Lena Johannsons zweiter Roman nach "Das Marzipanmädchen" spielt wieder in Lübeck. Zeitlich ist er in den Kriegszeiten des frühen 19. Jahrhunderts angesiedelt, in denen Europa gegen Napoleon zu Felde zog. Hauptsächlich geht es aber um das Findelkind Femke, die bei einer wohlhabenden Familie aufwächst. Ihr Vater handelt mit Wein und weist sie schon früh in die kaufmännischen Tätigkeiten ein. Femke ist allerdings auch mit dem Talent des Bernsteinschnitzens gesegnet. Früh beginnt sie bei einem Meister in der Werkstatt zu helfen und ihren Werken werden bald magische Fähigkeiten zugesprochen. Die Beschaffung und Bearbeitung des Ostseegoldes war seinerzeit nicht einfach. Die Autorin lässt ihre intensive Recherche sowohl bei der Umgebung als auch bei der Bearbeitung des Harzes einfließen. Bei ihren Beschreibungen kann man förmlich das kalte, salzige Wasser spüren und sich direkt in die Situation hineinversetzen.
Die Geschichte umfasst etwas mehr als 20 Jahre, in denen Femkes Lebensweg erzählt wird. Eng verknüpft ist dieser mit dem Bernsteinfischen. Schon der Prolog weist auf die Entstehung des uralten Materials mit teilweise interessanten Einschlüssen und seine Bearbeitung hin. Die Auswahl der Epoche verspricht obendrein eine turbulente Kulisse mit der Belagerung Lübecks und der Entstehung des Ostseebades Travemünde. Angenehm empfand ich, dass zwar hier nicht weiter auf das Kriegsgeschehen im Einzelnen eingegangen wurde, sondern nur latent durchschien, wie die Bevölkerung unter den erschwerten Bedingungen zu leiden hatte Die Protagonisten und Nebenfiguren sind vielschichtig und lebendig gezeichnet, sodass sich ein farbiges Bild ergibt. Der Säugling ist zur erwachsenen Frau geworden und muss sich nicht nur durch die Kriegswirren ihren eigenen Problemen und Herausforderungen stellen. Da am Ende noch einige Fragen offen geblieben sind, hoffe ich auf eine Fortsetzung. Nach dem Lesespaß vom ersten Teil erwarte ich auch da wieder einen stimmungsvollen historischen Roman.