In die Auslegung des alttestamentarischen Verbots "Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendwas am Himmel, auf Erden und im Wasser", möchte ich mich nicht einmischen. Denn mit jeder Interpretation dieses Satzes aus der Genesis ist zugleich ein bestimmtes Gottes- und Glaubensverständnis verbunden. Ich gehe lieber davon aus, dass wir gar nicht anders können, als uns Bilder von der Welt, den Menschen und unseren Göttern zu machen. Und wem die neurologische Beweisführung nicht reicht, soll doch einfach einen Eigenversuch starten. Oder diesen Bildband kaufen und die Einleitung von Johannes Thiele aufmerksam lesen.
Das Konzept gefällt mir. Die Herausgeber durchforsteten den immensen Bilderschatz nach Beispielen, die sich ihrer Meinung nach im Laufe der Jahre ins kollektive Gedächtnis der Katholiken einbrannten. Dass es bei der Auswahl von nur hundert Bildern zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann, ist logisch. Ich finde nach der Sichtung, Ulrich Sander und Stefan Weigand haben gute Nasen für Exemplarisches, zumal sie den Begriff Bild sehr weit fassen und nebst der Fotografie die Malerei ebenso einbeziehen wie Kirchenfenster, Buchdruckkunst, Objekte wie eine astronomische Uhr oder Kitschpostkarten. Der Betrachter stößt so auf Unbekanntes, das er nicht erwartet hätte, ihn aber dennoch nicht überrascht. Nicht immer glücklich war ich hingegen mit den Textbeiträgen zu den Bildern. Denn die Qualitätsunterschiede sind mir zu groß geraten. Da finden sich wahre Perlen von Bildbetrachtungen munter neben wenig aussagekräftigen Selbsterläuterungen, Übersetzungen lateinischer Inschriften oder banalen Statements von Prominenten.
Mein Fazit: Wer nach einer Sammlung von Bildern sucht, die sich ins kollektive Gedächtnis der christlichen Welt eingegraben haben, wird von der Auswahl begeistert sein. Wer diesen Band in der Hoffnung kauft, zu jedem Bild einen Textbeitrag lesen zu können, der zu einem neuen Blickwinkel führt, muss mit Enttäuschungen rechnen.