"Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will,
damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang."
(Friedrich Nietzsche, KSA 4,17)
"Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke." So beginnt Franz Kafka (1883-1924) seine Kurzerzählung (1917), die nicht mehr und nicht weniger ein Blick ins tiefste Innere ist, aus dem man werden will. Über einem Abgrund, in bröckelndem Lehm festgebissen, auf einer unwegsamen Höhe, diesseits die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt lag der auktoriale Erzähler, wissend, dass eine Brücke zu sein nur endet, wenn sie einstürzt. In dieser Lage sich wissend, hört er einen Wanderer - der erste oder der tausendste - seine Gedanken im Wirrwarr und im Kreis und doch ruft er: "Zu mir, zu mir" und sich selbst als anderes Ich spornt er an: "Strecke dich, Brücke!" damit du den dir Anvertrauten auch hältst. Falls der Wanderer falle, so schleudere ihn an Land.
Und der Wanderer kam, prüfte die Brücke und die menschliche Brücke träumte ihm bereits nach. Doch da sprang er mit beiden Füßen ihm auf den Leib. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und der Erzähler drehte sich um, um ihn zu sehen. "Brücke dreht sich um!" so der lapidare, doch notwendige Kommentar als Feststellung. Noch nicht ganz gewendet, stürzte das Brücken-Ich in die Tiefe, zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die "mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten."
"Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Weg, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben" schrieb Nietzsche im Zarathustra und hier bleibt die Frage, wer war dieser, der ihm auf den Leib gesprungen, wer hat diesen Übergang zu wagen beschlossen? Ist es sein geträumtes Ich, das nun sich bemerkbar macht und versinnbildlicht in der Delphischen Weisheit "Erkenne Dich selbst" zur Praxis der Lebensformung wird. "Und ich drehte mich um, um die Brücke zu sehen", so initiierte Kafka diese Lebenskunst der Selbstsorge und mit welcher einfachen Wendung gelingt es ihm zu zeigen, wie ein erneuerte Blick funktioniert und wie wichtig es ist, dass der andere endet. Übergang ist zugleich Vergänglichkeit des Alten. "Ich ist ein anderer" schrieb 40 Jahre zuvor ein junger Franzose voller neugieriger Lebenslust und der Mensch im Übergang ist eben jener Brücken-Mensch, dem es gegeben ist, im Absturz oder Untergang sein wahres gerechtfertigtes Ich zu erkennen, bevor die falschen "zerrissen und aufgespießt" sind. Das neue wird vom rasenden Wasser als Lebensquell fortgetragen.
Wer genau hinsieht, erkennt die Zeit des Falls als den Kairos der eigenen Entwicklung. "Der Mensch von gestern ist in dem von heute gestorben, der von heute stirbt in dem von morgen." Das ist Plutarchs Sicht auf die Entwicklung, auf das Werden. Dass es sich hier nicht um den Tod des Menschen handelt, liegt auf der Hand, aufgespießt wird das Brücken-Ich, zerrissen wird der auktoriale Erzähler alter Fassung und zum Neuen Menschen wird wie im Zarathustra oder in den Römerbriefen des Paulus der Wanderer, wenn er nur erkennt. Der Mann vom Lande vor dem Gesetz bewegte sich nicht in seiner Zeit, weil des Türstehers "jetzt aber nicht" ihm den Augenblick, das Jetzt entzog. Aber das tut der Brücken-Mensch hier bei Kafka, sein Werden in der Zeit geschieht, weil er nicht wartet. Das Jetzt ist kein Ort des Stillstandes, es ist ein Ort des Werdens. Und daher verweist diese Erzählung mit dem Ende auf den erneuten Anfang selbstreferentiell zurück. Das neue und offenbarte Ich erzählt aus erweitertem Blick erneut: "Ich war steif ... , ich war (sic!) eine Brücke." Dieses neue Ich wäre nach Nietzsche nun Übermensch zu nennen als eines gerechtfertigten Versuchers und Überwinders.
Kafka zu interpretieren, heißt, sich dem eigen Subjekt zu stellen. Damit ist Kafka lesenswert. Und vielleicht liegt gerade in der Versuchung und Überwindung jene Verwandlung des Gregor Samsas. Ein erneutes Lesen unter dieser Prämisse steht sicher an.
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