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Die Belasteten: >Euthanasie< 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte [Gebundene Ausgabe]

Götz Aly
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

1. März 2013
Die »Euthanasie-Morde« und wie wir damit umgehen.

200.000 Deutsche wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet, weil sie psychisch krank waren, als aufsässig, erblich belastet oder einfach verrückt galten. Nicht wenige Angehörige nahmen den Mord an ihren behinderten Kindern, Geschwistern, Vätern und Müttern als Befreiung von einer Last stillschweigend hin. Die meisten Familien schämen sich bis heute, die Namen der Opfer zu nennen. Beklemmend aktuell lesen sich die Rechtfertigungen der vielen Beteiligten: Erlösung, Gnadentod, Lebensunterbrechung, Sterbehilfe oder Euthanasie. Götz Aly bringt mit seinem neuen Buch Licht in ein düsteres Kapitel der deutschen Gesellschaftsgeschichte.

»(Alys) Stil ist von einer ungemütlichen, unterhaltenden Faktendichte, einer immer ins Herz des Konsenses treffenden Schärfe.«
Gustav Seibt

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Die Belasteten: >Euthanasie< 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte + Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass - 1800 bis 1933
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Über den Autor

Götz Aly, geboren 1947, studierte Politische Wissenschaft und Geschichte. Er arbeitete für die ›taz‹ und die ›Berliner Zeitung‹ sowie als Gastprofessor. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt. 2002 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis, 2003 den Marion-Samuel-Preis, 2012 den Ludwig-Börne-Preis. Zuletzt veröffentlichte er bei Fischer ›Warum die Juden? Warum die Deutschen? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933‹ (2011); ›Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück‹ (2008); ›Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus‹ (2005).

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5.0 von 5 Sternen "Kein Einziger kommt zurück" 27. März 2013
Von Gospelsinger TOP 500 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
In jeder 8. Familie ist zwischen 1939 und 1945 ein Familienmitglied der Euthanasie zum Opfer gefallen, aber keiner spricht darüber. Keiner spricht über die 200 000 Opfer, denen die Menschenwürde abgesprochen wurde, die zu anonymen Unpersonen gemacht wurden, die als „geistig tot“ bezeichnet wurden, obwohl sie unverwechselbare Persönlichkeiten waren.
Götz Aly will mit diesem Buch den Kranken ihre Würde zurückgeben. Dabei agiert er nicht nur als Historiker, sondern auch als Vater. Das Buch ist seiner Tochter Karline gewidmet, die kurz nach ihrer Geburt an einer Streptokokkeninfektion erkrankte und einen schweren zerebralen Schaden erlitt.
Dass man sich nicht einreden lassen solle, es sei einfach, mit psychisch Kranken zusammen zu leben, zieht sich durch das Buch und ist auch Bestandteil des Buchtitels. „Die Belasteten“ sind nicht nur die Täter, sondern auch die Angehörigen. Die simple Schablone „gewissenlose Naziärzte – belogene Angehörige“ funktioniert nicht, so Aly.
Denn die Angehörigen wussten in der Regel sehr gut, was hinter den ihnen von den Ärzten angebotenen „riskanten Therapien, die in 90% der Fälle zum Tod führen“ steckte und nahmen diese Möglichkeit, ihr Gewissen zu beruhigen, dankbar an. Der Tod wurde als Wohltat für das Kind gesehen, aber man wollte nicht die Verantwortung dafür übernehmen.
Auf der anderen Seite konnten behinderte Kinder durch das Engagement ihrer Eltern gerettet werden. Häufige Besuche und der Wunsch, das Kind zu sich nach Hause zu holen, waren ein effektiver Schutz gegen die Ermordung. Leider brachten nur wenige Angehörige diese Stärke auf.
Man solle jedoch nicht „den Stab über jemanden brechen, der in der NS-Zeit schwach war“, sagte Aly auf der Buchvorstellung in Berlin, denn ein Kranker gefährdete eben auch die Familienexistenz.
„Doch sollten wir Heutigen uns nicht leichtfertig über die Eltern, Geschwister und Gatten erheben, die damals wankten. Sie lebten unter sehr viel schwierigeren Umständen. Anders als heute bestand, etwa im Fall der Geburt eines behinderten Kindes, keine Aussicht auf großzügige staatliche Hilfen, sondern die reale Bedrohung, dass die gesamte Familie als erblich belastet eingestuft und dauerhaft um ihre Zukunftschancen gebracht werden würde.“
So wurde beispielsweise für behinderte Kinder kein Kindergeld gezahlt, und der Familie wurde auch das Kindergeld für die anderen Kinder entzogen.
Götz Aly zeigt auf, wie die breite Akzeptanz der überhaupt nicht im Geheimen durchgeführten Euthanasiemorde in der Bevölkerung erreicht wurde und beschreibt, wie die Morde organisiert wurden.
Den Einstieg bildete die Sterbehilfe, unter deren Befürwortern gerade auch diejenigen waren, die sich politisch gegen die Todesstrafe und das Abtreibungsverbot engagierten und für Frauenrechte, Scheidung und das Recht auf Suizid eintraten. Ebenso waren auch einige der beteiligten Ärzte gleichzeitig Reformer, die sich für die Einrichtung von sozialpsychiatrischen Diensten und Arbeitstherapie einsetzten. Hier zeigt sich die Ambivalenz des Fortschrittsgedankens.
Daran schloss sich die Aktion T4 an, die von 1939 bis 1941 durchgeführt wurde, und der 70273 Menschen zum Opfer fielen.
Interessant ist, dass hinter den Euthanasiemorden nicht erbhygienische Gründe standen, sonder rein utilitaristische Motive. Es ging um Kosteneinsparungen, um Einsparungen an Essen, Kleidung und Betten. Im Mittelpunkt stand immer die Frage, ob jemand für die Gesellschaft brauchbar ist oder nicht.
Daneben gab es noch das wissenschaftliche Interesse an leicht zugänglichen Forschungsobjekten. Von den forschenden Wissenschaftlern wurden gezielt bestimmte Gehirne bestellt, wohl wissend, dass für die Ausführung dieser Bestellungen Morde begangen wurden. Vor der Ermordung wurden an den betroffenen Kindern noch umfangreiche schmerzhafte und gefährliche Tests durchgeführt. Es ist ein Skandal, dass diese Forschungsmethoden nach dem Krieg keine negativen Konsequenzen für die beteiligten Ärzte hatten, im Gegenteil.
„Die mit Hilfe solcher Arbeiten erworbenen akademischen Titel sind von deutschen Universitäten niemals in Frage gestellt worden und in nicht wenigen Fällen erst nach dem 8. Mai 1945 verliehen worden.“
Erst im Jahr 1990 (!) wurden die Präparate der ermordeten Kinder auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Die dazugehörigen Forschungsunterlagen waren bis dahin im Archiv zugänglich und wurden weiterhin genutzt.
Im weiteren Verlauf des Krieges wurden die Krankenhäuser zunehmend für die Unterbringung von Flüchtlingen und Bombenopfern benötigt. Die dafür erforderlichen Plätze wurden durch Morde freigemacht. Den Schwestern auf den Stationen bot sich dadurch die Gelegenheit, unliebsame Patienten loszuwerden, Patienten, die ihre ästhetischen, moralischen oder sozialen Normen störten, weil sie „unruhig, nachts zuweilen störend, frech, querulant, zeitweise unfreundlich“ waren. Hier wurden keine eugenischen Zwecke verfolgt, keine Ideologien oder Rassenlehren bemüht, hier ging es lediglich um das Interesse der Arbeitnehmer an einem störungsfreien Arbeitstag.
Die Euthanasiemorde wurden nach und nach auf weitere Gruppen ausgeweitet. Bombenopfer, die – verständlicherweise – mit Schock, Verwirrung und Schreckhaftigkeit reagierten, wurden ebenso eingewiesen und ermordet wie „Kriegshysteriker“, denen nicht geholfen werden konnte.
Aus den Anstalten wurden Lager. Nun wurden auch vermehrt sozial Unangepasste aufgenommen und ermordet. Zwischen einer psychischen Erkrankung und einem sozial unangepassten Verhalten wurde kein Unterschied gemacht; soziale Gesichtspunkte wurden offiziell zu einer Indikation für ärztliche Morde, für die Vernichtung durch Zwangsarbeit.
Im Sommer 1940 wurden Richtlinien erstellt, nach denen die Bevölkerung in vier Gruppen unterteilt wurde: „1. Asoziale Personen, 2. Tragbare Personen, 3. Die Gruppe der Durchschnittsbevölkerung, 4. Erbbiologisch besonders hochwertige Personen“.
„Asoziale“ wurden von jeder materiellen Zuwendung ausgeschlossen. Was heute als „randständig, deviant, sozial unangepasst“ bezeichnet wird, wurde damals als gemeinschaftsfremd bezeichnet und mit psychopathisch gleichgesetzt. Aus einem soziologischen Begriff wurde eine psychiatrische Diagnose. Zu den „Asozialen“ gehörten auch Tuberkulosekranke. Von dieser Krankheit waren Arme aufgrund ihrer schlechten Lebensverhältnisse besonders betroffen. Die aufwändige und teure Therapie sparte man sich und vernichtete die Kranken durch Zwangsarbeit, Hunger und Nichtversorgung.
Die Euthanasiemorde wurden offen in der Ärzteschaft diskutiert, es gab keine Geheimhaltung, die Morde gehörten zum normalen Stationsalltag.
Die Angehörigen wussten Bescheid, die Bevölkerung wusste, was in den Anstalten vor sich ging – und die Patienten selbst?
Die als „geistig tot“ Bezeichneten bekamen ganz genau mit, was mit ihnen geschah, und dass ihre einzige Schuld in ihrer Krankheit bestand. 80% von ihnen waren alphabetisiert, und Götz Aly lässt in den Kapiteln „Berichte aus dem Archipel Gaskammer“ und „Nachrichten aus den Sterbehäusern“ die Opfer selbst zu Wort kommen. In diesen bewegenden Dokumenten wird deutlich, dass hier keine „geistig toten“, sondern artikulationsfähige Menschen umgebracht wurden, die genau wussten, was ihnen bevorstand: „Kein Einziger kommt zurück“.
Der reibungslose Ablauf der Euthanasiemorde hatte jedoch noch ganz andere Auswirkungen. Denn die Operation T4 diente auch dazu, die Akzeptanz der Bevölkerung für den Massenmord an Juden auszuloten. Wenn sogar Morde an Angehörigen akzeptiert wurden, dann erst recht die Morde an „Volksfremden“. Wie die Euthanasiemorde wurde auch die Vernichtung der Juden in mehreren Stadien durchgeführt, um die Akzeptanz durch die Bevölkerung zu testen. Inzwischen war bereits eine moralische Abstumpfung der Bevölkerung zu beobachten. Der Krieg hat die Gesellschaft fragmentiert und die Aufmerksamkeit auf das eigene Überleben gerichtet. Für Empathie und Einsatz für Andere war kein Raum mehr.
Das material- und quellenreiche Buch ist kompetent und eindringlich geschrieben. Die Versuche, den Opfern ihre Namen zurückzugeben, scheitern allerdings am deutschen Datenschutz. Da bleibt nur die Halblegalität einer israelischen Website: [...]
Götz Aly hat eine spitze Zunge, die dafür sorgt, dass die Lektüre trotz des ernsten Themas anregend und spannend ist.
Gleichzeitig ging mir das Buch sehr zu Herzen, besonders weil ich an der Buchvorstellung in Berlin teil genommen habe. Die fand im gleichen Hörsaal der Charité statt, in dem auch der die Euthanasie befürwortende NS-Propagandafilm „Ich klage an“ gedreht wurde. Begleitet wurde die Veranstaltung von Ramba Zamba, einer Theatergruppe mit geistig Behinderten. Diese mit soviel Begeisterung und Herzblut spielenden, deklamierenden und singenden Menschen wären noch vor wenigen Jahrzehnten ermordet worden! Das machte die im Buch beschriebene technokratische Organisation von Euthanasiemorden sinnlich erfahrbar und berührte mich stark.
Ich hoffe, dass dieses Buch für viele ein Anstoß ist, mal in der eigenen Familie nachzuforschen. Fehlt da ein Vorfahr?
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von FMA
Format:Gebundene Ausgabe
Der Rassenwahn der Nazis betraf viele Bevölkerungsgruppen. 6 Mio. Juden starben in den Gaskammern. Auch die Slaven wurden im Rahmen der Kriegsführung im Osten entsprechend ihrer Einstufung als "minderwertige Rasse" behandelt. Im deutschen Inland waren Gewohnheitsverbrecher, Homosexuelle, Erbkranke, Menschen mit körperlichen, geistigen und psychischen Behinderungen betroffen. Aly nimmt sich in seinem neuen Buch besonders der letztgenannten Gruppe an. Er möchte mit seinem Buch den Bann des "verschämten Schweigens", der bezüglich dieser Thematik noch immer in einer gewissen Weise fortbesteht, brechen und möglichst konkret an Schicksale erinnern.

"Ich meine, es sind vor allem die Namen der Toten, an die heute erinnert werden muss. Die Behinderten, Geistesschwachen und Krüppel, die alleingelassen wurden und sterben mussten, waren keine anonymen Unpersonen, deren Namen unterhalb der Schamgrenze liegen oder unter das Arztgeheimnis fallen. Sie waren Menschen, die vielleicht nicht arbeiten, aber lachen, leiden und weinen konnten - jeder Einzelne von ihnen eine unverwechselbare Persönlichkeit. Es ist an der Zeit, die Ermordeten namentlich zu ehren und ihre Lebensdaten in einer allgemein zugänglichen Datenbank zu nennen. Erst dann wird den lange vergessenen Opfern ihre Individualität und menschliche Würde wenigstens symbolisch zurückgegeben."

Im Zuge des deutschen Euthanasieprogramms zwischen 1939 und 1945 mussten 200.000 Menschen ihr Leben lassen. Aus welchem Zeitgeist heraus konnte es zu einem solchen Geschehen - inmitten einer doch als so hoch zivilisiert und kultiviert geltenden Gesellschaft - kommen? Ein biologistisches Evolutionskonzept zusammen gedacht mit einer utilitaristischen Ethik hatte vom 19. Jahrhundert an zur verstärkten Ausbreitung rassistischer und sozialdarwinistischer Denkweisen geführt. Dies war kein Phänomen des Nationalsozialismus allein, sondern überall in der westlichen Welt nachzuweisen.

H. Spencer, der mit der These "survival of the fittest" den Manchester-Liberalismus neu beleben wollte, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eigentlich bereits überwunden war, wirkt wie ein Vordenker des deutschen NS-Regimes, wenn er schreibt: "Den Taugenichts auf Kosten des Guten zu hegen, ist die äußerste Grausamkeit. Es ist ein vorsätzliches Aufspeichern von Elend für künftige Generationen. Es gibt keinen größeren Fluch für die Nachwelt, als den, ihr eine wachsende Bevölkerung von Einfältigen, Müßiggängern und Verbrechern zu vermachen."

Charles Darwin schätzte Spencer und übernahm seine Formulierung ab der 5. englischsprachigen Auflage seines Werkes Die Entstehung der Arten" (1869) Es wird nicht gern gehört und oft genug anders dargestellt, doch Fakt ist: Die Sozialdarwinisten konnten sich sehr wohl auf Darwin berufen:

"Bei Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt und die welche leben bleiben, zeigen gewöhnlich einen Zustand kräftiger Gesundheit. Auf der anderen Seite tun wir zivilisierten Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess dieser Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere Ärzte strengen die größte Geschicklichkeit an, das Leben eines Jeden bis zum letzten Moment noch zu erhalten. Es ist Grund vorhanden anzunehmen, dass die Impfung Tausende erhalten hat, welche in Folge ihrer schwachen Konstitution früher den Pocken erlegen wären. Hierdurch geschieht es, dass auch die schwächeren Glieder der zivilisierten Gesellschaften ihrer Art fortpflanzen. Niemand, welcher der Zucht domestizierter Tiere seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen im höchsten Grade schädlich sein muss. Es ist überraschend, wie bald ein Mangel an Sorgfalt oder eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Degeneration einer domestizierten Rasse führt, aber mit Ausnahme des den Menschen selbst betreffenden Falls ist wohl kaum ein Züchter so unwissend, dass er seine schlechtesten Tiere zur Zuchtwahl zuließe"

Entsprechende Sichtweisen waren in nahezu allen politischen Lagern und Staaten des Westens zu finden. Gegen Ende der Weimarer Republik arbeitete die sozialdemokratische Reichstagsfraktion einen Gesetzentwurf aus, der vorsah, rückfälligen Straftätern, die freiwillige Sterilisation nahe zu legen. Nur kurze Zeit später verabschiedeten die Nazis ein Gesetz über die zwangsweise Sterilisation von Gewohnheitsverbrechern. Die Auslands-SPD begrüßte dieses Aufgreifen ihres Vorschlages vorbehaltlos als fortschrittliche Maßnahme, hatte doch die Wissenschaft" die Erblichkeit der Kriminalität erwiesen".

Ein weiteres Beispiel: Heinz Potthoff, Reichstagsabgeordneter der linksliberalen "Fortschrittlichen Volkspartei" und seine Ausführungen über die "Unwirtschaftlichkeit" von Behinderten und "Entarteten": "Die Begründung sozialer Tätigkeit auf Mitleid und Nächstenliebe führt unwillkürlich dazu, dass man Geld und Mühe da verwendet, wo das Elend am größten ist. Aber sozial richtig ist das nicht. Die Humanität in diesem Sinne ist zweifach unwirtschaftlich. Sie ist teuer: mit dem Gelde, mit dem man einen Krüppel erhält, kann man zwei gesunde Kinder hochbringen. Sie ist unproduktiv: die vom Mitleid gepflegten Elenden werden niemals das angewandte Kapital dem Volke zurückerstatten. So rührend daher die Versorgung von Idioten, Krüppeln oder anderen lebensunfähigen Elementen sein mag, man sollte nie übersehen, dass sie ein Luxus ist, und man sollte vor jeder größeren Aufwendung sich fragen, ob unser Volk sich diesen Luxus erlauben kann."

Der Sozialdarwinismus hatte viele Gesichter. Bei den Amerikanern, Meister in der Kunst, die Dinge positiv zu sehen, hielt man eugenische Events ab, die geradezu Volksfestcharakter hatten. Ab 1920 wurden auf der Kansas Free Farm, wo bisher Zuchterfolge bei Schweinen, Kürbissen etc. prämiert wurden, auch Familien mit ausgezeichnetem Erbgut" ausgezeichnet. Eine Broschüre anlässlich der Festivität erklärte: "Es ist an der Zeit, die Wissenschaft menschlicher Zuchtwahl nach den Prinzipien der wissenschaftlichen Landwirtschaft zu entwickeln, wenn die besseren Elemente unserer Zivilisation dominieren oder auch nur überleben sollen." Die American Eugenics Society veranstaltete die Fitter-Families"-Wettbewerbe schließlich an jährlich bis zu zehn Orten.

Der Begründer des - heute in modifizierter Form in sog. neu-atheistischen Kreisen populären - evolutionären Humanismus Julian Huxley, erst Vizepräsident, dann Präsident der British Eugenics Society und erster Generaldirektor der UNESCO, wollte unteren sozialen Schichten den Zugang zur Gesundheitsfürsorge erschweren, Langzeitarbeitslose sterilisieren lassen und zu schwer behinderte Menschen eliminieren. "The lowest strata are reproducing too fast. Therefore [...] they must not have too easy access to relief or hospital treatment lest the removal of the last check on natural selection should make it too easy for children to be produced or to survive; long unemployment should be a ground for sterilisation."

Jeder Staat versuchte auf seine Weise, der Evolution des Menschen unter die Arme zu greifen. Die Australier rissen planmäßig Familien der Eingeborenen auseinander und sorgten programmatisch dafür, dass keines der Aborigines -Mädchen von jemand anderem als einem weißen schwanger wurde. So sollte nach und nach der australische Homo-Sapiens-Genpool gereinigt" werden.

Nirgends jedoch gab es eine solche Perfektion der Perversion, wie im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Hier nahm der Rassenwahn, die Idee das arische Blut von allen Verunreinigungen befreien zu müssen, die bizarrsten Formen an. In der Berliner Tiergartenstraße 4 (daher Aktion T4), wurde so ab 1940 der erste national-sozialistische Massenmord organisiert. Wissenschaftler, Mediziner, Pfleger, Mitarbeiter der Justiz, Polizei, Gesundheits- und Arbeitsverwaltungen waren daran beteiligt, die als "lebensunwert" abgestempelten Menschen den Gaskammern von Brandenburg, Hadamer, Pirna-Sonnenstein, Grafeneck, Hartheim und Bernburg zuzuführen. Vielen anderen gab man die Giftspritze, lies sie einfach verhungern, missbrauchte sie für wissenschaftliche Experimente. Aly beschreibt u.a. Versuche an Kinderhirnen.

Die Aktion T 4 war aus Alys Sicht nicht zuletzt auch ein Testlauf der Nationalsozialisten für den Genozid an den Juden: "Weil die Deutschen den Mord an den eigenen Volksgenossen hinnahmen, gewannen die Politiker die Zuversicht, sie könnten noch größere Verbrechen ohne bedeutenden Widerspruch begehen." Nur wenige hatten den Mut, öffentlich gegen das Euthanasieprogramm der Nazis Stellung zu beziehen. Friedrich von Bodelschwingh d. jüngere, Leiter von "Bethel" erreichte, dass die Umsetzung in seiner Anstalt gestoppt wurde. Der Autor nennt den Münsteraner Bischof Graf von Galen, der die Morde öffentlich anprangerte.

Das Buch ist wertvoll, nicht nur deshalb, weil es den Opfern Ehre erweist, sondern auch, weil es gerade in der Gegenwart immer wieder Anzeichen einer erschreckenden Geschichtsvergessenheit gibt. Einerseits gibt es im Zuge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sehr erfreuliche Entwicklungen. Lesen Sie weiter... ›
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4.0 von 5 Sternen Inhalte toll – aber Layout eine Katastrophe 15. März 2013
Von H. Gross
Format:Kindle Edition|Von Amazon bestätigter Kauf
Also wenn ich schon den vollen Preis für das Kindel-Buch bezahle, dann erwarte ich auch, dass sich der Verlag beim Layout ein bisschen Mühe macht. Die Satzumbrüche klappen nicht. Die Absätze werden nicht sauber getrennt.Das ist leider eine Zumutung für den Leser. Wirklich sehr schade, denn ausgerechnet bei einem so wichtigen Buch sollte das Lesen des Textes kein Hinderungsgrund sein. Bei einem Amateurbuch für 2,30 € geht das durch. Nicht aber bei einem Verlagsprodukt für 19 !!!! Euro.
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