Baudelaire (1821-1867) ist einer der größten französischen Lyriker, ebenso Wegbereiter der lyrischen Moderne. Einfluss übte er auf Verlaine, Rimbaud, Mallarme, George und insbesondere Valery. "... Absicht, ein großer Dichter, doch weder [...], noch Hugo, noch Musset zu werden" so sagte Valery und gibt hier bereits Harold Bloom Recht, der die Frage der Vorgänger bestens analysierte. Baudelaire vermiet es zeitlebens, seinen Vorsatz zu benennen, Hugo zu überflügeln und selbst an die Spitze zu kommen, um ewig zu werden. Und doch waren sie da, diese Zeilen, "ein Vers, der sich an tausend andere ficht." (von Hofmannsthal) Wer das Ozeanische (Romain Rolland), die Empfindung der Ewigkeit, austrocknen lässt als Dichter, wird an Land geschwemmt, wer aber bis zum Hals im Wort steckt, dem schlägt die Stunde der wirklichen Geburt, ihm entsteht der dichterische Neubeginn, aus der empfundenen Hoffnungslosigkeit entsteht ein Metaleben, in dem Liebe und Tod um ihre Beute kämpfen. So ist Baudelaire.
Baudelaire hat mit Lesern gerechnet, die die Lyrik vor Schwierigkeiten stellt. Und so widmet er sich einleitend in diesen "Les Fleur du mal" an seine Leser, denen Willenskraft und Vernunft nicht das zu geben vermögen, was sinnliche Genüsse versprechen. Seine Leser sind mit dem Spleen vertraut, der allem Normalen den Garaus macht. Baudelaire wollte letztendlich verstanden werden, und so beginnt er betont freizügig vom "sündigen Begehren" zu sprechen und Reue als "holden Zeitvertreib" zu definieren. "Es ist Überdruss!" so widmet er sich dem Leser und bindet ihn gleichsam in seine Lyrik. Er schließt sein Eröffnungsgedicht: "Mein Leser, Heuchler du, - mein Bruder, - meinesgleichen!"
Und nun folgen 131 Gedichte, aufgeteilt in Spleen und Ideal, Bilder aus Paris, Der Wein, Blumen des Bösen, Aufruhr und Der Tod.
Ein Massenerfolg lyrischer Poesie ist nach Baudelaire in dieser Menge nicht mehr vorgekommen. Selbst Hugos Lyrik fand nicht diese Resonanz, vielleicht noch das "Buch der Lieder" von Heine. Und darum sind die Blumen des Bösen ein Mach(t)werk, etwas, was hilft im Gegenpart, das Gute zu erkennen. Diese negative Dialektik kann man bei Baudelaire finden, da wo 1902 bereits Stefan George mit der ersten Übersetzung das schier Unfassbare ins Deutsche brachte. Und doch scheint es nur unfassbar in der bürgerlichen Meinung, das baudelairesche Schocken ist eben der direkte Weg, Beachtung zu finden. Seine Erlebnisse in Paris bestimmten Rilkes Malte, seine Sucht ("ich wurde von der Pfeife geraucht"), sein Spiel und er findet im Gedicht die Lösung. "Das Spiel" will nach Walter Benjamin, von keiner gesicherten Position wissen. Das Spiel, im Gegensatz zur Arbeit, macht mit dem vergangenen Leben kurzen Prozess. Und Spleen, Benjamin sagt, es sei der Staudamm gegen den Pessimismus. Baudelaire kann in der Tat kein Pessimist sein, ist er doch nur der Gegenwart verschrieben, sein Tabu, wenn er eines hat, gilt der Zukunft. Er war nicht wie Verlaine, "der in die Devotion (Anm. Frömmigkeit) flüchtete" (Benjamin), noch hatte er die Jugendkraft des lyrischen Elans eines Rimbauds (ausdrücklich empfehle ich seine Dichtung, siehe Rez.).
"Ihr Menschen, ich bin schön! ein Traum in Stein gehauen; [...] doch in dem Dichter ruft sie eine Liebe wach", so berichtet CB über Schönheit und sucht am Ende den Blick, das Auge als Spiegel "aller Schönheit Quelle." Doch sieht er die Erwartung, die dem Menschen entgegendrängt als leer, denn den Augen ist der Glanz verloren, ein Reiz hat sie noch umfangen, im Banne seiner Augen hat sich Sexus vom Eros losgesagt, seine Verse der seligen Sehnsucht wechseln zur klassischen Liebe, mit einer Aura gesättigt und allen fernen Blicken nah:
"So bete ich dich an wie nachts den Sternenreigen,
O Schrein der Traurigkeit, o du mein tiefes Schweigen,
Und liebe dich je mehr, je ferner du von mir:
Je mehr es mir so scheint, du meiner Nächte Zier,
Als wolltest mir zum Hohn die Räume du noch weiten,
Die meinen Arm getrennt von blauen Ewigkeiten."
Baudelaire ist blicklosen Augen verfallen und begibt sich ohne Illusionen in ihren Machtbereich. Diesem einen Werk hat Baudelaire all seine Kraft gewidmet, sein produktives Vermögen liegt hier, unbeirrbar in seiner Poesie, die er in der Absicht, "eine Schablone zu kreieren", verfasst hat - als Kondition eines jeden zukünftigen Lyrikers. Zerbrochen am Ende, das Gesetz seiner Poesie, "als ein Gestirn ohne Atmosphäre". (Nietzsche), wo "Polster tief wie Gräber sind", wo die letzte Reise "laut verkündet, ein Eldorado ist's, vom Schicksal vorbestimmt; / erkennt zu spät, dass nur ein Fels im Meere schwimmt."