Anstrengende Zeiten für Beatles-Fans
Song-Lexikon, Band-Geschichte und «The Beatles Anthology»
Unter uns Beatles-Veteranen: Wussten Sie auch wenn Ihnen natürlich bekannt war, dass Mick Jagger, Keith Richards, Marianne Faithful, Eric Clapton, Graham Nash und Keith Moon beim Refrain von «All You Need Is Love» mittaten , dass Paul «Wild Honey Pie» fürs weisse Doppelalbum mausbeinallein im Playbackverfahren aufnahm und dass bei «Why Don't We Do It In The Road» nur gerade Ringo ihm Gesellschaft leistete? Dass John weder bei der Aufnahme von «Maxwell's Silver Hammer» noch bei der von «Here Comes The Sun» im Studio Abbey Road 2 auftauchte und dass George und Ringo ihrerseits bei «The Ballad Of John And Yoko» aussetzten?
Das alles lässt sich in einem schlauen Buch nachlesen: «The Beatles Das Song-Lexikon» heisst es; 1994/97 in englischer Sprache erschienen, liegt es nun auch in deutscher Übersetzung vor. Ian MacDonald listet 241 Songs der Beatles chronologisch (nach Beginn der Aufnahmearbeiten) auf; Fremdkompositionen und nachträgliche Publikationen sind mit Sondernummern versehen. Jeder Eintrag enthält Angaben zur Besetzung, zu den Aufnahmedaten und -orten, zu Produzenten und Toningenieuren; im Kommentar (Minimum 6 Zeilen, Maximum 8 Seiten pro Song) wird Wissenswertes zu den Kompositionen und Songtexten sowie zum biographischen Hintergrund mitgeteilt. Auch die Arrangements und die technischen oder musikalischen Stärken und Schwächen der Einspielungen werden aufmerksam betrachtet. So gibt der Autor etwa zu bedenken, dass Phil Spectors Montovani-Streicher-Sirup über «The Long And Winding Road» immerhin die Patzer und Aussetzer Johns am ungewohnten Bass (bei 0:19, 0:28, 2:39, 2:52, 2:59, 3:07, 3:14 und 3:26) überdeckt. Glossar, Diskographie, vergleichende Chronologie und Register erschliessen das auch typographisch leserfreundlich gestaltete Werk.
Noch materialreicher, aber auch wesentlich weniger strukturiert ist das Sammelwerk «Die Beatles Geschichte und Chronologie» von Moes, Meier, Bühring und Budéus. Die deutsche Originalproduktion schildert auf gut 700 Seiten das Leben der Beatles von Tag zu Tag. Kurze Einführungskapitel zu jedem Jahr des magischen Dezenniums von 1960 bis 1970 leiten über zu Daten von unvergleichlicher Fülle, bisweilen aber auch von kuriosem Detaileifer. Dass man Hunderte von Einträgen wie jenen liest, die Beatles seien am 22. Juni 1965 um 9 Uhr 55 von Paris-Orly nach Lyon geflogen, um daselbst im Palais d'Hiver an der Rue Louis Guerin um 20 und 22 Uhr je eine Show zu absolvieren, mag man noch als nachvollziehbare Biographen-Akribie verbuchen; was aber soll man mit der Meldung anfangen, die englische Presse habe am 17. Dezember 1969 irrtümlicherweise gemeldet, George schreibe am Soundtrack für den Film «Zaccaria»? Gewiss: Für den, der darüber informiert sein will, wann Paul und Jane in die Schweiz flogen, um in Klosters Ferien zu machen (6. März 1966), oder wann George im Universitätsspital London einrückte, um sich die Mandeln herausnehmen zu lassen (7. Februar 1969), ist dieses Werk unentbehrlich. Sein Nachteil ist indes, dass man in ihm trotz ausführlichen Registern vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.
Die beiden Handbücher stehen derzeit im Schatten eines Prachtbandes, welcher der ultimative Beitrag zur Geschichte der Beatles zu sein behauptet. Fest steht, dass die drei nach Lennons Ermordung am 8. Dezember 1980 verbliebenen Bandmitglieder mit diesem imposanten, weltweit unter grossem Tamtam lancierten Coffee-Table-Book noch einmal tüchtig Kasse machen wollen. Sie tun das aus einer Position der Stärke: «Anthology» ist rein quantitativ das umfassendste je publizierte Selbstzeugnis der Beatles in Text und Bild. Es basiert auf neueren, weit ausgreifenden Interviews mit Paul, George und Ringo, in die eine Auswahl der glücklicherweise zahlreich vorhandenen Statements von John hineinmontiert wurde. Deren situativer und oft reaktiv-polemischer Charakter kommt dabei freilich kaum zur Geltung. Das Buch ist chronologisch und nach dem Häppchen-Prinzip angelegt: Die Stimmen folgen sich in raschem Wechsel, ergänzen sich, widersprechen sich auch bisweilen. Neben den Fab Four kommen Roadmanager Neil Aspinall, Produzent George Martin und Bandsprecher Derek Taylor zu Wort.
Obwohl alle Beteiligten sich freimütig und detailreich äussern (der klein und eng gesetzte Text entspricht gegen 1000 Normseiten), erfährt man wenig Überraschendes oder wirklich Erhellendes. Die Beatles zelebrieren noch einmal ihren Mythos; dieser aber hat sich längst selbständig gemacht, und seine Urheber, die ihn aus dreissig, vierzig Jahren Distanz zu erklären versuchen, können fast nur noch über die Kulissen berichten, in denen das Wunder sich ereignete. Denn mögen sie sich auch in unterschiedlichem Masse mit ansprechenden Sololeistungen hervorgetan haben: An die Kernfusion namens Beatles hat keiner von ihnen mehr angeknüpft; genial waren die vier nun einmal nur gemeinsam (grob gesprochen von «Revolver» bis «Abbey Road»). Neben den Texten lockt «Anthology» mit nicht weniger als 1300 grossenteils unbekannten Beatles-Bildern: Schon damit ist das Buch ein «Muss» für jeden Fan. Leider entspricht die Präsentation des Materials aber nicht dem, was man sich von einer Dokumentation wünschen würde. Der Band ist nicht als Sachbuch konzipiert, sondern als verklärende Selbstinszenierung: In Pop-artig munterem, leicht angestaubtem Layout werden die Bilder nach Belieben vergrössert, verkleinert, eingefärbt, verfremdet, als Folie unter den Text gelegt oder collageartig angeordnet; kurzum: Was sie an «Stimmung» gewinnen, verlieren sie an Informationswert.
Die Legenden muss man sich mühsam im Anhang zusammensuchen, und manche gestalterischen Ideen wirken nachgerade albern: so, wenn die LSD-Erfahrungsberichte der jungen Musiker nicht nur vor einem psychedelisch anmutenden, rot verfliessenden Hintergrund präsentiert werden, sondern auch die Typographie ein paar bedröhnte Hüpfer machen darf. Im ganzen Werk erweist sich einmal mehr, dass Selbstdarstellungen nicht ohne weiteres zu trauen ist. Zwar möchte man die Kaskaden von biographischen Puzzlesteinen, Anekdoten und Schnappschüssen nicht missen; analytische Geister erfahren aus dem «Song-Lexikon» jedoch entschieden mehr als aus dem offiziösen Monumentalschinken.
Manfred Papst
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