Es ist die kraftvolle Coming-of-age-Story und Seelenreise der vierzehnjährigen weissen Halbwaisen Lily in einem von Rassenhass geprägten Umfeld, welche mit ihrer geliebten schwarzen Ersatzmutter vor dem gewalttätigen Vater flieht. Beide finden Zuflucht bei drei schrulligen schwarzen Imkerinnen, wo Lily ihr Leben um entscheidende Erkenntnisse bereichert und vor allem die Sprache des Herzens lernt.
Als Vierjährige hat Lily ihre Mutter infolge eines Unglücks verloren und vermisst sie sehr. Nur vage kann sie sich an deren Gesicht entsinnen. Mit Erinnerungsstücken von ihr schmückt sie ihre verbliebenen Eindrücke zu Geschichten und zum perfekten Bild einer Mutter mit unerschöpflicher Liebe aus und flieht damit in eine verlorene Fantasiewelt. Von ihrem Vater, einem herzlosen und einfältigen Holzbock wird sie vernachlässigt, isoliert und an ihrer Weiterbildung gehindert, so dass es sie wie ein Schock trifft, als sie erfährt, dass sich ihr in ihrem Leben so etwas wie Möglichkeiten bieten könnten.
Kernelement dieses Romans scheint mir die Suche nach der Geborgenheit, der Mutter, einem Zuhause - und schliesslich zu sich selbst - sowie die Sehnsucht nach dem universalen Göttlichen, das sowohl weiss, wie schwarz, männlich wie weiblich, einfach alles sein kann.
Der Roman besticht durch eine zeitlose, schwingende Sprache so sanft wie ein Blütenblatt und so zart wie Bienenflügel und zieht den Leser in eine tief empfundene, bewegende Geschichte voller lebendiger Intensität. Die Worte fliessen gleich von Beginn weg wie Honig, berühren tief, dringen durch alle Zellen hindurch, perlen ins Herz und hüllen einen durch ihren Liebreiz und Gefühlsreichtum ein wie warmes Sonnenlicht. Die Autorin schreibt aus der Sicht und mit der Direktheit einer zwischen ihren Gefühlen hin und her gerissenen Halbwüchsigen, welche nicht aus ihren Träumen erwachen will. Sie tut das so herzergreifend eindrücklich und hautnah, dass man im Buch versinken möchte, in welchem Weinen und Lachen, Schmerz und Zärtlichkeit direkte Nachbarn sind. In dieser bildhaften Sprache kann sich der Leser selbst wie in wunderbaren Träumen verlieren. Kidd sieht unter die Oberfläche des stillen Wassers unseres alltäglichen Lebens bis in die Untiefen der Seele. Sie formuliert und malt Gedanken, wie sie nur einer Kinderseele entsteigen können, aber von vielen Erwachsenen leider kaum mehr wahrgenommen werden. Die Seiten des Buches sind wie eine Haut und seine Worte das Herz, das in jeder Zeile schlägt. Am liebsten möchte man das Buch auf die Brust legen und sein Fluidum wie Honigbalsam in die Seele eindringen lassen. Eine Geschichte, so erfrischend wie Morgentau und so melancholisch wie Abendglühen. Diese Autorin besitzt alle Elemente, welche die Alchemie für perfekte Erzählkunst ermöglicht. Ihr ist ein Werk gelungen, das fesselt und einen festhält wie in einem grossen Schoss. Seine grosse poetischer Ausstrahlungskraft verspricht absolute Glücksgefühle und ist schlicht zum Umarmen und Verlieben!
Wie wunderbar, dass es Schriftstellerinnen gibt wie Sue Monk Kidd!