Der Rassenwahn der Nazis betraf viele Bevölkerungsgruppen. 6 Mio. Juden starben in den Gaskammern. Auch die Slaven wurden im Rahmen der Kriegsführung im Osten entsprechend ihrer Einstufung als "minderwertige Rasse" behandelt. Im deutschen Inland waren Gewohnheitsverbrecher, Homosexuelle, Erbkranke, Menschen mit körperlichen, geistigen und psychischen Behinderungen betroffen. Aly nimmt sich in seinem neuen Buch besonders der letztgenannten Gruppe an. Er möchte mit seinem Buch den Bann des "verschämten Schweigens", der bezüglich dieser Thematik noch immer in einer gewissen Weise fortbesteht, brechen und möglichst konkret an Schicksale erinnern.
"Ich meine, es sind vor allem die Namen der Toten, an die heute erinnert werden muss. Die Behinderten, Geistesschwachen und Krüppel, die alleingelassen wurden und sterben mussten, waren keine anonymen Unpersonen, deren Namen unterhalb der Schamgrenze liegen oder unter das Arztgeheimnis fallen. Sie waren Menschen, die vielleicht nicht arbeiten, aber lachen, leiden und weinen konnten - jeder Einzelne von ihnen eine unverwechselbare Persönlichkeit. Es ist an der Zeit, die Ermordeten namentlich zu ehren und ihre Lebensdaten in einer allgemein zugänglichen Datenbank zu nennen. Erst dann wird den lange vergessenen Opfern ihre Individualität und menschliche Würde wenigstens symbolisch zurückgegeben."
Im Zuge des deutschen Euthanasieprogramms zwischen 1939 und 1945 mussten 200.000 Menschen ihr Leben lassen. Aus welchem Zeitgeist heraus konnte es zu einem solchen Geschehen - inmitten einer doch als so hoch zivilisiert und kultiviert geltenden Gesellschaft - kommen? Ein biologistisches Evolutionskonzept zusammen gedacht mit einer utilitaristischen Ethik hatte vom 19. Jahrhundert an zur verstärkten Ausbreitung rassistischer und sozialdarwinistischer Denkweisen geführt. Dies war kein Phänomen des Nationalsozialismus allein, sondern überall in der westlichen Welt nachzuweisen.
H. Spencer, der mit der These "survival of the fittest" den Manchester-Liberalismus neu beleben wollte, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eigentlich bereits überwunden war, wirkt wie ein Vordenker des deutschen NS-Regimes, wenn er schreibt: "Den Taugenichts auf Kosten des Guten zu hegen, ist die äußerste Grausamkeit. Es ist ein vorsätzliches Aufspeichern von Elend für künftige Generationen. Es gibt keinen größeren Fluch für die Nachwelt, als den, ihr eine wachsende Bevölkerung von Einfältigen, Müßiggängern und Verbrechern zu vermachen."
Charles Darwin schätzte Spencer und übernahm seine Formulierung ab der 5. englischsprachigen Auflage seines Werkes Die Entstehung der Arten" (1869) Es wird nicht gern gehört und oft genug anders dargestellt, doch Fakt ist: Die Sozialdarwinisten konnten sich sehr wohl auf Darwin berufen:
"Bei Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt und die welche leben bleiben, zeigen gewöhnlich einen Zustand kräftiger Gesundheit. Auf der anderen Seite tun wir zivilisierten Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess dieser Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere Ärzte strengen die größte Geschicklichkeit an, das Leben eines Jeden bis zum letzten Moment noch zu erhalten. Es ist Grund vorhanden anzunehmen, dass die Impfung Tausende erhalten hat, welche in Folge ihrer schwachen Konstitution früher den Pocken erlegen wären. Hierdurch geschieht es, dass auch die schwächeren Glieder der zivilisierten Gesellschaften ihrer Art fortpflanzen. Niemand, welcher der Zucht domestizierter Tiere seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen im höchsten Grade schädlich sein muss. Es ist überraschend, wie bald ein Mangel an Sorgfalt oder eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Degeneration einer domestizierten Rasse führt, aber mit Ausnahme des den Menschen selbst betreffenden Falls ist wohl kaum ein Züchter so unwissend, dass er seine schlechtesten Tiere zur Zuchtwahl zuließe"
Entsprechende Sichtweisen waren in nahezu allen politischen Lagern und Staaten des Westens zu finden. Gegen Ende der Weimarer Republik arbeitete die sozialdemokratische Reichstagsfraktion einen Gesetzentwurf aus, der vorsah, rückfälligen Straftätern, die freiwillige Sterilisation nahe zu legen. Nur kurze Zeit später verabschiedeten die Nazis ein Gesetz über die zwangsweise Sterilisation von Gewohnheitsverbrechern. Die Auslands-SPD begrüßte dieses Aufgreifen ihres Vorschlages vorbehaltlos als fortschrittliche Maßnahme, hatte doch die Wissenschaft" die Erblichkeit der Kriminalität erwiesen".
Ein weiteres Beispiel: Heinz Potthoff, Reichstagsabgeordneter der linksliberalen "Fortschrittlichen Volkspartei" und seine Ausführungen über die "Unwirtschaftlichkeit" von Behinderten und "Entarteten": "Die Begründung sozialer Tätigkeit auf Mitleid und Nächstenliebe führt unwillkürlich dazu, dass man Geld und Mühe da verwendet, wo das Elend am größten ist. Aber sozial richtig ist das nicht. Die Humanität in diesem Sinne ist zweifach unwirtschaftlich. Sie ist teuer: mit dem Gelde, mit dem man einen Krüppel erhält, kann man zwei gesunde Kinder hochbringen. Sie ist unproduktiv: die vom Mitleid gepflegten Elenden werden niemals das angewandte Kapital dem Volke zurückerstatten. So rührend daher die Versorgung von Idioten, Krüppeln oder anderen lebensunfähigen Elementen sein mag, man sollte nie übersehen, dass sie ein Luxus ist, und man sollte vor jeder größeren Aufwendung sich fragen, ob unser Volk sich diesen Luxus erlauben kann."
Der Sozialdarwinismus hatte viele Gesichter. Bei den Amerikanern, Meister in der Kunst, die Dinge positiv zu sehen, hielt man eugenische Events ab, die geradezu Volksfestcharakter hatten. Ab 1920 wurden auf der Kansas Free Farm, wo bisher Zuchterfolge bei Schweinen, Kürbissen etc. prämiert wurden, auch Familien mit ausgezeichnetem Erbgut" ausgezeichnet. Eine Broschüre anlässlich der Festivität erklärte: "Es ist an der Zeit, die Wissenschaft menschlicher Zuchtwahl nach den Prinzipien der wissenschaftlichen Landwirtschaft zu entwickeln, wenn die besseren Elemente unserer Zivilisation dominieren oder auch nur überleben sollen." Die American Eugenics Society veranstaltete die Fitter-Families"-Wettbewerbe schließlich an jährlich bis zu zehn Orten.
Der Begründer des - heute in modifizierter Form in sog. neu-atheistischen Kreisen populären - evolutionären Humanismus Julian Huxley, erst Vizepräsident, dann Präsident der British Eugenics Society und erster Generaldirektor der UNESCO, wollte unteren sozialen Schichten den Zugang zur Gesundheitsfürsorge erschweren, Langzeitarbeitslose sterilisieren lassen und zu schwer behinderte Menschen eliminieren. "The lowest strata are reproducing too fast. Therefore [...] they must not have too easy access to relief or hospital treatment lest the removal of the last check on natural selection should make it too easy for children to be produced or to survive; long unemployment should be a ground for sterilisation."
Jeder Staat versuchte auf seine Weise, der Evolution des Menschen unter die Arme zu greifen. Die Australier rissen planmäßig Familien der Eingeborenen auseinander und sorgten programmatisch dafür, dass keines der Aborigines -Mädchen von jemand anderem als einem weißen schwanger wurde. So sollte nach und nach der australische Homo-Sapiens-Genpool gereinigt" werden.
Nirgends jedoch gab es eine solche Perfektion der Perversion, wie im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Hier nahm der Rassenwahn, die Idee das arische Blut von allen Verunreinigungen befreien zu müssen, die bizarrsten Formen an. In der Berliner Tiergartenstraße 4 (daher Aktion T4), wurde so ab 1940 der erste national-sozialistische Massenmord organisiert. Wissenschaftler, Mediziner, Pfleger, Mitarbeiter der Justiz, Polizei, Gesundheits- und Arbeitsverwaltungen waren daran beteiligt, die als "lebensunwert" abgestempelten Menschen den Gaskammern von Brandenburg, Hadamer, Pirna-Sonnenstein, Grafeneck, Hartheim und Bernburg zuzuführen. Vielen anderen gab man die Giftspritze, lies sie einfach verhungern, missbrauchte sie für wissenschaftliche Experimente. Aly beschreibt u.a. Versuche an Kinderhirnen.
Die Aktion T 4 war aus Alys Sicht nicht zuletzt auch ein Testlauf der Nationalsozialisten für den Genozid an den Juden: "Weil die Deutschen den Mord an den eigenen Volksgenossen hinnahmen, gewannen die Politiker die Zuversicht, sie könnten noch größere Verbrechen ohne bedeutenden Widerspruch begehen." Nur wenige hatten den Mut, öffentlich gegen das Euthanasieprogramm der Nazis Stellung zu beziehen. Friedrich von Bodelschwingh d. jüngere, Leiter von "Bethel" erreichte, dass die Umsetzung in seiner Anstalt gestoppt wurde. Der Autor nennt den Münsteraner Bischof Graf von Galen, der die Morde öffentlich anprangerte.
Das Buch ist wertvoll, nicht nur deshalb, weil es den Opfern Ehre erweist, sondern auch, weil es gerade in der Gegenwart immer wieder Anzeichen einer erschreckenden Geschichtsvergessenheit gibt. Einerseits gibt es im Zuge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sehr erfreuliche Entwicklungen.
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