Wie wahrscheinlich ist es, zweimal hintereinander auf eine literarische Schatztruhe zu stoßen? Sehr wahrscheinlich, wenn man etwa nach Alberto Manguels "Die Geschichte des Lesens" auch sein Buch "Die Bibliothek bei Nacht" liest. Eng verwandte Titel? Durchaus. Doch Manguel schafft es dennoch, zwei verschiedene Werke zu schreiben und sich kaum zu wiederholen. Und wenn er's tut, ist es unvermeidlich und stört überhaupt nicht. Ausgangsort ist seine eigene Bibliothek in Frankreich, die bei Nacht eine andere Qualität hat als tagsüber: "Tagsüber locken mich die Konzentration und das Systematische; nachts kann ich mich mit einer schon beinahe unbekümmerten Leichtigkeit der Lektüre hingeben." Damit beschreibt Manguel auch seine Qualitäten als Autor: Zum einen ist er ein unglaublich belesener Intellektueller, der sehr tief schürfen kann, zum anderen aber ist er ein leidenschaftlicherLiteraturfreund, der seine Liebe zu Büchern unarrogant vermittelt und damit auch seine eigenen Leser begeistert, auch wenn deren Horizont nicht so weit ist wie Manguels. Er gibt nicht nur einen Abriss über die Geschichte der Bibliothek, sondern auch über deren Funktionen und beschreibt/erfindet dabei so interessante Kategorien wie "Die Bibliothek als Insel", "...als Überleben", "...als Phantasie", "....als Vergessen" und nicht zuletzt "...als Zuhause." In seinem Buch finden sich einige der berührendsten Geschichten über die zeitlose Kraft der Literatur, die ich je gelesen habe, etwa über den Trost, den Bücher in KZs und Gulags vermitteln konnten oder die Episode über die kolumbianischen Dorfbewohner, die eine spanische Übersetzung von Homers Illias nicht mehr an die Leihbibliothek zurückgeben wollen, weil sie in dem uralten, antiken Epos ihre eigene Situation beschrieben sehen.
Manguels Bücher sind die bestmögliche Werbung fürs (Weiter-)Lesen, die man sich nur vorstellen kann.