Ein edles Buch und ein hehres Anliegen. Raoul Schrott, Literaturwissenschaftler, Romancier, Dichter übetrug altägyptische Liebeslieder, die auf Papyri und Ostraka der 19./20. Dynastie erhalten blieben, in zeitgmäße Sprache. Einerseits lobenswert, anderseits ...
Mit seiner Nachdichtung - als solche sehe ich sein Werk - bringt der Autor dem heutigen Leser 3000 Jahre alte Liebeslyrik, zu der sonst außer Experten und speziell Interessierten wohl kaum jemand greifen dürfte, nahe. Sehr verdienstvoll, zumal ihm kraft seines dichterisches Könnens bezaubernde Poesie in schönen Bildern gelingt. Er habe, so heißt es bei Burkhard Müller, "ein Kunstwerk der Vergegenwärtigung" geschaffen. Das kann ich nur unterstreichen.
Dennoch befinde ich mich in einem Zwiespalt; denn leider scheint das eine das andere auszuschließen: Man spürt nicht mehr den "Atem des Alten Ägyptens", der einem aus früheren Übertragungen entgegen schlägt (zum Vergleich zog ich die einfühlsame Arbeit von Hannelore Kischkewitz, "Liebe sagen", Leipzig 1976, heran), die offenbar andere Prämissen setzten. Geradezu geschockt ist man, liest man Worte wie Penner. Da geht die dichterische Freiheit im Streben nach Modernität zu weit.
Hervorragend die reiche Illustration in bräunlichen Rottönen nach Grabmalereien und die eingestreuten Hieroglyphenabschriften mehrerer Gedichte, die Authentizität suggerieren.
Unverständlich ist mir der reißerische Titel nach einem Wort des Dichters selbst samt der bekannten Abbildung der nackten Tänzerin im Überschlag. Sicher verkaufsfördernd, verspricht er mehr als die ausgewählten Lieder zu halten vermögen. Entschließt man sich schon dazu, sollte man wenigstens an einem Beispiel "auch B sagen". In den Originalen gibt es durchaus freizügigere Erotik in Wort und Bild (u.a. erotischer Papyrus Turin).
Übrigens: Das monströse Nachwort mit elitär geschraubten Worten wie aus Teakholz gedrechselt - in einer Doktorarbeit vielleicht berechtigt - , wirkt wie ein Hammerschlag auf eine Lotosblüte.