Neue Zürcher Zeitung
Mit leeren Händen Maeve Brennans Novelle «Die Besucherin» as. Über Miss Kilbrides Salon wacht das Porträt ihrer verstorbenen Mutter: einer schönen Frau mit blondem Haar, argwöhnischem Blick und einem kleinen weissen Fächer in den «sorgfältig gemalten, unnützen Händen». Dreissig Jahre lang hat Miss Kilbride die kranke Mutter gepflegt; und Jahrzehnte nach deren Tod kauern noch immer ihre Porzellanhunde links und rechts vor dem Kamin, bedrängt die von ihr komponierte Symphonie von Teppich- und Tapetenmustern das Auge, bleibt das kleine Sofa mit den dümmlichen «wurstförmigen Kissen» unverrückt. Der erstarrte Raum, in dem die gealterte, ledig gebliebene Tochter nervös ihre Zigaretten qualmt, könnte das heillose Tabernakel von Maeve Brennans Novelle «Die Besucherin» sein. Die Haupthandlung spielt freilich in einem andern Haus, in dem Miss Kilbride gelegentliche und einzige Besucherin ist; denn auch dort hat eine mütterliche Hand das Leben wirksam zum Stillstand kommen lassen. Mrs. King, während vierzig Jahren gewohnt, allein über das Herz ihres Sohnes zu gebieten, mochte ihn nicht der spät gefundenen Braut überlassen; deren Tränen mehrten lediglich den Gletscher schwiegermütterlicher Abneigung, der die jüngere Frau am Ende mitsamt Anastasia, der Tochter des wenig glücklichen Paars, aus dem Haus drängte. Dennoch kehrt Anastasia, mittlerweile zweiundzwanzigjährig und verwaist, dorthin zurück: Eine andere Heimat kennt sie nicht. Eine erstklassige Grundlage für ein Rührstück, würde man meinen; aber so eisklar, fremd und hochgespannt, wie die Begegnungen zwischen diesen vom Leben und von den eigenen Wünschen betrogenen Protagonistinnen in Szene gesetzt sind, lassen sie dem Leser nie Atem für gefühlige Seufzer. Das hat mit der knappen Form der Novelle, mit der gekonnten Auslagerung emotionaler Momente auf die sparsamen Schilderungen einer winterlichen Aussenwelt zu tun; aber auch mit den Charakteren selbst: Eine jede dieser Frauen ist gefangen gesetzt von den eigenen Erinnerungen, aus schierer seelischer Entbehrung in sich zurückgescheucht und unfähig, dem selten gewagten Schritt einer anderen im entscheidenden Moment entgegenzukommen. Härter als in den an sich dramatischeren Szenen, die am Ende in Anastasias Verstossung gipfeln, kristallisiert sich dies im Augenblick, da die Haushälterin Katharine bis anhin die einzige mütterliche, gebende Figur in eine Art Angststarre verfällt, als Anastasia sie mit einer Weihnachtsgabe überraschen will: Zitternd blickte sie auf ihre Geschenke. «Was hast du dir denn dabei gedacht? Was hast du dir dabei nur gedacht?» Ihre Stimme klang höher als gewöhnlich und nicht eben herzlich. «Die Besucherin», Mitte der vierziger Jahre verfasst, wurde als frühester bekannter Text der 1917 geborenen Journalistin und Erzählerin Maeve Brennan erst kürzlich wiederentdeckt. Als sie den Text verfasste, konnte die Schriftstellerin nicht ahnen, was auch der Leser erst im Nachwort des versierten Übersetzers Hans-Christian Oeser erfährt: dass sie in der elenden Schlussvignette der Novelle schon die Unbehaustheit und Umnachtung ihrer eigenen letzten Lebensjahre skizziert hatte.
Über den Autor
Maeve Brennan, 1917 in Dublin geboren, trat 1949 in die Redaktion der Zeitschrift New Yorker ein. Bis 1973 veröffentlichte sie dort Kolumnen, Essays und Erzählungen. Sie starb 1993, mittellos, vereinsamt und vergessen, in New York.Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, lebt als literarischer Übersetzer und Herausgeber in Dublin. Er übersetzte u. a. Werke von Christopher Nolan, Ian McEwan, und John McGahern. Er wurde mit dem Europäischen Übersetzerpreis Aristeion ausgezeichnet.