Der Literaturpreisträgerbruder Israel Joshua Singer breitet anhand der Geschichte zweier grundverschiedener Zwillingsbrüder und einigen ihrer Altersgenossen die Geschichte von Lodz aus, vom frühen 19. Jahrhundert bis zu den 1920er Jahren im wiedererstandenen Polen. "Die Brüder Aschkenasi" ist ein historischer Roman erster Güte, und zugleich eine Familiengeschichte.
Dominiert wird die Handlung von den Brüdern Simcha Meir (später: Max) und Jakob Bunim (später: Jakub) Aschkenasi. Zwillingsbrüder sind die beiden, aber sie könnten verschiedener nicht sein. Der zweitgeborene Jakob erreicht in phlegmatischer Gutmütigkeit und gutaussehend all das spielend, was sein ehrgeizzerfressener Bruder sich mit scharfem Verstand mühselig erarbeiten muss, und immer wieder, wenn Simcha glaubt, "es" endlich geschafft zu haben, macht ihm die große Geschichte einen Strich durch die raffinierte Rechnung.
Der Roman lebt nicht zuletzt von dem Kontrast zwischen Jakob, dem einfach gestrickten Beliebten (und Beleibten), der zu leben weiß, und seinem Bruder Simcha/Max, dem klugen, durchtriebenen Unbeliebten. Dass ausgerechnet der verbissene Simcha "Simcha" ("Freude") heißt, auf diesen Seitenhieb muss der Leser allerdings selber kommen -- diese und ähnliche Entdeckungen überlässt Singer seinen Lesern und steigert so die Entdeckungsfreude, fordert liebenswürdig auf, immer genau hinzuschauen und hinzuhören. Das genaue Hinhören und -schauen lohnt sich unbedingt, zumal Gertrud Baruch hier ein Meisterstück der Übersetzerkunst abgeliefert hat.
Verwoben sind all diese Biographien in die Stadtgeschichte: Es geht um die Entwicklung von Lodz vom unbedeutenden Provinzstädtchen des russischen Zarenreiches zum polnischen Manchester, zu einem der bedeutendsten Zentren der europäischen Textilindustrie. Den Anfang bildet ein Einwandererzug preußischer Weberfamilien; Juden wurde erst nach und nach die Ansiedlung und schließlich auch der Besitz von Fabriken gestattet -- letzteres zunächst mithilfe juristischen Hakenschlagens, das zaristische Diskriminierung und religiöse Vorgaben der Rabbiner gleichermaßen zu berücksichtigen hatte.
Es geht aber auch um die Geschichte der jüdischen Bevölkerung; breiten Raum nimmt das chassidisch geprägte Leben der Juden in Lodz ein, und ganz nebenbei lernt man die Besonderheiten der stetig wachsenden jüdischen Gemeinde kennen. Reibungslos verläuft die Konfrontation der meist vom Lande zugewanderten konservativen Juden mit den Erfordernissen modernen Industrielebens nicht, egal ob Tagelöhner oder Industriebarone nun Religion und Industrie irgendwie in Einklang bringen müssen. Doch darf man hier keine Schtetl-Romantik erwarten, auch wenn der legendäre jiddische Mutterwitz immer wieder zwischen den Zeilen hervorblinzelt.
Es geht nämlich auch um die allmähliche Assimilierung und Entfremdung der jungen Generation von den chassidisch geprägten Eltern, es geht auch um die Entwicklung der kommunistischen Bewegung im Zusammenhang mit dem himmelschreienden Elend der (jüdischen und nichtjüdischen) Arbeiterschaft. Es geht um ausgebufften Geschäftssinn, Geschäftsintrigen und allzu oft skrupellose Methoden der Gewinnmaximierung. Es geht aber auch darum, dass gerade auch der Kommunismus nur allzu oft gezielt antisemitische Tendenzen in der nichtjüdischen Bevölkerung gezielt ausnützte, um seine Ziele zu erreichen; und auch die Sowjetunion nährte und nutzte von Anfang an die allgegenwärtige Lust am Pogrom (das wird allzu oft [un]verschämt unter den Teppich gekehrt). Dass von Anfang an überdurchschnittlich viele Juden den Kommunismus als "neue Ordnung" propagierten und den stets unterschwelligen Antisemitismus unterschätzte, macht das alles nur noch tragischer. Singer webt auch diese Entwicklungen schlüssig in die Romanhandlung ein.
Überzeichnet oder gar idealisiert zeichnet der Autor seine Figuren dabei nicht; in zeitgenössischen Quellen begegnet man immer wieder ähnlichen Menschen, deren Idealismus oder gar Blauäugigkeit heute kaum mehr vorstellbar sind. Ebenso wenig überzeichnet Singer die Auswüchse des Manchester-Kapitalismus in der Lodzer Gründerzeit, auch wenn man aus heutiger Sicht vieles kaum fassen kann. Die Industriezentren der Gründerzeit glichen einander in dieser Hinsicht übrigens verblüffend.
Der Roman hält sich genau an die historischen Ereignisse; die geschilderten Arbeiteraufstände und Pogrome fanden statt, ebenso die regelrechte Plünderung der Lodzer Industrie durch die deutsche Besatzung während des Ersten Weltkrieges und die Verlagerung etlicher Betriebe nach Petrograd, wo deren Besitzer bald mit dem Chaos im desolaten Zarenreich, Oktoberrevolution und Bürgerkrieg konfrontiert wurden.
Auch wenn Singer keine einzige Jahreszahl nennt, so lassen sich dennoch viele Ereignisse genau datieren. Kenner der Lodzer Stadtgeschichte könnten vielleicht sogar die Vorbilder vieler Romanprotagonisten identifizieren; wundern würde es mich jedenfalls nicht.
Trotz der historischen Detailtreue ist "Die Brüder Aschkenasi" auch für Leser interessant, die nicht zuvörderst an Geschichte interessiert sind. Singer degradiert seine Romanfiguren nämlich nicht zu Abziehbildern, die geschichtliche oder ideologische Entwicklungen zu verkörpern, sondern er erzählt zunächst und vor allem anderen die Geschichte von Menschen in all ihren Facetten. Er breitet tragische Biographien aus, etwa die von Simchas/Max' erster Frau Dinele; er schildert Leben, die nicht gelebt werden durften, und gelegentlich stellt sich das Lachen unter Tränen ein. Singers Erzählstil ist nämlich nie plakativ; man begegnet in seinem Roman unzähligen markanten Figuren.
Der Trick ist so einfach wie genial: Singer wechselt von Kapitel zu Kapitel fast unmerklich die Perspektiven und erreicht so, dass man das Geschehen mit den Augen der jeweiligen Protagonisten wahrnimmt. So findet man unter den Industriebaronen zwanghafte Geschäftsleute wie Simcha Meir/Max Aschkenasi, mit unstillbarem Ehrgeiz als Antriebsfeder. Man begegnet aber auch einem Fabrikanten, der seine Skrupel einfach nicht loswird; dann wieder bemitleidet man dem grundgütigen Chaim Alter, dem sein Phlegma zum Verhängnis wird. Und nicht zu vergessen ist der wider willen geadelte bodenständige Baron Huntze samt seinem nichtsnutzigen Nachwuchs, der außer Dünkel keine besonderen Eigenschaften hat. Ähnlich differenziert werden die in diesem Roman überhaupt nicht gesichtlosen proletarischen Massen geschildert; hier wird nicht nur plausibel, wie aus einem halbverhungerten Rabbinersohn ein in sich zerrissener Revolutionär wird. Und die Ursachen, wieso oft genug der Pöbel revolutionäre Ideale pervertierte, überschweben die Handlung als immer drohendere Damoklesschwerter.
Das soll Israel Joshua Singer erst einmal einer nachmachen: Eine Familiengeschichte mit entscheidenden historischen Ereignissen verbinden; große Geschichte faktentreu ergründen und nacherzählen und dabei jeder Figur ihre menschliche Würde zu lassen, und aus alledem einen vielschichtigen Roman zu machen, der bei aller Detailfülle nie den Faden verliert.
"Die Brüder Aschkenasi" liest sich ganz einfach hervorragend; der Roman empfiehlt sich auch Lesern ohne einschlägiges Hintergrundwissen über Judentum und polnische Geschichte.