellen könnte sich der ein oder andere Zuschauer orientierungslos vorkommen.
Andere Aspekte der Geschichte werden in dem Film nicht angeschnitten, so erzählt Iwan beispielsweise nicht die berühmte Geschichte vom Großinquisitor. Auch die Episode um den Hauptmann Snegirjow und seinen Sohn Ilja fehlt, obwohl diese Geschichte durchaus ein kritisches Licht auf Dmitrij geworfen hätte.
Dennoch möchte ich die Romanverfilmung nicht kleinreden: Pyrjew gelingt es in beeindruckender Weise, den Geist der Vorlage einzufangen und den Zuschauer dazu anzuregen, sich mit existentiellen Fragen wie der Frage nach der persönlichen Verantwortung des Individuums für sich und andere oder der Gottesfrage auseinanderzusetzen. Auch die vier Brüder werden sehr differenziert dargestellt, wobei besonders die Figur des Iwan den Zuschauer zwischen Zustimmung und Abneigung schwanken lässt.
Die mangelnde Bild- und Tonqualität verstärkt meiner Meinung nach bei diesem Film noch seine Wirkung, denn sie verleiht der düsteren und bedrückenden Erzählung die notwendige alptraumhafte, teils unwirkliche Atmosphäre.
Für jeden Bewunderer Dostojewskijs ist dieser Film wirklich ein Muß.