Wer sich über die Bibel oder auch über Kirche, Glaube, Theologie informieren will, ist arm dran. Es gibt zwar eine unüberschaubare Fülle von Literatur zu diesen Themen, aber das meiste davon lässt sich vier Kategorien zuordnen. Entweder gehört es zur Sorte einfältig-langweiliger Traktat-Literatur oder zur Sorte hochgestochen-unverständliches Zeug von Theologen, oder zu jener Sorte, die ersichtlich in missionarischer oder pädagogischer Absicht geschrieben wurde, oder zur Sorte Pfarrersbuch, also brave, gepflegte Langeweile.
Das Buch von Christian Nürnberger gehört zu keiner dieser vier Sorten. Es steht absolut im Gegensatz zum sonst Üblichen und ist eines der intelligentesten und spannendsten Bücher, die ich über dieses Thema gelesen habe. In lockerem Erzählstil, immer verständlich, kritisch-engagiert, mit viel Sprachwitz, pointiert, gelegentlich sogar humorvoll, manchmal sarkastisch, mitunter ironisch, oft verblüffend, nimmt Nürnberger seine Leser an die Hand und schafft es tatsächlich auf 200 Seiten, das, worauf es bei der Bibel und beim christlichen Glauben wesentlich ankommt, zu vermitteln.
Er fängt wirklich bei Adam und Eva an, kommt zu Kain und Abel, zu Noah und zur Sintflut, zu Abraham und Isaak, zu Josef und seinen Brüdern und schließlich zu Mose, dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, der Wüstenwanderung und dem Einzug ins Gelobte Land. Er erzählt von David, von Hiob und den Propheten und gelangt schließlich zu Jesus und zum Neuen Testament.
Er erzählt nicht einfach nach, sondern interpretiert die Geschichten, ordnet sie ein, schildert die Hintergründe, spannt immer wieder verblüffende Bögen von einer Jahrtausende zurückliegenden Vergangenheit in die Gegenwart. Von manchen Ge-schichten erzählt er, wie wechselvoll ihre Auslegung in der Geschichte war, er erzählt ihre Wirkungsgeschichte und ihre Bedeutung für unsere europäische Kultur, und während man liest, fragt man sich plötzlich, wie man eigentlich auf die Idee kommen konnte, zu meinen, dies alles ginge einen nichts mehr an, sei verstaubte Vergangenheit.
Interessant und überraschend finde ich auch: Obwohl Nürnberger als „protestantischer Agnostiker“, wie er sich selber bezeichnet, seinem Gegenstand höchst kritisch gegenübersteht, kirchlichen Dogmen nicht ausweicht, sich aber auch nicht über sie lustig macht, verleugnet er doch nie seine Sympathie für recht verstandenes Chris-entum und für aufgeklärte Gläubige. Das findet man selten. Und das mit dem Agnostiker glaube ich ihm nicht. Ich glaube, dass er heimlich glaubt. Oder glaubt, ohne es zu wissen. Trotzdem gibt’s einen Punktabzug: Erstens für den bescheuerten Untertitel – Was man wirklich wissen muss. Den hat wahrscheinlich die Marketingabteilung gemacht. Zweitens für das Cover. Diesen Finger Gottes hat man in letzter Zeit zu häufig gesehen. Drittens für die Schublade „Jugendbuch“. Natürlich können und sollen Jugendliche das lesen. Aber Erwachsene auch. Christen und Nichtchristen. Alte und Junge. Sogar Bischöfen und Kardinälen würde die Lektüre nicht schaden.