Günter Grass hat ein neues Buch veröffentlicht. 'Die Box. Dunkelkammergeschichten' lautet der Titel des zweiten Teil seiner Autobiografie, die mit den Spektakulären Bekenntnissen und Debatten rund um den ersten Teil 'Beim Häuten der Zwiebel' wochenlang die Feuilletons der Republik beschäftigte. Diesmal war es erstaunlich still. Ich sah das Buch bereits am 16. August, also zwei Wochen vor dem offiziellen Verkaufsstart bei einem Buchhändler stehen und war vollkommen perplex. Konnte das sein? Ein neuer Grass ohne öffentliche Aufregung, ohne Wellen der Kritiker, die wissen, wenn sie einen Grass rezensieren, ist ihnen die Aufmerksamkeit sicher. Die Stille war schnell erklärt: Der kleine Steidl Verlag hat die Auslieferung vorgezogen und so war das Buch im Handel, ehe die ersten Kritiker sich darüber hermachen konnten.
Das Echo ist - wie nicht anders zu erwarten - geteilt. Von großem Lob über nahezu neutrale Besprechungen (da fragt man sich, warum sie dann überhaupt veröffentlicht wird), bis hin zum erwartungsgemäßen und typischen Verriss im Spiegel. Aber man muss Deutschlands Flaggschiff unter den Nachrichtenmagazin nicht zu ernst nehmen, denn statt auf guten Journalismus ist die Hamburger Redaktion seit Jahren fast nur noch auf Krawall gebürstet. Kein Wunder also, wenn auch der neue Grass entsprechend sein Fett abbekommt. Der Eindruck verfestigt sich aber, wonach Grass scheinbar schreiben könnte was er wollte, alles was sich wichtig nimmt oder mal wichtig nehmen will (also genau das, was man Grass immer vorhält) bläst zum Angriff nur um ein paar Schlagzeilen zu machen. Da ist schade, denn das hat dieser Autor nicht verdient. Zu groß, zu wichtig ist sein Werk.
Das Buch: Zum Buch selbst (den Inhalt will ich nicht wiedergeben, denn soll jeder sich selbst erlesen). Ich habe es, kaum zuhause, vom Schutzumschlag befreit und hielt - wie immer - ein feines Buch in den Händen. Qualitativ hochwertig verarbeitet wie es heute leider eine Seltenheit geworden ist, in dunkles Leinen gebunden und mit typisch für Grass gestalteten Schutzumschlag.
Der Inhalt: Was und vor allem wie der wortgewaltige Literatur Nobelpreisträger dem Leser den Inhalt präsentiert, ist schon ein literarischer Kunstgriff. Im Gegensatz zur 'Zwiebel', die er vor zwei Jahren noch selber häutete, meldet er sich jetzt nicht selbst zu Wort. Er lässt andere Reden. Er lässt seine Kinder (acht an der Zahl) auf ihren Vater schauen, sein Leben reflektieren und seine Stationen erzählen. Da ist es nicht immer einfach den Überblick zu behalten, wer denn nun gerade redet, denn fast das ganze Buch ist ein einziger Dialog. Aber es macht Spass, es ist lebendig, denn da wird Unterbrochen, da wird auch mal ein Gedanke, ein Satz nicht zu Ende gesprochen, ganz wie im echten Leben. Und jeder hat seine Sprache. Während die Kritik mehrfach kritisiert, Grass biedere sich der Sprache der Jugend an, hat er hier einen richtigen Schritt gewagt. Hätte er es anders gemacht, hätten dieselben Kritiker angeprangert, Grass liefere in Dialoge gepresste Alt-herrenprosa.
Fazit: Ich bin gleich eingetaucht in die Grasssche Märchenwelt, denn die Dunkelkammergeschichten haben schon etwas Märchenhaftes, und war gefangen. Also, ignoriert die Kritiken, denn es scheint, also könnten Grass, Walser und Co. veröffentlichen was sie wollen, eins scheint ihnen fast immer sicher: Der Verriss. Trotzdem sollte sich jeder sein eigenes Bild machen und die von Grass geformten Sätze genießen. Nicht vergessen, der Mann ist bereits 80 Jahre alt und genau wie bei Siegfried Lenz, Martin Walser und wenigen anderen modernen Schriftstellern mit Weltgeltung weiss man nicht, wie oft man noch in den Genuss neuer Werke kommen wird.