Wieder ein historischer Roman um Karl den Großen. Einer mehr einer zuviel? Nein, denn in diesem Roman geht es nicht nur um die spannende Lebensgeschichte von Gerswind, der Tochter des Sachsenführers Widukind, die als kleines Kind als Geisel an den Hof des großen Franken kommt, die zwischen den konkurrierenden Völkern und Religionen aufwächst und sich ihren eigenen Weg suchen muß, bis sie schließlich als die letzte Geliebte des Kaisers ihren Platz findet. Das Buch ist auch noch ein buntes Bild der Zeit des frühen Mittelalters. Im Gegensatz zu den meisten Werken des Genres historischer Roman, die fiktive Figuren in eine mehr oder zumeist weniger authentische Vergangenheit setzen, erzählt Martina Kempff auch in ihrem neuesten Roman von Menschen, die es gegeben hat. Sie läßt durch ihre Protagonisten deren Zeit entstehen, sie füllt uns allen bekannte Daten und Ereignisse wie zum Beispiel die Kaiserkrönung Karls an Weihnachten des Jahres 800, den Ausbau Aachens zur ständigen Pfalz oder den Kontakt Karls zu Harun al Raschid mit Leben und so mit oft überraschenden Wendungen. Die Autorin ist in der Zeit so zu Hause, daß man auch in diesem Buch um Die Beutefrau viel Wissenswertes über das frühe Mittelalter erfährt und sich dabei sicher sein darf, daß die Fakten hervorragend recherchiert und, soweit es die Quellen zulassen, verläßlich sind. So ist neben einem mitreißendem Roman im Nebenlauf ein veritables Geschichtsbuch entstanden, das uns das Leben am Hof des mächtigsten Mannes des Abendlandes seiner Zeit ebenso wie die dunklen Seiten jener Zeit nahebringt, ohne belehren zu wollen. Nach Der Königsmacherin ist Die Beutefrau die zweite starke Frau in der Karolingerzeit, der Martina Kempff plastische Gestalt gibt. Wer den guten historischen Roman liebt, wird diese Buch nicht aus der Hand legen.