Die Antigone des Sophokles erscheint als zeitlos: in unerreichbarer darstellerischer Dichte wird der Konflikt aus entgegengesetzten Standpunkten entwickelt und in unerschütterlicher schicksalhafter Konsequenz vorgeführt. Kreon als die m. E. eigentliche tragische Figur verliert alles, während Antigone mehr oder weniger standhaft ihrem selbstgewählten Ende entgegentritt. Aufgrund seiner Geschlossenheit ist dies in meinen Augen eines der bedeutendsten und konzentriertesten Ideendramen überhaupt.
Mit Hochhuths Novelle verhält es sich ganz anders. Motive aus dem Antigone-Stoff (Bestattung des Bruders, Schwiegertochter, Tod des Verlobten...) werden aufgegriffen, auch die Standhaftigkeit der Antigone (hier Anne) ist durchaus vorhanden, doch überträgt Hochhuth das Geschehen in die Zeit der nationalsoizialistischen Dikatatur und des Krieges, wie dies auch andere getan haben (Anouilh, Brecht, auch Elisabeth Langgässer).
Was unterscheidet Hochhuths Antigone von der berühmten Vorlage? Zunächst gibt es hier keine wirklich klar entgegengesetzten Positionen.
Die Erzählung konzentriert sich nahezu ganz auf die moderne Antigone, die Hitlers Verbot zum Trotz ihren toten Bruder aus der Anatomie stiehlt und ihn während eines Bombenangriffes bestattet.
Die Handlung setzt beim Prozess gegen Anne ein. Und hier liegt der Hauptunterschied: das, was bei Sophokles weitestgehend ausgeblendet wird, wird von Hochhuth plastisch dargestellt. Die Handlung wird psychologisch.
Man erfährt eine Menge über den Seelenzustand von Anne, die in der Zelle auf ihre Hinrichtung wartet, die dieser nicht wie Antigone klaren Blicks entgegensehen kann, sondern die in ihrem menschlichen Elend zusammenbricht und sogar ihre Tat zu bereuen beginnt. Wenn es religiöse Gründe für ihr Handeln gegeben hat, so verliert sie in den Begegnungen mit dem Geistlichen auch diesen Boden unter ihren Füßen. Am Ende bleibt dem Leser ein tiefer Schauder über die Hinrichtung, deren gesamte Begeleitumstände in verstörender Intensität geschildert werden. Antigone konnte nicht siegen, das Dritte Reich hat sie zermalmt.
Der Text von Hochhuth ist sehr plastisch geschildert. Es handelt sich um eine sehr kurze Novelle, die mich auch beim Mehrmaligen Lesen immer wieder stark ergriffen hat. Positiv ist für mich auch, dass der Moralist Hochhuth schildert, aber hier nicht - wie etwa im "Stellvertreter" zu direkt moralisiert, sondern in und mit dieser Novelle ein eindringliches Mahnmal gegen den Faschismus setzt. Das alles erinnert sehr an Haushofers "Moabiter Sonette" und kommt diesen in der verstörenden Wirkung sehr nahe. Unbedingt lesen!