Diese Erzählung, 1991 von dem westlichen Autor, Friedrich Christian Delius geschrieben, zählt zu den ersten Beiträgen zur deutschen Vereinigungsliteratur. Inspiriert durch ein zufälliges Treffen mit einem alten Ribbecker, der dem Autor zufolge „nicht mehr aufgehört hat, zu erzählen“, ist sie eine Adaptation des berühmten Gedichts von Theodor Fontane, „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Das Resultat ist eine aufschlußreiche, einfühlsame Geschichte der kollektiven Repression über drei Zeitalter hinaus. Delius‘ Erzählung findet im März 1990 statt, kurz nach dem Fall der Mauer. Die Westberliner kommen mit Geschenken geladen nach Ribbeck und organisieren eine Feier zur Zelebration Fontanes und der Wiederannäherung von Ost und West. Sie bringen sogar einen Birnbaum, den sie trotz der Existenz des östlichen Birnbaums einpflanzen, ohne die Ribbecker nach der genauen historischen Stelle zu fragen. Diese Mißachtung der dörflichen Vergangenheit entspricht dem kollektiven Gefühl der „Kolonisierung“ des Ostens, das nach dem Mauerfall so deutlich spürbar war – und zwar nicht nur in Berlin, sondern auch in der ostdeutschen Provinz.
Die Erzählform ist möglicherweise das auffallendste am Buch: ein langer Satz der sich ohne Punkt über zweiundsiebzig Seiten streckt; ein endloser Monolog, der einerseits die menschliche Erzählensart, andererseits die Zeit direkt nach dem Mauerfall schildert: eine wandlungsvolle Zeit die keinen Stillstand kannte. Der Protagonist, ein Bauer namens Manfred Klawinter, spricht teils als Individuum und teils als kollektives ‚Ich‘ des Dorfes, was zusätzlich zum chaotischen, anti-chronologischen Charakter seiner Erinnerungen öfters zur Verwirrung führt. Trotzdem hat Delius eine Erzählensart entdeckt und so geschickt benutzt, daß man als Leser ganz natürlich in die Rolle des Zuhörers versetzt und dadurch umso tiefer vom Buch getroffen wird. Man spürt von Anfang bis Ende, daß die Dorfbewohner zwischen Erleichterung und Mißtrauen schwanken: Erleichterung, daß die Repressionen der DDR mitsamt der immer spürbaren Stasi-Bedrohung endlich ein Ende gefunden haben; Mißtrauen den Westlern entgegen, deren Ankunft sich wie eine Invasion anfühlt und Ängste vor einer Verreinnahmung ins Westen, also einer Opfergabe der Heimatkultur und –geschichte, hervorruft. Die ungeschminkte Darstellung dieser Widersprüche und die ironische Schilderung von Ost und West zählen meiner Meinung nach zu den Stärken des Buchs. Delius ist öfters wegen der „Anmaßung“, die er als westlicher Autor beim Schreiben einer östlichen Geschichte benötigt, kritisiert worden. Als englische Leserin empfinde ich aber, daß diese Erzählung so ehrlich und interessant geschrieben ist, sodaß sich diese „Anmaßung“ kaum oder garnicht erkennen läßt und, daß ich „Die Birnen von Ribbeck“ hoch empfehlen kann.