Ein Buch darüber, was die Bibel über sich selbst sagt? Ist das denn nötig? In Kreisen evangelikaler Theologiestudenten kursieren doch genügend Listen, die die einschlägigen Bibelstellen verzeichnen. Vor langer Zeit schon haben sich z. B. Mitarbeiter der Freizeiten auf Pura und Moscia damit beschäftigt und ihren Komilitonen solche Bibelstellenregister zur Verfügung gestellt. Ist es da überhaupt noch nötig, dass ein freundlicher Mensch diese Register mit einem schönen Text verbindet und als Buch herausbringt?
Das wäre vielleicht nicht nötig. Aber Thomas Jeromin hat in seinem Buch mehr gemacht als die Leser mit einer unendlichen Sammlung von Bibelstellen zu langweilen. Schon der Untertitel: "Das Selbstverständnis der biblischen Schriften. Eine Einführung" zeigt, dass der Autor Größeres vorhat. Das Buch ist der Versuch, aus der Schrift eine Lehre von der Schrift zu entwerfen. Thomas Jeromin kann nicht verbergen, dass er sich seiner Aufgabe als systematisch-theologisch denkender Exeget nähert. Der Autor unternimmt nicht einfach einen ungeordneten Querschnitt durch die Bibel auf der Suche nach Stellen zum Thema, sondern begegnet ihnen gleich in dogmatischer Ordnung. Dieses Zusammentreffen von "reinem" Schriftzeugnis und dogmatischen Kategorien macht den Reiz und den Gewinn der Lektüre von "Die Bibel über sich selbst" aus. Dem Leser wird so die Lehre von der Schrift auf eine ihm bis dahin vielleicht nicht bekannte Art dargestellt. Thomas Jeromin hat diesen Entwurf gewagt und es ist ihm ein beachtlicher Wurf gelungen.
Wer das Buch zu lesen beginnt, wird sich vielleicht zunächst wundern, warum der Autor gar nicht über Aussagen der Bibel über sich selbst schreibt. Im ersten große Kapitel ("2. Jesus und die Heilige Schrift nach den Evangelien") referiert Jeromin Jesu Stellung zu Gesetz und Propheten und zeigt seinen Umgang mit der Heiligen Schrift auf. Dieser ungewohnt christologische Einstieg in das doch sonst eher unter der Pneumatologie oder noch öfter unter den Prolegomena verhandelte Thema "die Bibel" erfrischt. Schließlich ist Jesus ' so Jeromin ' der Schlüssel zum Verstehen der Schrift.
Das nächste Kapitel ("3. Die Heilige Schrift im Gebrauch der Apostel") verhandelt ausführlich die klassischen Stellen aus 1 Tim 3 und 2 Petr 1. Das letzte große Kapitel hat das Selbstverständnis des Alten Testaments zur Aufgabe. Hierbei betrachtet der Autor dessen drei Teile Gesetz, Propheten und Schriften jeweils für sich.
In der klassischen Dogmatik erhobene sog. "Eigenschaften der Schrift" werden in den einzelnen Kapiteln nach und nach induktiv erarbeitet: Aus der Auslegung einer bestimmten Schriftstelle wird eine entsprechende Erkenntnis erhoben. So erkennt z. B. die orthodoxe Dogmatik die Autorität der Bibel u. a. dadurch, dass die den Menschen heilswirkend anspricht (causa efficiens). Jeromin erkennt dies ' ohne den expliziten Verweis auf den dogmatischen locus ' in der Art und Weise wie Jesus mit der Schrift als Autorität umgeht (Kap. 2.1.3). Ein anderes Beispiel: Ausführliche Überlegungen wie z. B. zur Frage der Inspiration werden nicht gesetzt und nachher mit beweisenden Bibelstellen "garniert", sondern innerhalb der Auslegung bestimmter Schriftstellen bibeltextbezogen entwickelt.
Hinter jedes Kapitel hat Jeromin eine knappe Zusammenfassung der Hauptthesen des Abschnittes gesetzt. Wer allerdings nur diese liest, dem entgehen m. E. sehr wichtige Entdeckungen. Jeromins Buch liest sich nicht nur als trockene Bibelarbeit. Immer wieder finden sich aktualisierende Hinweise auf die Gegenwart, so z. B. wenn die Kritik an der Hermeneutik der Pharisäer auf heute angwendet wird. So liest sich das Buch stellenweise seelsorglich-predigtartig.
Der Autor kommt auch nicht umhin, am Rande in die aktuelle hermeneutische Diskussion einzugreifen. So setzt Jeromin im Kapitel "2.1.6 Das Selbstverständnis der Evangelisten" mit A. D. Baums These auseinander, Lukas habe im Wesentlichen ein ähnliches Selbstverständnis wie ein moderner Historiker.
"Die Bibel über sich selbst" bleibt aber dennoch allgemeinverständlich. Jeromin richtet sich mit seinem Buch zwar in erster Linie an "Studenten, Seminaristen, Pfarrer und Religionslehrer" (Vorwort), möchte aber auch interessierte Gemeindeglieder ansprechen. Er verzichtet weitgehend auf lateinische Fachbegriffe. Auch nichtstudierte Christen werden das Buch mit Erkenntnisgewinn lesen.
Für Studierende kann dieses Buch eine Hilfe werden in der persönlichen Krise, in die unweigerlich der gerät, dessen Glaube durch die Begegnung mit der historisch-kritischen Exegese auf die Probe gestellt wird. Jeromin möchte seine Leserschaft (wieder) an Christus orientieren und zu einem vertrauensvollen Bibellesen (zurück) bringen. Das eine oder andere Argument des Buches wird dann auch für das Gespräch mit anders denkenden Komilitonen Verwendung finden können.
Nicht fehlen darf ein Kapitel über das geistliche Verstehen der Schrift bei Lesern und Hörern (Kap. 3.3) Jeromin entwickelt hier in der Auslegung von 1Kor 1; 2 und 2Kor 10 ein kleines Kompendium pneumatischer Exegese. Hier ' wie auch an anderen Stellen ' merkt man, dass das Herz des Autors auch dafür schlägt, den Leser existenziell in seiner geistlichen Situation vor Gott zu erreichen: Denn wenn der Heilige Geist einem Menschen die Schrift öffnet, kann der nicht neutraler Beoachter bleiben, sondern wird seiner eigenen Sünde überführt und in die Arme seines Herrn und Heilandes getrieben.
Udo Zansinger
Ichthys 36 (2003), 54f