Gibt es "normale" Stars? Vielleicht lohnt es sich, einen kurzen Blick auf das Leben der Hauptdarsteller zu werfen, wenn man die überwältigende Wirkung und den unglaublichen Erfolg des Liebesdramas "Die Brücken am Fluss" verstehen möchte.
Mary Louise Streep wurzelt ein wenig in Irland, der Schweiz und väterlicherseits in den Niederlanden, wurde aber 1949 in New Jersey geboren. Meryl Streep absolvierte ihren Master of Fine Arts in Yale und erhielt ihren Ehrendoktor in Princeton. Ihr erster Mann wurde nach nur zwei Jahren Ehe Opfer einer schweren Krankheit. Mit ihrem zweitem Mann, einem Bildhauer, ist sie seit 1978 bis heute verheiratet und hat vier Kinder. Zwei Oscars und 16 Nominierungen belegen ihren Ausnahmestatus als Filmschauspielerin.
Der kalifornische Schwimmlehrer Clinton Eastwood jr. ist 19 Jahre älter. Er hatte nach einigen kleineren Rollen erst 1964 mit Sergio Leones Italo-Western
Für eine Handvoll Dollar den Durchbruch geschafft - und die stolze Gage von 15.000 US$ verdient. Vom Western- ins Action-Fach wechselte Eastwood mit
Dirty Harry unter der Regie von Don Siegel. Angebote für James Bond 007 lehnte er ab - er sei kein Brite... In den 80ern machte er sich als Regisseur einen Namen. 86-88 war Eastwood parteiloser Bürgermeister von Carmel-by-the-Sea auf der Monterey-Halbinsel, wo er sich für Kleingewerbe und Umweltschutz einsetzte. Als Regisseur und Produzent von
Erbarmungslos und
Million Dollar Baby gewann Clint Eastwood gleich vier Oscars. Für "Million Dollar Baby" schrieb er sogar die Musik... Seine Kinder Kimber, Kyle, Alison, Scott, Kathryn, Francesca und Morgan sind sämtlich im Filmgeschäft tätig.
Der Roman
The Bridges of Madison County von Robert James Waller führte die beiden Ausnahmekünstler 1995 zusammen. Clint Eastwood (65) produzierte den Film, führte Regie, stellte den Soundtrack zusammen und spielte den Fotografen Robert Kincaid, der eben diese Brücken für ein Magazin fotografieren möchte. Dort trifft er die Italien-stämmige Farmersfrau Francesca Johnson (Meryl Streep, 46), die wegen eines Viehmarktes für ein paar Tage ohne Kinder und Mann zurückgeblieben war.
Francesca hängt ihren Träumen nach - nach dem zweiten Weltkrieg war sie mit einem G.I. in die USA übergesiedelt, aber statt den Duft der großen, weiten Welt zu atmen im Provinzmief von Iowa gelandet. Da erwies sich der weitgereiste Fotokünstler mit dem Flair eines Filmstars als geradezu unwiderstehlich - und die Gelegenheit durch Abwesenheit der Familie als zu verlockend.
Dem Rausch der großen Liebe folgt die Ernüchterung, als der Abschied näher rückt. Erst fürchtet sie, nur eine von vielen Liebschaften am Wege der lohnenden Fotomotive gewesen zu sein. Als er aber selbst seine Liebe bekennt, fehlt ihr der Mut, die Familie zu verlassen - zu sehr ist sie inzwischen selbst abhängig von ihrer Rolle. So gibt ihr die in der Erinnerung nochmals erhöhte große Liebe die Kraft, ihre Ehe bis zum Ende durchzustehen.
Meryl Streep mit braunen Haaren und strammen Hüften gab sicher keine schlechte Italienerin ab. Vor allem aber gelang ihr der Übergang zwischen den verschiedenen Phasen der kurzen Beziehung gradios und glaubwürdig. Ähnliches gilt auch für Clint Eastwood, der wunderbar vorsichtig, sensibel, rücksichtsvoll und verletzlich spielte. Neben diesen dominierenden Rollen blieben die Kinder, die in einer Rahmenhandlung das Erbe der verstorbenen Mutter ordneten, fast zwangsläufig blass, ohne eigentlich schlecht gespielt zu haben. Zumindest gaben sie dem Melodram einen humorigen Touch.
Die Tränen fließen nicht in Strömen wie zum Beispiel bei
Message in a bottle. Darauf hat es Eastwood auch wohl nicht angelegt - eher berührt die Tragik der unerfüllten Liebe und die Ruhe der Bilder, insbesondere auch die Regenszene beim Abschied, versetzen in eine melancholische Stimmung.
Gelegentlich geäußerte Kritik an "ungelenken, plakativen" Dialogen kann man nachvollziehen - muss man aber nicht. Es ist zu bezweifeln, dass es in der Absicht der Macher lag, "große Kunst" zu schaffen, Eastwood sieht sich sicher weder als Brecht noch als Antonioni. Eher wollte man doch eine nicht ungewöhnliche Konfliktkonstellation "normaler" Menschen beispielhaft darstellen. Aber wer würde sich im echten Leben schon so geschliffen ausdrücken wie in diesem Film? Und warum sollten Menschen in solchen Situationen nicht auch banale Sätze von sich geben?
Wer den Anspruch nicht überzieht, wird diesen Film schätzen und lieben können. Stoff für zwischengeschlechtliche Diskussionen liefert die Geschichte zudem. Als filmisches Kammerspiel zählen "Die Brücken am Fluss" durchaus zu den bemerkenswerten - und sehenswerten! - großen Filmen wie z.B. die Klassiker
Wer hat Angst vor Virginia Woolf? oder
The Rainmaker.
Im Original 135 Minuten im Format 1,85:1 auf 35 mm Film, DTS DD (IMDB)
jury 5* A0502/A0753 16.2.2011/13.10.2011e 11A