Ein Sinologe, der völlig abgeschieden und weltlichen Interessen abgeneigt in seiner Bibliothek lebt, heiratet die schäbige, blauberockte und obendrein noch verblödete Haushälterin Therese, nachdem er Zeuge wurde, wie pfleglich, wie liebevoll sie eines der von ihm geliehenen Bücher behandelt.Ein Trugschluß, denn bei der Rückkehr vom Standesamt zieht die Haushälterin, Therese, ihren schrecklichen blauen Rock und alles was sie darunter trägt aus und wischt mit einem Handstreich alle auf dem Bett plazierten Bücher hinfort um Platz für ihre Bedürfnisse zu schaffen. Peter Kien, der berühmte Sinologe indes hat ein anderes Bedürfnis: Er flieht. Aufs Klo.
So beginnt dieses Buch. Wunderbar komische Szenen, die von Sarkasmus nur so triefen, Missverständnisse, die unausweichlich sind, weil Verständigung zwischen derart unterschiedlichen Menschen nicht existieren kann, ein alles wissender Erzähler, der zwischen den Köpfen seiner Figuren mit grosser Eleganz umherspringt. Das vorläufige Ende des Liedes ist die Ankunft Peter Kiens im Wiener Milieu, wo er einem mißgebildeten Gauner (Fischerle, der eingebildete Schachweltmeister, meine liebste Figur des Buches) auf den Leim geht und sein Bargeld unters Volk bringt. Als Fischerle auf der Siegerstrasse zu wandeln scheint, bringt er den Bruder Peter Kiens ins Spiel, einen in Paris lebenden berühmten Psychiater. Diser muss anreisen und versuchen, das Zerwürfnis zu lösen.
Vorweg: Für mich das Buch des Jahrhunderts. Es beschreibt Missverständnisse, Gewaltbereitschaft und die völlige Unmöglichkeit menschlichen Zusammenlebens. Nur der Psychiater kann Linderung verschaffen und angesichts der Katastrophen, die in den letzten 100 Jahren über die Menschen hereingebrochen sind, musste ich die Ereignisse der jüngeren Geschichte in dieser Handlung klar angedeutet sehen.
Doch man kann diesen Roman auch völlig anders betrachten, psychologisch, ethnologisch (man erfährt einiges über das alte China), alles stimmt. Das macht das wahrhaft bedeutende Werk aus. Ein umfangreiches Buch mit äußerst komplexer aber gradliniger Handlung liegt vor dem Leser, derzeit mein liebster Roman, fast eine Neuerfindung des Erzählens. Ein grosser Wurf, der in den 30er Jahren, als das Buch erschien, wenig Beachtung fand, aber da hatte die Welt ja andere Probleme. Durch dieses Buch (seinen einzigen Roman) gehört Canetti für mich zu den bemerkenswertesten Autoren der letzten 100 Jahre. Danke für dieses Buch.