Nach eigener Aussage hat Mark Hertsgaard dieses Buch geschrieben, um der "nachlässigen Arbeit" vieler Journalisten etwas entgegenzusetzen: "Letztlich waren es die schlampig recherchierten (...) Beatles-Bücher, die mich dazu brachten, mein eigenes zu schreiben" (S. 353); er ärgert sich über die selektive Wahrnehmung vieler Buchautoren und darüber, dass sie in den wenigsten Fällen ihre Schlussfolgerungen durch Quellenangaben belegen und beklagt, wie selbst kleine Unterschiede bei der Wiedergabe eine Aussage erheblich verändern können. Zu meinem großen Ärgernis hat er selber genau diese Prämissen derart mit Füßen getreten, dass ich alle betreffenden Stellen im Buch mit Textmarker gekennzeichnet habe, was das Buch stark einfärbte. Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich so geärgert hat, die Lektüre wimmelt von so vielen Halb- und Unwahrheiten auf mehreren Ebenen, dass es mir seit dem Erwerb des Buches (1996) ein Bedürfnis ist, die wichtigsten von ihnen zu benennen.
Dem Dilemma mit den fehlenden Quellenangaben versucht Hertsgaard mit einem sehr löblichen, 100-seitigen Anhang zu begegnen; leider findet sich auch hier schlampig Recherchiertes: "I wanna be your Man" war nicht "der erste Song, den die Stones aufnahmen" (S. 384), sondern ihre 2. Single. Aus "She's a Woman" macht Hertsgaard "She's a Girl" (!) (S. 417), aus "Her Majesty" "Your Majesty" (S. 445), und in der Diskographie fehlt die Single We can work it out/Day Tripper.
Vorab stimmt schon nicht, dass Hertsgaard, wie der Verlag behauptet, "als bisher einziger Außenstehender die Möglichkeit" hatte, alle (Mehrspur-)Bänder der Beatles in den Abbey Road-Archiven zu hören; nach eigener Aussage hat er ca. 50 der vorhandenen 400 Stunden Studiobänder gehört, was ihn nicht davon abhält, angeberisch mit den gewonnenen Einblicken zu jonglieren und sie recht frei zu interpretieren - so, als ob nicht bereits Mark Lewisohn sämtliche dieser Informationen akribisch in "The Complete Recording Sessions" dokumentiert hätte. Interessant wird es allerdings, wenn er Studiokonversation zwischen John, George und Ringo während der Sessions zu "Plastic Ono Band" wiedergibt (S. 340f).
Außerdem leidet das Buch unter der deutschen Übersetzung von Willi Winkler (wie nicht erst der Vergleich mit der englischen Originalausgabe zeigt). Mein Lateinlehrer forderte immer: "So nah am Text wie möglich übersetzen, so frei wie nötig!" Das war mir oft zu eng, aber Winkler scheint diese Forderung manchmal genau umgekehrt umzusetzen. Anders ist nicht zu erklären, wie er "he blew his mind out in a car" ("er hauchte seinen Geist in einem Auto aus") mit "er fuhr sich mit seinem Auto um den Verstand" übersetzen konnte oder "working like a dog" mit "Hundearbeit" (S. 94). "Chasing paper, getting nowhere" ist nicht einfach eine "ziellose Schnitzeljagd" (S. 303). Es ist kein "Freier", der in "No Reply" am Haus seiner Angebeteten abgewiesen wird (S. 122). "Something in the WAY she moves" hat nicht allein mit "ihrem GANG" (S. 137), sondern mit der ART zu tun, wie sie sich bewegt. Lennon und McCartney sind nicht zu Day Tripper "gezwungen worden" (S. 171), das hätte mal jemand versuchen sollen; sie räumten lediglich später ein, den Song - im Gegensatz zum inspirierten We can work it out - eher "forciert", also wie eine (selbstauferlegte) Auftragsarbeit angegangen zu sein. Die Gitarren klangen in einigen Ohren "fuzzy", also "angezerrt" - aber keineswegs "verschwommen!" "She was buried along with her name" heißt nicht "mit ihr stirbt ihr Name" (S. 205), sondern "sie wurde zusammen mit ihrem Namen beerdigt". "I need to laugh" heißt einfach "ich muss lachen", nicht "ich muss lachen können" (S. 209). "Why in the world are we here?" (aus "Instant Karma!") kann man auch gleich mit "warum um alles in der Welt sind wir hier?" übersetzen statt "warum um Himmels willen..." (S. 227).
Zu den faktischen Fehlern:
Hertsgaard zeigt sich erstaunt, wieviel "musikalische Erfahrungen und Gefühle" der Song "A Day in the Life" "auf einem Raum von nur drei Minuten" enthält (S. 237), die Tatsache völlig ignorierend, dass dieser Song - der seinem Buch immerhin den Titel gibt! - zusammen mit Within you without you der erste Beatlessong war, der die FÜNF-Minuten-Grenze überschritt. Für ihn "drängt sich" verallgemeinernd beim Schlussakkord "im Kopf zuallererst das Bild der sich allmählich ausbreitenden unheimlichen Stille nach einer Atombombenexplosion auf" - das habe ich, seit ich die Beatles 1978 kennenlernte, nie so empfunden und auch niemand, den ich kenne.
Außer Hertsgaard fügte noch kein Autor ein Komma bei "Hey, Jude" ein. Es ist nicht "der längste Song, den die Beatles je herausgebracht haben" (S. 279), das ist "Revolution 9" oder, wenn man den nicht als Song werten will, immer noch "I want you (She's so heavy)". "Baby's in Black" war keineswegs ein "unbedeutendes Stück" (S. 123), im Gegenteil: kein andere Beatleskomposition kann sich rühmen, über einen so langen Zeitraum ('64-'66) ihr Live-Repertoire geziert zu haben. Ob "Yesterday" "gleichauf mit Lennons 'Help!' (...) den besten Text, den Paul je geschrieben hat", enthält (S. 151), darf stark bezweifelt werden. Lennons Beschreibung des Entstehungsprozesses von Michelle "widerspricht" keineswegs der "verbreiteten Annahme bei Beatles-Fans, dass der Sänger eines bestimmten Songs diesen auch geschrieben habe" (S. 130). Hertsgaard dürfte der einzige sein, den McCartneys Gesang in "That means a Lot" an den balladesken Gesangsstil in "Till there was you" erinnert (S. 148). Es war McCartney, nicht Lennon, der die Auflösung der Beatles verkündete (S. 165). Das Eingangsriff von "If I needed someone" ist nicht "mit elektronischen Effekten verändert" (S. 174), sondern einfach mit einer zwölfsaitigen Rickenbacker eingespielt worden. Wie bei Lewisohn (s.o.) nachzulesen, war es nicht Francois Truffauts, sondern Bernard Hermanns Filmmusik (aus Hitchcock-Filmen), dessen rhythmische Streicherarrangements George Martin zum Arrangement von Eleanor Rigby inspirierte (S. 205f). Lennon hat "Cry Baby cry" rückblickend vielleicht abgetan, aber nie bestritten, es überhaupt geschrieben zu haben (S. 292).
Harrison bat Clapton nicht, das Solo bei "While my Guitar gently weeps" zu übernehmen, "um sich für die Apathie und die Streiterei der anderen Beatles zu rächen" (!) (S. 283), sondern um ein ausgleichendes Element einzubringen, das die anderen dazu bringen würde, sich etwas zusammenzureißen. Schwer nachzuvollziehen, dass es sich bei "Wild Honey Pie" (0:53) gegenüber dem gut achtmal so langen "Revolution 9" "um die extremste Maßlosigkeit des (Weißen) Albums" handeln soll (S. 287). Lennon lobte an "Come together" nicht McCartneys Klavier-, sondern sein Bassspiel (S. 328). Unsinn ist, dass Paul "zwar sonst Rechtshänder, auf der Gitarre aber Linkshänder" ist (S. 32). "Die erfolgreichste Single in der britischen Geschichte" (S. 66) war "She loves you" m. W. lediglich bis zu "Hey Jude" - und später bis zu "Mull of Kintyre". "I want to hold your Hand" beginnt sehr energetisch und keineswegs "wie ein gemächlicher Spaziergang die Straße hinunter" (S. 68). Ein früher Synthesizer (der Moog) kam erst ab "Abbey Road" zum Einsatz, nicht bereits bei "I am the Walrus" (S. 182). Lennon legte sich für den Gesang von "Revolution 1" auf den Rücken, nicht aber für "Revolution" (S. 192) - das hätte auch er nicht hinbekommen! Seite 2 der "Abbey Road"-LP klang noch nie "wie ein einziges langes Stück" (S. 194/324): selbst unter Weglassung von Here comes the Sun, Because und Her Majesty bleiben immer noch ZWEI Medleys übrig.
Hertsgaard scheint zudem äußerst rare Pressungen von Beatles-Alben zu besitzen: Seite 2 des "Weißen Albums" beginnt bei ihm mit "While my Guitar gently weeps" (S. 288) und Seite 2 von "Let it be" mit "Maggie Mae" (S. 307).
Zu den musikalischen Aspekten:
Es ist Unsinn, dass die Akkorde von "Day Tripper", "We can work it out", "Norwegian Wood", "I'm looking through you", "Nowhere Man" und "In my Life" "einfacher nicht denkbar" waren (S. 167ff.), schließlich reden wir hier nicht über "Love me do". Schlimm wird es, wenn Hertsgaard, offenbar Hobbygitarrist, darüber schwadroniert, wie einfach McCartney und Lennon das Komponieren von "We can work it out" gefallen sein muss und dabei die zahlreichen Harmonien des Mittelteils unterschlägt (s.d.). "Twist and Shout" hat denn auch drei Akkorde, nicht zwei (S. 40). Das Geschwafel über die Harmoniewechsel im Mittelteil von "Here comes the Sun" ist ebenfalls ärgerlich. Dies war auch nicht "der einzige Song auf Abbey Road, bei dem John mit keinem Ton beteiligt war" (S. 335) - da bleiben noch vorneweg "Her Majesty", "Golden Slumbers" und "Carry that Weight". "A hard Day's Night" endet nicht "damit, dass die einzelnen Noten des Auftaktakkordes einzeln gespielt werden" - der erste Akkord ist ein G4/7, die Schlusstöne modulieren um einen F9 herum. Diese Ausblende wäre auch keinesfalls bei den Zweispuraufnahmen der ersten beiden LPs technisch "undenkbar gewesen" (S. 92). "Here, there and everywhere" kann nur jemand als "Inbegriff an Einfachheit" (S. 207) zitieren, der die Akkorde im Intro und im Mittelteil ignoriert.
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