Wenn man als einigermassen positiv denkender Mensch davon ausgehen kann, dass jedes Buch (und warum nicht auch jede Rezension...?) durch einen bestimmten Zweck geheiligt wird, so überrascht Dietmar Fritzes' kleines aber feines Werk gleich in mehrerer Hinsicht. Normalerweise ist die Absicht hinter einer Buchveröffentlichung relativ leicht durchschaubar; die Palette - sofern man denn werten muss - reicht von nützlich/klärend/hilfreich (bei reiner Wissens- und Informationsvermittlung) über motivierend/inspirierend/ansteckend (bei pädagogisch geschickter Leidenschaftsvermittlung) bis zu spannend/erfrischend/amüsant (bei lebendiger Geschichtenerzählung oder kunstvoller Wortspielerei) ... und endet nicht selten mit Fragwürdigem (bei ausschliesslich der Geldbeschaffung dienender Billig-Unterhaltung), Peinlichem (bei selbstverliebten und sich überschätzenden Autobiografien) oder höchst Gefährlichem (bei ideologisierender Gehirnwäsche, Diffamierung, Aufhetzerei). Normalerweise. Bei Fritze ist das anders. Er lässt die Leserschaft über das Ziel seiner Reise (vorerst ?) im Dunkeln, gibt aber von Anfang an deutlich zu spüren, dass er den Boden des Fragwürdigen, Peinlichen oder gar Gefährlichen nicht betreten wird.
Nun, will Fritze ein Loblied anstimmen auf die Beharrlichkeit ? Als ob die Tugend des Beharrens allein genügen würde für wegweisendes Philosophieren. Als ob hartnäckiges Festhalten an einer These deren Inhalt bereits rechtfertigen könnte. Nein, er tut es nicht. Fritze würdigt zwar das "beharrliche gegen den Strom schwimmen" grosser Philosophen und plädiert für den Mut, trotz grösster Widerstände "am eigenen denken-dürfen und denken-können festzuhalten". Doch er erträgt auch den Widerspruch und zeigt anhand von amüsanten bis denkwürdigen Episoden, wie leicht Starrsinn und verbittertes Festhalten die pathologische Kehrseite zeigen können. Das macht ihn glaubwürdig.
Nun, will Fritze strukturiertes philosophisches Wissen vermitteln, autoritär wirken ? Nein. Als Leser spürt man zwar seine Kompetenz, erhält jedoch den Eindruck, dass da jemand mit Lust und Leichtigkeit von einer Blume zur anderen fliegt, ohne klares Konzept und ohne Chronologie berühmte Repräsentanten der Geistesgeschichte zitiert, kommentiert, rezensiert - instinktiv und spontan, wie ein Künstler. Das macht ihn spannend.
Nun, will Fritze unterhalten ? Vermutlich nein. Er tut es trotzdem, eher unbewusst und mit Sicherheit nicht billig - durch seinen intelligenten, komplexen und doch leichtfüssigen Stil. Die Form der konsequenten Kleinschreibung ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, doch Fritzes' Sprache fliesst, ist geschmeidig und trotzdem ernsthaft. Das macht ihn zum Entertainer, im guten Sinne.
Nun, will Fritze belehren oder die Leserschaft erdrücken mit 'Weisheiten' grosser Philosophen, auf dass wir in Ehrfurcht erstarren vor ihnen ? Nein, im Gegenteil. Natürlich vermittelt das Buch Respekt vor den wegbereitenden Leistungen der grossen Denker, und es bietet eine Fülle von stilsicher ausgewählten Zitaten (die allein das Geld schon wert sind !). Doch Philosophie ist die Kunst des Fragens, weniger der Antworten, schon gar nicht der Dogmen. Fritze zeigt immer wieder unmissverständlich seine "Verpflichtung zur Identität", er stellt diskret in Frage, kommentiert persönlich (womit man/frau im Detail nicht immer einverstanden sein muss), kritisiert (mit der nötigen Rücksicht, wenn sie angebracht ist) - und motiviert somit seine Leser/innen, im Labyrinth des menschlichen Geistes mit Mut und Beharrlichkeit einen eigenen Weg zu suchen. Nicht nur aus Spass, sondern aus dem tiefgreifenden Wunsch nach Hoffnung, Erkenntnis, Entwicklung.
Bei grossen Künstlern spürt man diese leidenschaftliche Ernsthaftigkeit, diese existenzielle Notwendigkeit des Produzieren-Müssens. Über Edith Piaf z.B. soll ein Zeitgenosse gesagt haben: "Die meisten anderen waren Sängerin, Frau, Liebhaberin, Mutter, Mensch und vieles mehr. Piaf war Sängerin. Bei allem was sie tat, Sängerin !"
Bei Autoren wie Fritze könnte der Wind in eine ähnliche Richtung wehen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb solcherlei Werke packen und berühren, bei aller Unvollkommenheit. Und vielleicht liegt hier auch die Antwort auf die Frage nach dem Ziel der Reise, nach dem Zweck dieser Veröffentlichung, dem heiligenden. Fazit: Sein Buch motiviert, inspiriert und weckt Neugierde nach mehr Philosophie. Auch für "Beinahe-Philo-Greenhörner" wie mich ! Und wem die 100 Seiten nicht genügen: Es gibt auch beim zweiten mal Lesen noch genug zu entdecken ...