Man könnte meinen, dass der in der CH.Beck Reihe Wissen im September 2011 erschienene Band "Die Borgia. Geschichte einer unheimlichen Familie" eigens rechtzeitig zur Ausstrahlung des ersten Teils der Reihe "
Borgia - Die komplette Serie [Director's Cut] [7 DVDs]" am 17.10.2011 herausgegeben wurde. Die zwölfteilige deutsch-französisch-österreichische Koproduktion ist jedoch nicht die einzige Fernsehserie, die zehn Jahre nach Mario Puzos Roman "
Die Familie", einen neuerlichen Hype um die berühmt-berüchstigste Familie der Renaissance ausgelöst hat. Bereits am 3. April 2011 wurde im us-amerikanischen Pay-TV die erste Folge der in Irland, Kanada und Ungarn produzierten Serie "The Borgias" (mit Jeremy Irons als Alexander VI.) ausgestrahlt. Gewissermaßen als Nachfolgeserie von "
Die Tudors - die komplette Serie, exklusiv bei Amazon.de [13 DVDs]" soll die erste Episode der ersten neunteiligen (!) Staffel unter dem Titel "Die Borgias Sex. Macht. Mord." ab dem 9. November 2011 auf "ProSieben" ausgestrahlt werden....
Gegenüber diesen TV-Spektakeln, deren Ziel im Erreichen höchster Einschaltquoten liegt und die daher ein gehöriges Maß an Voyeurismus und epischer Breite bieten müssen, wirkt der 130seitiger Band geradezu knapp und nüchtern. Als Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit, der bereits eine eine stattliche Anzahl von Sachbüchern zur italienischen Geschichte, mit Schwerpunkt Renaissance publiziert hat, empfiehlt sich gerade Dr. Volker Reinhardt einer wissenschaftlich-sachlichen Darstellung.
Anders als vielen anderen zeitgenössischen und Autoren ist eine Reinhardt gelungen, ein Kompendium gelungen, das frei von jeglichem Vorteilurteil und Emotionen ist. Bereits in seinem Vorwort nimmt er eine strenge Trennung von legenden und Fakten vor, die anschließend in den 17 Kapiteln einer chronologischen Abfolge präsentiert. Nach der Beschreibung der Herkunft und des Aufstiegs der aus Valencia stammenden katalanischen Adelsfamilie Borja sowie dem Machtgenuss und Machtverlust ihres ersten Papstes Calixt III. (Alonso de Borja), wird Rodrigo Borgia, der spätere Papst Alexander VI. zum Fokus der Betrachtungen. Im Zeitalter des Nepotismus, wird Alexander VI. zu dessen vollendeten Inbegriff. An erster Stelle steht alleine die Familie, für die es Reichtum und gesicherte Macht zu gewinnen gilt. Hierzu ist jedes Mittel recht. Im Tausch gegen Territorien, Titel und Bargeld gibt es kirchliche Ämter, die sogar an "Teenager" verliehen werden. Der Zölibat ist dabei genauso verpönt, wie alle anderen christlichen Tugenden. Täuschung, Lüge, Vertragsbruch und blutiger Verrat haben jedoch Hochkonjunktur. Für den Ausbau eines protomafiösen Familienstaates wird die Papsttochter Lucrezia mehrmals erfolgsversprechend verheiratet und vom Papstsohn Cesare eine Vielzahl von Feldzügen geführt. Neben dem Dominikanermönch Girolamo Savonarola und Mitgliedern römischer Adelsfamilien konnten weitere Kritiker und Gegner des unheiligen Vaters beseitigt werden. Kompromittieren, isolieren und eliminieren waren die drei Schritte nach denen hierbei rücksichtslos aber zielorientiert vorgegangen wurde. Letztendlich halfen keine dieser Aktion,um die Macht des Clans auf Dauer aufrecht zu erhalten....
...wobei Papst Alexander VI. mit dem Vertrag von Tordesillas (1494 eine Entscheidung traf, die bis in die Gegenwart nachwirkt: In Lateinamerika wird alleine in Brasilien portugiesisch gesprochen.
Neben einem Familienstammbaum der Borgia und einer Landkarte "Italien in der Renaissance" werden eine Zeittafel, eine Literaturliste und ein Personenregister als zusätzliche Materialien geboten.
Prof. Dr. Volker Reinhardts Kontrastprogramm kann all jenen als Alternative empfohlen werden, die sich nicht nur unterhalten lassen, sondern ernsthaft und fundiert in die Renaissance-Welt der "unheiligen Familie" einsteigen möchten. Die wissenschaftliche und dabei durchaus allgemeinverständlich zu lesende Darstellung ist mit 5 Amazonsternen zu bewerten.