Aus der Amazon.de-Redaktion
Wie Jack The Ripper werde man auch ihn nie schnappen, prophezeit der psychopathische Killer. Gleichzeitig legt er eine Blutspur, die dem Romandebüt Die Blutlinie des 38-jährigen kalifornischen Autors Cody McFadyen als roter Faden dient. Doch offenbar hat der Mörder die Rechnung ohne Barrett und ihre unschlagbare Truppe gemacht. Denn Barrett, die eigentlich von ihrem Psychiater noch nicht wieder dienstfähig geschrieben worden ist, glaubt durch den Fall, von der Erinnerung -- und damit von ihren nächtlichen Albträumen -- geheilt werden zu können. Sie beginnt zu ermitteln und muss erfahren, dass viele jener Menschen, die sie zu kennen glaubte, dunkle Geheimnisse haben -- und dass sie viel zu lange dem Falschen vertraut hat. Vom Ende aus betrachtet erscheint da sogar der Mord an ihrer Famlilie in einem ganz anderen Licht.
Die Blutlinie ist ein überraschendes Krimidebüt, das allerdings nichts für schwache Nerven ist: Dass der Autor im Vorwort Stephen King dankt, kann man nach der Lektüre gut verstehen. Und auch wenn Cody McFadyen mit manchem Klischee aufwartet und das FBI-Team vor allem am Anfang ein wenig so wirkt, als hätte er die Fantastischen Vier, Supermann, Hulk und Batman in einen Topf geworfen, um es zu kreieren: Die Blutlinie ist beste Thriller-Unterhaltung mit Gänsehaut-Garantie. --Stefan Kellerer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Kurzbeschreibung
Klappentext
Über den Autor
Auszug aus Die Blutlinie von Cody McFadyen, Axel Merz. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
sind wunderschön, der dritte ist voller Gewalt. Alle drei lassen mich
zitternd und allein zurück.
Der Traum heute Nacht handelt von meinem Mann. Er geht ungefähr so:
Ich könnte sagen, er küsst meinen Hals, und es dabei belassen, der
Einfachheit halber. Doch das wäre eine Lüge, im grundlegendsten Sinn des
Wortes.
Es wäre ehrlicher zu sagen, dass ich mich mit jeder Faser meines Wesens,
mit jedem letzten, brennenden Zentimeter meines Selbst danach sehne, von
ihm auf den Hals geküsst zu werden, und als er es tut, sind seine Lippen
die eines Engels, gesandt vom Himmel, um meine fiebrigen Gebete zu erhören.
Ich war damals siebzehn, genau wie er. Es war eine Zeit, in der es noch
keine Verbindlichkeit und keine Dunkelheit gab. Nur Leidenschaft, scharfe
Kanten und ein Licht, das so hell brannte, dass es die Seele schmerzte.
Er beugte sich vor im Dämmerlicht des Kinos, und (o Gott) er zögerte für
einen kurzen Moment, und (o Gott) ich erschauerte wie am Rand eines
Abgrunds, obwohl ich tat, als wäre ich ruhig, und o Gott o Gott o Gott er
küsste meinen Hals, und es war der Himmel, und ich wusste gleich dort und
damals, dass ich für immer mit ihm zusammen sein wollte.
Er war der Eine für mich. Die meisten Leute, ich weiß, finden den Ihren
nie. Sie lesen darüber, träumen davon oder spotten über die Vorstellung.
Doch ich hatte den Meinen gefunden. Ich hatte ihn gefunden, als ich
siebzehn war, und ich ließ ihn nie wieder gehen, nicht einmal an dem Tag,
an dem er sterbend in meinen Armen lag, nicht einmal, als der Tod ihn mir
entriss, während ich schrie und weinte, nicht einmal heute.
Gottes Name in diesen Tagen bedeutet Leiden. O Gott o Gott o Gott - ich
vermisse ihn so.
Ich erwache mit der Präsenz jenes Kusses auf meiner siebzehn Jahre alten
Haut und begreife, dass ich nicht siebzehn bin und dass er überhaupt nicht
mehr altert. Der Tod hat ihn im Alter von fünfunddreißig Jahren
konserviert, auf ewig. Für mich aber ist er immer siebzehn, beugt sich
immer vor, berührt immer meinen Hals in jenem einen, vollkommenen
Augenblick.
Ich strecke die Hand nach der Stelle aus, wo er eigentlich schlafen sollte,
und ein Schmerz durchbohrt mich so plötzlich und schneidend, dass ich bete,
während ich erzittere, um den Tod bete, um ein Ende der Schmerzen.
Natürlich atme ich weiter, und bald lässt der Schmerz wieder nach.
Ich vermisse einfach alles von ihm in meinem Leben. Nicht nur die guten
Dinge. Ich vermisse seine Fehler genauso schmerzhaft wie seine wunderbaren
Seiten. Ich vermisse seine Ungeduld, seinen Ärger. Ich vermisse den
herablassenden Blick, mit dem er mich manchmal angesehen hat, wenn ich
wütend war auf ihn. Ich vermisse es, mich darüber zu ärgern, dass er
ständig vergessen hat zu tanken und dass das Benzin immer fast aufgebraucht
war, wenn ich irgendwohin wollte.
Das ist es, denke ich häufig, was einem nie in den Sinn kommt, wenn man
darüber nachdenkt, wie es wäre, jemanden zu verlieren, den man liebt. Dass
man nicht nur die Blumen und die Küsse vermisst, sondern die Gesamtheit der
Erfahrungen. Man vermisst die Fehlschläge und die kleinen Missgeschicke mit
genau der gleichen Verzweiflung, wie man es vermisst, mitten in der Nacht
in den Armen gehalten zu werden. Ich wünschte, er wäre jetzt hier und ich
könnte ihn küssen. Ich wünschte, er
wäre jetzt hier und ich könnte ihn betrügen. Alles wäre mir recht, sehr
recht, wenn er nur da wäre.
Manchmal, wenn sie den Mut aufbringen, fragen die Leute, wie es ist,
jemanden zu verlieren, den man liebt. Ich antworte ihnen, dass es schwer
ist, und belasse es dabei.
Ich könnte zu ihnen sagen, dass es wie eine innerliche Kreuzigung ist. Ich
könnte ihnen erzählen, dass ich in den Tagen danach fast ohne Unterbrechung
geweint habe, selbst während ich in der Stadt unterwegs war - auch wenn ich
den Mund geschlossen hielt und kein Geräusch von mir gab. Ich könnte ihnen
berichten, dass ich diesen Traum habe, jede Nacht, und dass ich ihn erneut
verliere, jeden Morgen.
Aber warum sollte ich ihnen den Tag verderben? Also sage ich ihnen nur,
dass es schwer ist. Das scheint sie in der Regel zufrieden zu stellen.
Es ist bloß einer von diesen Träumen, und er treibt mich aus dem Bett.
Zitternd.
Ich starre in das leere Zimmer. Dann wende ich mich dem Spiegel zu. Ich
habe begonnen, ihn zu hassen. Manche würden sagen, das ist normal. Dass wir
uns alle unter das Mikroskop unserer Selbstbetrachtung legen und uns auf
die Fehler kon-zentrieren. Wunderschöne Frauen schaffen sich Ärger- und
Sorgenfalten, weil sie genau danach suchen. Teenager mit wunderschönen
Augen und Figuren, für die manch einer sterben würde, weinen, weil ihr Haar
die falsche Farbe hat oder weil sie glauben, ihre Nase sei zu groß. Diesen
Preis zahlen wir, weil wir uns durch die Augen anderer richten, einer der
Flüche der menschlichen Rasse. Und ich bin damit einverstanden.
Trotzdem sehen die meisten Menschen nicht das, was ich sehe, wenn sie in
den Spiegel blicken. Wenn ich mich selbst betrachte, dann sehe ich das:
Ich habe eine zerklüftete Narbe, ungefähr einen Zentimeter breit, die
mitten auf der Stirn an meinem Haaransatz beginnt. Sie verläuft senkrecht
nach unten, dann biegt sie in einem nahezu perfekten 45°-Winkel nach links
ab. Ich habe keine linke Augenbraue; die Narbe hat ihren Platz eingenommen.
Sie überquert meine Schläfe, von wo aus sie in einer trägen Schleife
hinunter zu meiner Wange verläuft. Von dort zieht sie sich zu meiner Nase,
tippt an ihren Rücken und kehrt wieder um, läuft diagonal über meinen
linken Nasenflügel, dann an meinem Kiefer vorbei am Hals nach unten und
endet auf meinem Schlüsselbein.
Die Wirkung ist beachtlich. Wenn man mich nur von rechts sieht, scheint
alles ganz normal. Man muss mich von vorn ansehen, um den Gesamteindruck zu
erhalten.
Jeder schaut sich wenigstens einmal am Tag im Spiegel an. Oder er sieht den
Eindruck von sich in den Blicken anderer. Und er weiß, womit er zu rechnen
hat. Er weiß, was andere sehen werden, was wahrgenommen wird. Ich aber sehe
nicht länger das, was ich zu sehen erwarte, sondern das Spiegelbild einer
Fremden, die mich hinter einer Maske hervor anstarrt. Einer Maske, die ich
nicht abnehmen kann.
Wenn ich nackt vor dem Spiegel stehe, wie jetzt, dann sehe ich auch den
Rest. Ich trage eine Art Halsband aus runden, zigarrengroßen Narben, das
sich von einem Schlüsselbein zum anderen zieht. Weitere gleichartige Narben
bedecken meine Brüste und führen von dort hinunter über mein Brustbein und
meinen Bauch bis zum Ansatz meiner Schamhaare.
Die Narben sind zigarrengroß, weil sie von einer Zigarre stammen.
Wenn man all das beiseite lassen würde, sähe es gar nicht so schlecht aus.
Ich bin klein, eins fünfzig groß. Ich bin nicht dünn, aber in Form. Mein
Mann nannte meine Figur immer "verlockend". Außer wegen meines Wesens,
meines Herzens und meiner Seele, so sagte er immer, habe er mich wegen
meiner "mundgroßen Brüste und meines herzförmigen Hinterns" geheiratet. Und
ich habe langes, dichtes, dunkles lockiges Haar, das bis unmittelbar über
besagten Hintern reicht. Auch mein Haar mochte er.
Es fällt mir schwer, an diesen Narben vorbeizublicken. Ich habe sie
hundertmal gesehen, vielleicht tausendmal. Sie sind immer noch alles, was
ich sehe, wenn ich in den Spiegel blicke. Sie stammen von dem Mann, der
meinen Mann und meine Tochter getötet hat. Den später ich getötet habe.
Ich fühle eine überwältigende Leere in mich hineinströmen, wenn ich daran
denke. Sie ist riesig, dunkel und absolut empfindungslos. Es ist, als würde
man in ein betäubendes Gelee sinken.
Keine große Sache. Ich bin daran gewöhnt. So ist mein Leben heute eben.
Ich schlafe nicht länger als zehn Minuten, und ich weiß, dass ich heute
Nacht nicht wieder einschlafen werde.
Ich erinnere mich, wie ich vor ein paar Monaten tief in der Nacht
aufgewacht bin, einfach so. Diese Zeit zwischen halb vier und sechs Uhr
morgens, wenn man sich fühlt, als wäre man der einzige Mensch auf der Erde
- falls man zufällig auf ist. Ich hatte, wie immer, einen von meinen
Träumen geträumt, und wusste, dass ich nicht wieder einschlafen würde.
Ich zog ein T-Shirt an und eine Jogginghose, schlüpfte in meine alten
Turnschuhe und ging nach draußen. Ich rannte und rannte durch die Nacht,
rannte, bis mein Körper nass war vor Schweiß, bis der Schweiß meine
Kleidung durchtränkte und die Turnschuhe füllte, und rannte weiter. Ich
schonte meine Kräfte nicht, und mein Atem ging schnell. Meine Lungen
fühlten sich an wie vereist durch die Kühle der morgendlichen Luft. Aber
ich hielt nicht an. Ich rannte schneller. Arme und Ellbogen pumpten, und
ich rannte, so schnell ich konnte, ohne mich um irgendetwas zu kümmern.
Ich landete vor einem jener Bedarfsartikelläden, die das Tal füllen, am
Straßenrand, wo ich Magensäure hochwürgte und nach Luft rang. Zwei andere
morgendliche Geister starrten zu mir herüber, dann wandten sie die Blicke
ab. Ich richtete mich auf, wischte mir über den Mund und stieß die Tür zum
Laden auf.
"Eine Packung Zigaretten bitte", sagte ich zu dem Inhaber, noch immer
völlig außer Atem. Er war Mitte fünfzig, vermutlich ein Inder.
"Welche Marke möchten Sie?"
Die Frage verblüffte mich. Ich hatte seit Jahren nicht mehr geraucht. Ich
starrte auf die Reihen hinter ihm, und mein Blick blieb an den früher
geliebten Marlboros hängen.
"Marlboros. Rote."
Er legte eine Packung vor mir auf den Tresen und tippte den Preis in seine
Registrierkasse. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich in
Joggingsachen unterwegs war und kein Geld bei mir hatte. Statt verlegen zu
sein, reagierte ich wütend.
"Ich hab meinen Geldbeutel vergessen", sagte ich mit trotzig vorgerecktem
Kinn. Provozierend. Ich forderte ihn heraus, mir die Zigaretten nicht zu
geben oder mich auf irgendeine Weise lächerlich zu machen.
Er musterte mich einen Moment lang. Es war wohl das, was Schriftsteller
eine "prägnante Pause" nennen. Dann entspannte er sich.
"Sie waren laufen?", fragte er.
"Ja. Bin davongelaufen vor meinem toten Mann. Vermutlich besser, als mich
umzubringen, ha-ha."
Die Worte klangen merkwürdig in meinen Ohren. Ein wenig laut, ein wenig
erstickt. Ich nehme an, ich war ein wenig verrückt. Doch statt
zusammenzuzucken oder mir einen unbehaglichen Blick zuzuwerfen, den ich mir
so sehr wünschte in jenem Moment, wurden seine Augen weich. Nicht vor
Mitleid, sondern vor Verständnis. Er nickte und reichte mir die Packung
Zigaretten über den Tresen, damit ich sie nahm.
"Meine Frau in Indien gestorben. Eine Woche, bevor wir nach Amerika gehen.
Sie nehmen Zigaretten, bezahlen nächste Mal."
Ich stand kurz da und starrte ihn an. Dann schnappte ich die Zigaretten,
drehte mich um und rannte nach draußen, so schnell ich konnte, bevor die
Tränen über meine Wangen liefen. Ich umklammerte die Packung Zigaretten und
rannte weinend nach Hause.
Der Laden liegt ein wenig abseits für mich, aber ich gehe nie mehr irgendwo
anders hin, wenn ich Zigaretten haben will.
Ich setze mich auf und lächle schwach, als ich die Schachtel Zigaretten auf
dem Nachttisch sehe. Ich muss an den Typ im Laden denken, während ich mir
eine anstecke. Ich schätze, ein Teil von mir liebt diesen kleinen Mann -
auf die Weise, wie man nur einen Fremden lieben kann, der einem eine
wunderbare Freundlichkeit erweist in genau dem Augenblick, in dem man sie
am dringendsten braucht. Es ist eine tiefe Zuneigung, ein Stich im Herzen,
und ich weiß, dass ich mich bis zu meinem Tod an ihn erinnern werde, auch
wenn ich seinen Namen niemals erfahre.
Ich inhaliere einen hübschen tiefen Zug und betrachte die Zigarette, die
perfekte kirschrote Spitze, die im Dunkel meines Schlafzimmers leuchtet.
Das, denke ich, ist das Heimtückische an all den verbotenen Dingen. Nicht
die Nikotinsucht, obwohl sie schon schlimm genug ist. Eher die Art und
Weise, wie eine Zigarette in bestimmten Momenten einfach passt.
Morgendämmerung mit einer dampfenden Tasse Kaffee. Oder einsame Nächte in
einem Haus voller Geister. Ich weiß, dass ich wieder aufhören sollte damit,
bevor sie ihre Klauen ein weiteres Mal tief in mich versenken. Doch ich
weiß auch, dass ich das nicht tun werde. Sie sind alles, was ich im Moment
noch habe. Eine Erinnerung an Freundlichkeit und Trost und ein Quell der
Kraft, alles in einem kleinen weißen Stängel zusammengerollt.
Ich atme den Rauch aus und beobachte, wie er nach oben steigt, hier und da
von winzigen Luftströmungen erfasst, bevor er immer dünner wird und
schließlich verschwindet. Wie das Leben, denke ich. Leben ist wie Rauch.
Wir machen uns nur etwas vor, wenn wir glauben, dass es anders ist. Es
genügt eine kräftige Böe, und wir schweben davon und lösen uns auf, und
zurück bleibt nichts außer einem Hauch unserer Existenz in Form von
Erinnerungen.
Ich huste unvermittelt und lache angesichts all der Assoziationen. Ich
rauche. Das Leben ist Rauch, und mein Name ist Smoky. Smoky Barrett. Das
ist tatsächlich mein Name. Meine Mutter hat ihn mir gegeben, weil sie fand,
er klinge "cool". Ich muss kichern in der Dunkelheit, in meinem leeren
Haus. Und während ich lache, denke ich (wie schon früher), wie verrückt
Lachen klingt, wenn man ganz allein lacht.
Das gibt mir für die nächsten drei oder vier Stunden etwas zum Nachdenken.
Die Frage, ob ich verrückt bin, meine ich. Schließlich ist morgen der Tag.
Der Tag, an dem ich entscheide, ob ich wieder zu meiner Arbeit beim FBI
zurückkehre oder ob ich nach Hause gehe, mir eine Pistole in den Mund
stecke und mir das Gehirn wegblase.
Kapitel 2
"Haben Sie immer noch die gleichen drei Träume?"
Das ist einer der Gründe, warum ich meinem Seelenklempner vertraue, den man
mir verordnet hat. Er macht keine Gedankenspielchen, tanzt nicht um die
Dinge herum und versucht nicht, sich an mich heranzuschleichen und mich in
die Enge zu treiben. Er geht geradewegs auf den Kern des Problems zu, ein
direkter Angriff. So sehr ich mich beschwere und mich gegen seine
Heilungsversuche wehre, das respektiere ich.
Er heißt Peter Hillstead und ist vom Aussehen her so ziemlich das genaue
Gegenteil vom Freud'schen Stereotyp. Er ist ungefähr eins achtzig groß, hat
dunkles Haar, ein
attraktives Model-Gesicht und einen Körper, der mich bereits bei unserer
ersten Begegnung erstaunt hat. Am beeindruckendsten sind jedoch seine
Augen. Sie sind von einem derart leuchtenden Blau, wie ich es vorher noch
nie bei jemand Brünettem gesehen habe.
Doch obwohl er wie ein Filmschauspieler aussieht, kann ich mir nicht
vorstellen, dass es bei diesem Mann zu einer Übertragung kommt. Wenn man
bei ihm ist, denkt man nicht an Sex. Man denkt an sich selbst. Er ist einer
von jenen seltenen Menschen, die sich wirklich um diejenigen kümmern, mit
denen sie es zu tun haben. Daran gibt es nicht den geringsten Zweifel, wenn
man bei ihm ist. Wenn man ihm etwas erzählt, hat man nie das Gefühl, dass
er mit den Gedanken woanders ist. Er schenkt einem seine volle
Aufmerksamkeit. Er gibt einem das Gefühl, dass man das Einzige ist, was in
seiner kleinen Praxis zählt. Das ist es, was es mir unmöglich macht, mich
in diesen wunderbaren Therapeuten zu verlieben. Wenn man bei ihm ist, sieht
man ihn nicht als Mann, sondern als etwas sehr viel Wertvolleres: als
Spiegel der Seele.
"Die gleichen drei", antworte ich.
"Welchen hatten Sie gestern Nacht?"
Ich rutsche ein wenig unbehaglich auf meinem Stuhl hin und her. Ich weiß,
dass er es bemerkt, und ich frage mich, was es seiner Meinung nach über
mich verrät. Ich bin ständig am kalkulieren und abwägen. Ich kann nichts
dagegen tun.
"Den, in dem Matt mich küsst."
Er nickt. "Konnten Sie hinterher wieder einschlafen?", will er wissen.
"Nein." Ich starre ihn an und sage nichts weiter, während er wartet. Heute
ist keiner meiner kooperativen Tage.
Dr. Hillstead sieht mich an, das Kinn in der Hand. Er scheint über
irgendetwas nachzudenken, wie ein Mann an einer Weggabelung. Welchen Weg
auch immer er von hier aus einschlägt, es gibt keinen Weg zurück. Fast eine
Minute vergeht, bevor er sich seufzend zurücklehnt und seinen Nasenrücken
massiert.
"Smoky, wussten Sie, dass ich unter meinen Kollegen keinen besonderen Ruf
als Therapeut genieße?"
Ich zucke zusammen bei seinen Worten, sowohl wegen der Vorstellung als auch
wegen der Tatsache, dass er mir überhaupt davon erzählt. "Äh, nein. Das
wusste ich nicht."
Er lächelt. "Es stimmt. Ich vertrete einige kritische Standpunkte gegenüber
meinem Berufsstand. Der wichtigste ist der, dass wir meiner Meinung nach
über keine wirklich wissenschaftliche Lösung für die Probleme der
menschlichen Seele verfügen."
Was zur Hölle soll ich darauf erwidern? Mein Seelenklempner erzählt mir,
dass der von ihm gewählte Beruf keine wirklichen Lösungen für psychische
Probleme bereithält? Das klingt nicht gerade vertrauenerweckend. "Ich kann
mir vorstellen, dass solch eine Ansicht auf Widerstand stößt", sage ich. Es
ist die beste Antwort, die mir auf die Schnelle einfällt.
"Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass ich denke, wir
hätten überhaupt keine Lösungen für psychische Probleme."
Und das, glaube ich, ist ein weiterer der Gründe, warum ich meinem
Therapeuten vertraue. Er besitzt einen rasiermesserscharfen Verstand, bis
hin zu dem Punkt des Hellsehens. Es schüchtert mich nicht ein. Ich verstehe
es. Jeder wirklich begabte Verhörspezialist besitzt diese Fähigkeit.
Vorauszuahnen, was sein Gegenüber über das denkt, was man zu ihm sagt.
"Nein. Was ich meine, ist Folgendes: Wissenschaft ist Wissenschaft. Sie ist
exakt. Gravitation bedeutet, wenn Sie etwas fallen lassen, dann fällt es
auch. Immer. Zwei plus zwei ist immer vier. Nicht-Varianz ist das Wesen
jeder Wissenschaft."
Ich denke darüber nach und nicke.
"Und was macht mein Berufsstand angesichts dieser Tatsache?" Er
gestikuliert. "Welche Haltung nehmen wir gegenüber der Seele und ihren
Problemen ein? Keine wissenschaftliche - zumindest noch nicht. Wir sind
noch nicht bei zwei plus zwei angekommen. Wären wir das, würde ich jeden
Patienten heilen, der durch diese Tür hereinkommt. Ich würde wissen, dass
ich im Fall von Depressionen gemäß A, B und C vorgehen muss, und es würde
immer funktionieren. Es würde Gesetzmäßigkeiten geben, die sich niemals
ändern, und das wäre Wissenschaft." Er lächelt nun; es ist ein ironisches
Lächeln. Vielleicht ein wenig traurig. "Doch ich heile nicht jeden
Patienten. Nicht einmal die Hälfte." Er verstummt kurz, dann schüttelt er
den Kopf. "Was ich tue, meine Arbeit, ist keine Wissenschaft. Es ist eine
Ansammlung von Methoden, die man ausprobieren kann und von denen die
meisten auch in früheren Fällen schon mehr als einmal funktioniert haben.
Und weil das so ist, lohnt es sich, sie erneut anzuwenden. Das ist
allerdings auch schon alles. Ich habe begonnen, diese Meinung in der
Öffentlichkeit zu vertreten, und daher...genieße ich bei vielen meiner
Standeskollegen nicht den besten Ruf."
Ich denke eine Weile über seine Worte nach, während er wartet. "Ich glaube,
ich verstehe den Grund", sage ich. "In einigen Bereichen des FBI geht es
heutzutage mehr um das Image und weniger um die Resultate. Wahrscheinlich
ist es bei Ihren Kollegen, die Sie nicht mögen, genauso."
Er lächelt erneut, diesmal ist es ein müdes Lächeln. "Pragmatisch gleich
zum Kern der Sache, wie immer, Smoky. Zumindest bei den Dingen, die Sie
nicht selbst betreffen."
Ich zucke bei diesen Worten innerlich zusammen. Es ist eine von Dr.
Hillsteads Lieblingstechniken, eine normale Unterhaltung als Deckmantel für
die seelenenthüllenden Bemerkungen zu benutzen, die er so ganz nebenbei
gegen einen abfeuert. Wie die kleine Scud-Rakete, die er soeben in meine
Richtung geschossen hat. Du hast einen messerscharfen Verstand, Smoky,
besagen seine Worte, aber du benutzt ihn nicht, um deine eigenen Probleme
zu lösen. Autsch. Die Wahrheit schmerzt.
"Und doch bin ich hier, trotz allem, was andere von mir denken mögen. Einer
der vertrauenswürdigsten Therapeuten, wenn es um Fälle geht, die FBI-Agents
betreffen. Was glauben Sie, warum das so ist?"
Aus dem amerikanischen Englisch von Axel Merz
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
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