In dem Buch Die Behandlung von Magersucht - ein integrativer Therapieansatz berichtet eine Gruppe von Therapeuten aus der Psychosomatischen Kinder- und Jugendstation an der Filderklinik über ihre Arbeit mit magersüchtigen Mädchen, die dort seit 1983 durchgeführt wird. Nach einer Einleitung des Arztes K.H. Ruckgaber folgen Berichte aus der täglichen Pflege und Betreuung, aus der systemischen Familientherapie und aus künstlerischen Therapien: der Maltherapie, der Musiktherapie und der Heileurythmie. Den Abschluß bildet die Dokumentation einer Langzeitstudie über die weitere Entwicklung der Patientinnen nach ihrer Entlassung aus der Klinik, in der sie durchschnittlich etwa vier Monate verbracht haben. Alle Therapeuten skizzieren in ihren Beiträgen zunächst die Aufgabe und Wirksamkeit ihrer jeweiligen Therapie und erläutern dies dann anhand von zwei beispielhaften Verläufen. Dadurch entsteht ein unmittelbarer Eindruck davon, wie individuell sich die Magersucht ausprägt und wie dementsprechend die Therapeuten über ein weit angelegtes Instrumentarium verfügen: so beleuchten sich die Krankheit in ihren vielen Facetten und die therapeutischen Zugänge gegenseitig. Dabei Ist eine Arbeit entstanden, die den Leser berührt, deren Inhalt bemerkenswert und deren Methode zukunftsweisend ist. Denn in dem integrativen Ansatz werden nicht nur verschiedene Therapien, sondern auch verschiedene therapeutische Strömungen mit unterschiedlichen Zugängen zum Menschen miteinander verbunden und dies in der Verbindung von innerem (esoterischen) und äußerem ("wissenschaftlichen") Zugang. Für letzteren steht insbesondere die klassisch angelegte Langzeitstudie über die weitere Entwicklung der entlassenen Patienten, für den inneren Zugang stehen tiefgreifende Versuche, das Wesen, die spirituelle Gestalt dieser Krankheit und ihre Beziehung zur Kultur der Gegenwart zu verstehen. Dieser Aufgabe widmet sich insbesondere der Beitrag von K.H. Ruckgaber, der ein menschenkundliches Verständnis der Magersucht erarbeitet und zugleich das Behandlungskonzept der Kinder- und Jugendstation vorstellt. in deren Arbeit unterschiedliche therapeutische Richtungen zusammenfließen: die anthroposophisch erweiterte Medizin und die Kunsttherapien, die Erfahrungen der heilpädagogischen Arbeit; auch Ergebnisse und Arbeitsformen der 'klassischen' Psychiatrie, der Tiefenpsychologie und der systemischen Familientherapie finden den ihnen gebührenden Raum. Es zeigt sich, daß die Magersucht eine Entwicklung nimmt, die wir auch bei an-deren 'Krankheitsbildern' beobachten können: ausgehend von einer typischen Erscheinungsform entwickelt sich ein gan-zes Spektrum von Bildern, die sich durch-aus gegenüberstehen können, so wie die Magersucht und ihr Gegenbild, die Bulimie. Auch sind nicht mehr nur Mädchen betroffen, und der Ausbruch der Krankheit kann, trotz eines Schwerpunktes in der beginnenden Pubertät, auch zu anderen Zeiten in der Entwicklung erfolgen. So ergeben sich viele Bilder der Krankheit, die den Blick öffnen auf ihr Wesen, das sich in ganz verschiedener Weise offenbart. Diesem Wesen spürt K.H. Ruckgaber (und auch die anderen Therapeuten) auf subtile und nüchterne Weise nach, was sehr beeindruckend ist angesichts der Tatsache, daß viele der betroffenen Mädchen an der Schwelle zum Tod stehen; dies bleibt über das gan-ze Buch hinweg gegenwärtig. Ruckgaber charakterisiert das therapeutische Milieu, die Zusammenarbeit im Team und geht näher auf Methodik und Zielsetzung der Gesprächspsychotherapie ein. Stefanle Brongs berichtet über die Begleitung und Pflege im Alltag, als die Grundlage, auf der alle weitere therapeutische Bemühung aufbaut. Anhand eines Mädchens, deren Tageslauf sie schildert, dabei mal eine Außen-, mal eine Innenperspektive einnehmend, erscheint der große Bogen von der Pflege des Leibes bis zur seelischen Begleitung im Aufbau einer tragenden und verläßlichen Beziehung, von der Hüllenbildung bis zum Anregen eines neuen In-teresses an der Welt. Auch die besondere Bedeutung der Gruppe der anderen Patienten kommt zum Ausdruck. So erhält die Pflege und Betreuung den ihr zukommenden Platz in der therapeutischen Arbeit. Durch die reflektierte und souveräne Darstellung wird der Reichtum dieser Arbeit deutlich, der wie alle basalen Tätigkeiten so schwer zu beschreiben ist: dasjenige anzuregen, was aller Entwicklung zugrunde liegt, das im Leiberleben wurzelnde Vertrauen in sich und in die Welt. Jürgen Weik schildert zwei Beispiele aus der familientherapeutischen Arbeit, an denen zugleich einige Grundlagen und Methoden dieser Therapie deutlich werden. Es zeigt sich, daß die gesamte Fami-lie in das sehr dramatische Krankheitsge-schehen eingebunden ist und die Krank-heit in die Eigentümlichkeit des familiären "Systems". J. Weik beschreibt typische familiäre Strukturen, in denen sich die Magersucht manifestiert und zeigt Wege auf, wie durch die Beteiligung aller Lösungen gefunden werden können, welche der Patientin helfen, sich abzulösen und den Weg ins eigene Leben aufzugreifen. Die musiktherapeutische Arbeit setzt meist zu einem frühen Zeitpunkt der stationären Behandlung an, wenn die Betroffenen noch sehr geschwächt sind. In dem Beitrag von Monica Bissegger und Susanne Reinhold erscheint ein Weg vom anfänglichen, einhüllenden Hören der Musik über das Instrumentalspiel aus der Nachahmung bis hin zum freien Gestalten der Musik. Darin wird die musikalische Entwicklung von der Kindheit an aufgegriffen, was auch durch charakteristische Intervallstimmungen unterstützt werden kann. In der Begegnung mit der Musik wird die Schwingungsfähigkeit der Seele neu entfacht und im Erleben verschiedener Klänge und Stimmungen vertieft, bis im Singen und freien Spielen die eigene Musikalität, zunächst zaghaft, sich befreien kann. Wie auch bei den anderen Therapien liegt die wesentliche Frage darin, wo die Patientin innerlich anknüpfen kann, mit welchem Instrument, in welcher musikalischen Stimmung. Der Kampf um den Mut und das Vertrauen, einzusteigen, sich einzulassen, bildet ein Grundmotiv der Magersucht, wel-ches in allen Beiträgen auftaucht, besonders eindrucksvoll geschildert von Sabine Klitzke-Pettener für die Künstlerische Therapie, deren Zentrum das Malen bildet. Auch hier arbeitet die Therapie mit den Farben in ihrer urbildlichen Beziehung zu den seelischen Stimmungen. Die Patientinnen mit ihrer starken Tendenz zur Überformung werden ermutigt, sich den Farben zu öffnen, Beziehungen zwischen den Farben zu gestalten, und überhaupt die Welt in ihrer Farbigkeit neu betrachten zu lernen. Durch das Abmalen, das Gestalten von Naturstimmungen oder von Szenen in Verbindung mit den Elementen üben sie, von der Erstarrung und Gebundenheit zu einer fließenden Bewegung und zu freier Gestaltung zu finden. Gisela Bräuner-Gülow charakterisiert eingehend die bis in die Physiologie reichen-de Wirksamkeit der Heileurythmie und erläutert die in der Behandlung der Magersucht bevorzugt verwendeten Übungen. Die typische Bewegungskonstitution mit den stark kontrollierten, oft zwanghaften Bewegungen, in Verbindung mit dem schwachen Leib-Erleben und Raumgefühl kann mit Hilfe der Heileurythmie allmählich umgestimmt werden. Der Bericht läßt das äußerst differenzierte und vielfältige Instrumentarium der Heileurythmie erahnen, besonders durch die Beschreibung eines Therapieverlaufs, bei dem nach erfolgter Entlassung einer Patientin ein Rückfall eintrat, so daß die Therapie ganz neu ansetzen mußte. Den Abschluß bildet der Beitrag von Martin Schäfer über die Nachuntersuchung von 70 entlassenen Patientinnen, die in den Jahren von 1983 bis 1994 an der Filderklinik behandelt wurden. Erstaunlich und bezeichnend zugleich ist die hohe Bereitschaft der Betroffenen zur Mitarbeit in dieser Studie. Sie besagt, daß die Ergebnisse mit denen anderer Einrichtungen mindestens ebenbürtig sind. Angesichts der Schwere der Krankheit erstaunt es zu erfahren, daß 75 % der entlassenen Mädchen, um ein Beispiel zu nennen, heute in ihrer schulischen und beruflichen Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt sind, und daß bei 68% das Eßverhalten nach eigenen Angaben unauffällig ist. Doch nicht allen Betroffenen kann geholfen werden. Bereits im einleitenden Beitrag wird der beiden Mädchen gedacht, die an der Krankheit verstorben sind. So wie diese Studie eine Außenperspektive einnimmt, vermitteln die sehr tief reichenden Aphorismen von magersüchtigen Mädchen, welche die Beiträge der Therapeuten verbinden, die Perspektive der Betroffenen. Ihre Skizzen zeugen von genauer seelischer Beobachtung der eigenen Si-tuation in der Auseinandersetzung mit der Krankheit. Die Magersucht manifestiert sich in einer bestimmten Konstitution, in charakteristischen Familienzusammenhängen, und eben auch im Umgang mit Ton, Farbe und Bewegung. Zugleich bil-den die Therapien, die Medikamente und das soziale Gefüge der Station die Möglichkeit, die Krankheit gleichsam auszutragen, im Medium der Bewegung, der Musik usw. abzubilden und dann umzubilden. Die therapeutischen Medien bieten den Raum für diese Umbildung, die zugleich eine schrittweise Ablösung, Befreiung der Betroffenen von einer zerstörerischen Krankheit bedeutet. Wer die Krankheit als Wesen denkt, sieht in solcher