Pressestimmen
"Ein wunderbarer Roman für einen Abend mit wohligen Schauern, an dem man es sich mit einer großen Packung Haagen-Dazs gemütlich macht und mit seiner Lieblingskatze kuschelt. Mag sein, dass es unamerikanisch ist, sich über Terrorismus lustig zu machen. Und doch: Es wäre zu schade, wenn wir nicht mal mehr was zu lachen hätten, oder, oops - wenigstens jemand zum Poppen." (Village Voice, New York)
Der Tagesspiegel (Berlin), 21. März 2005
Die Baader-Meinhof-Affäre ist der erste von sieben Liebesromanen, die Cosgrove als Teil eines Multimedia-Kunstprojekts gerade schreibt. Sie hat sich in ihren früheren Arbeiten mit Pornografie auseinander gesetzt und kam zu dem Schluss, dass der Liebesroman für Frauen das ist, was für die Männer der Playboy ist. Frauen haben eher einen verbalen Zugang zu Sexualität, Männer einen visuellen, sagt sie. Während die Amerikaner Cosgroves Werk vor allem als Satire auf die Romanze zweier Gesetzloser lesen, weil die meisten die RAF nicht kennen, lesen die Deutschen das Buch natürlich anders. Weil die RAF ein Stück deutscher Geschichte ist, und weil die meisten Leser nicht die Konzeptkünstlerin dahinter sehen, sondern schlicht die Autorin. Sie fragen sich, was eine Amerikanerin dazu treibt, eine Romanze über die RAF zu schreiben. Hier muss das Buch für sich alleine bestehen. Das wissen sie beim Blumenbar-Verlag, der es nach Deutschland brachte, und das weiß auch Cosgrove! . Aber wenn eine Satire so gut funktioniert wie bei Cosgrove, dann ist sie ein hervorragendes Mittel der Auseinandersetzung. Cosgrove führt die Romantisierung ad absurdum.
Kultur SPIEGEL, Mai 2005
"Der Text bleibt vor allem für deutsche Leser eine Gratwanderung, aber eine, die interessante Auseinandersetzungen provoziert."
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2005
Das ist für deutsche Nerven erst mal sehr schwer zu verkraften, wenn Erin Cosgrove von einem Städtchen in Amerika erzählt, welches tatsächlich Norden heißt; und weiter erzählt sie von den Germanistik-Studenten am Norden College, welche einmal im Jahr sogenannte Baader-Meinhof-Festspiele veranstalten ... Wer aber Cosgrove beim Nennwert nimmt, hat sie nicht verstanden; und wer ihr Buch bloß als Satire liest, nimmt die Sache zu leicht - diese Prosa ist so absurd, wie es ihrem Gegenstand entspricht. Claudius Seidl
Kurzbeschreibung
"Die Baader-Meinhof-Affäre" von Erin Cosgrove verbindet die Revolutionsromantik der Siebziger mit der Sehnsucht nach einer romantischen Revolution im Hier und Jetzt. Es ist eine Geschichte der großen Gefühle und der geheimen Leidenschaften - und nicht zuletzt ein Roman über die Rote Armee Fraktion. Die Heldin in Cosgroves romantischem Manifest ist Mara, ein junges hübsches Mädchen mit einer wissenschaftlichen Vorliebe für Serienkiller. Als sie ihr Studium an einer Elite-Universität an der amerikanischen Ostküste beginnt, lernt sie den charismatischen Holden Rife kennen, der sie in die geheime Welt einer Gruppe von Baader-Meinhof-Aficionados einführt. Mara verliebt sich in Holden. Doch bald wird ihr bewusst, dass die Baader-Meinhof-Gruppe viel gefährlicher ist, als sie dachte. Mara/Meinhof ahnt, dass es keinen Weg mehr zurück gibt, und sie scheint ihr Herz an den unglaublich attraktiven Holden/Baader zu verlieren.
Der Autor über sein Buch
Erin Cosgrove, geboren 1969, lebt als bildende Künstlerin und Schriftstellerin in Los Angeles. Zahlreiche Ausstellungen und Auszeichungen. Schülerin von John Baldessarini. 2004 Guggenheim Fellowship. 2005 Beteiligung an der Ausstellung »Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF« in den Kunstwerken Berlin.
Der Übersetzer Hans Schmid, Amerikanist (Dr.phil.), Autor von Fenster zum Tod: Der Raum im Horrorfilm, schreibt für Hörfunk und Printmedien, hat u.a. den Roman Mr. Arkadin von Orson Welles übersetzt und ein Buch über den berühmtesten Serienmörder aus Wisconsin herausgegeben: Ed Gein - A Quiet Man.
Über den Autor
Erin Cosgrove, geboren 1969, lebt als bildende Künstlerin und Schriftstellerin in Los Angeles. Zahlreiche Ausstellungen und Auszeichungen. Schülerin von John Baldessarini. 2004 Guggenheim Fellowship. 2005 Beteiligung an der Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF" in den Kunstwerken Berlin.
Auszug aus Die Bader-Meinhof-Affaire von Erin Cosgrove, Hans Schmid. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Mara klopfte an die schwarze Tür mit dem roten Stern.
»Nur eine Minute, Mara!« kam Regans schriller Schrei.
Im Inneren hörte sie einiges Schieben und Rumpeln. Einen Augenblick später ging die Tür auf, und Regan stand vor ihr, das Gesicht gerötet und irgendwie unscharf.
»Tut mir leid, ich mußte ein paar Dinge aufräumen«, sagte Regan, während ihre Augen noch einmal das Zimmer absuchten.
Mara sah sich in dem vollgestopfen Durcheinander um und fragte sich, was Regan bloß aufgehoben haben könnte. Aber Regan war ihre Freundin. Also sah sie über die Unordnung hinweg und hoffte, daß auch Regan über ihr fehlendes Vor-be-rei-tet-sein hinwegsehen würde.
Regans Brauen waren an diesem Abend in einem verwegenen Winkel gezeichnet, was ihr ein couragiertes, entschlossenes Aussehen verlieh, mit einem Hauch von Bedrohlichkeit.
Mara bewunderte Regans charmante, unkonventionelle Art.
»Du bist einfach ein Charakter, Regan!« sagte sie ganz entspannt.
»Und, wie war die Lektüre?« fragte Regan, ohne das Kompliment zu beachten.
»Tut mir leid, ich bin nicht fertig geworden. Ich mußte in letzter Minute zu Professor Mahler«, antwortete Mara und senkte den Kopf.
Regan starrte sie durchdringend an. »Oh. Was hast du ge-lesen? Irgendwas über die Baader-Meinhof-Gruppe? Oder die RAF? Irgendwas über die brasilianische Stadtguerilla?«
»Ich habe alles überflogen und die Einleitung zu Kommunismus für Dummies gelesen«, log Mara.
Regans rissiges Lächeln hatte keine Chance, ihre Augen zu erreichen, die versuchten, Mara durch ihre schnell zuckenden Lider fest im Blick zu behalten.
»Okay. Wir haben «, sie sah auf ihre Armbanduhr, »eine Stunde, damit du flüssig über alles reden kannst, was mit Baader und/oder Meinhof zu tun hat Super! Setz dich und betrachte das Plakat an der Wand.«
Mara schob drei leere Schachteln No-Doze und vier leere Großpackungen M&Ms zur Seite und setzte sich auf Regans Bett. Ihre kurzen Beine baumelten über dem Boden.
Regan holte ihren ausziehbaren Zeigestab aus der Hüfttasche und lenkte Maras Aufmerksamkeit auf eine junge Frau auf dem Fahndungsplakat. Sie hatte weit auseinanderliegende Augen und markante Backenknochen.
»Das ist Gudrun Ensslin. Sie und Baader waren das Herz der RAF.«
Sie sieht aus wie eine Revolutionärin, dachte Mara. Oder wie Nico von Velvet Underground. Wow, ist das cool. Ich habe nie das »Underground« aus Velvet Underground mit dem terroristischen Untergrund zusammengebracht. Es ist so bizarr, wie alles miteinander verflochten zu sein scheint.
Mara lächelte über das Enigma, das ihr Leben war.
Regan begann ihr »Teach-in«, indem sie detailliert Gudrun Ensslins schicksalhaftes Aufeinandertreffen mit der studentischen Aktivistenorganisation beschrieb, mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund in der Nacht, in der Benno Ohnesorg erschossen wurde.
»Benno Ohnesorg. Unser erster Märtyrer. Getötet von der Kripo der deutschen Kriminalpolizei am 2. Juni 1967, bei einer Studentendemo gegen den Schah von Persien. Das ist der Grund, warum eine Splittergruppe der RAF Bewegung 2. Juni heißt. Obwohl ein Mann unser erster Märtyrer war, dürfen wir nicht vergessen, daß es Gudrun Ensslin war, deren Schlachtruf die RAF zu den Waffen rief.«
Mara schien gebannt an Regans Lippen zu hängen, hörte aber in Wirklichkeit gar nicht zu, sondern fragte sich statt dessen, ob irgendwelche Terroristen in der RAF unter einem Meter fünfundfünfzig waren, so wie sie selbst. Nicht, daß Mara sich je gestattet hätte, wegen ihrer Größe (oder aus Ermangelung derselben) in Selbstmitleid zu verfallen. Sie hatte ihren Körper immer fit gehalten, und trotz ihres kleinen Wuchses hatte sie immer erreicht, was sie erreichen wollte.
Mara dachte wehmütig, als sie wieder Regans Baader-Meinhof-Fahndungsplakat beäugte: Es scheint einfach so, als müsse man, um bei etwas so gesellschaftlich Kontingentem wie dem Terrorismus erfolgreich zu sein, das richtige Aussehen für die Rolle haben. Wie diese Gudrun-Frau und dieser Baader mit dem hübschen Spitzbubengesicht. Ich wette, Gudrun war wenigstens ein Meter fünfundsechzig. Mara versuchte sich vorzustellen, sie sei eine deutsche Terroristin im Untergrund.
Würde mich der faschistische deutsche Staat ernst nehmen? fragte sie sich. Wohl kaum. Vielleicht, wenn ich mit dem Rauchen anfange.
Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie mit Zigarette aus-sehen würde.
Oder noch besser, was ist das hier?
Sie sah eine Packung Beedies auf Regans Bett, nahm sie und bat mit einer stummen Geste um Erlaubnis, um die Lektion nicht zu unterbrechen.
Regan nickte und setzte ihren Vortrag fort.
»Baader und Ensslin legten zwei Brandsätze in der Möbelabteilung eines Kaufhauses. Damit erklärten sie angesichts der imperialistischen Unterdrückung Vietnams der dekadenten Konsumgesellschaft symbolisch den Krieg.«
»Was hat ein Möbelgeschäft mit dem Vietnamkrieg zu tun?« fragte Mara.
»Es waren Möbel für die Bourgeoisie«, antwortete Regan.
»Und? Verstehe ich nicht«, sagte Mara.
»Wieso nicht?« schnauzte Regan sie an. »Das ist keine Eins-zu-Eins-Beziehung. Es war symbolisch. Außerdem ist es besser, in einem faschistischen Land ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben.«
Mara runzelte die Stirn. »Was würdest du sagen, wenn -jemand mit demselben Argument diese Uni anzünden -würde?«
Regan schüttelte ihr kirschrotes Haar aus. »Ich wäre glücklich! Ich würde mithelfen. Mara, es gibt vieles, was du nicht verstehst, und für Fragen haben wir nicht genug Zeit. Hör nur zu und lerne.«
Mara seufzte und zündete sich die kleine, in ein Blatt ge-rollte Zigarette an. Sie nahm einen Zug und atmete aus, bevor ein Hustenreflex einsetzte.
Ich wette, die Dinger schmecken besser, nachdem man was in Brand gesetzt hat, dachte sie. Oder symbolisch den Krieg erklärt hat.
Sie versuchte zuzuhören, aber Regans Unterweisung war so ermüdend wie das Material, auf dem sie geschlafen hatte.
Was solls? Büffeln hat bei mir noch nie funktioniert. Vielleicht nimmt einfach mein Unbewußtes alles auf.
Regans Stakkato war erstaunlich beruhigend und leicht zu ignorieren, und es dauerte nicht lange, bis Maras Gedanken wie gewöhnlich unbestimmt herumtrieben.
Mara studierte das Bild von Baader auf Regans Fahndungsplakat und war wieder erstaunt über die starke Ähnlichkeit mit Holden. Sie fragte sich, wie es wohl sein würde, etwas mit ihm in Brand zu setzen. Mara würde ein Paar dieser gewachsten -Jeans tragen, die aussehen wie eine Mischung aus Vinyl und Jeans-stoff, und ein Gummi-T-Shirt wie diese Tussi in Matrix. Er würde ein Paar Vintage-Motorradfahrerhosen mit eingebauter Polsterung tragen, hohe Lederstiefel und eines dieser langärmeligen Shirts mit der bestickten Außenseite.
Ihre Haare würden glänzen wie Rabenflügel, und ihre Backenknochen würden so scharf modelliert sein, daß man sich an ihnen schneiden konnte. Sie würden in einem schwach beleuchteten Café mit rauchgeschwärzten Wänden herumhängen, Gauloises rauchen und an cafés crèmes nippen, nein, Espressi schlürfen! Für sie keine Muttermilch!
»Darling«, würde er sagen. »Ich liebe dich, aber wie kann ich mich auf die Liebe konzentrieren, wenn die Imperialistenschweine unsere Zukunft ruinieren?«
Mara stellte sich vor, daß sie rauchgraue Augen wie diese Gudrun-Tussie hatte, und anstelle des Gummi-T-Shirts (in dem sie, genau besehen, wie eine Zwergen-Domina wirken könnte) würde sie einen dünnen, grauen, zu großen Kaschmirpullover mit Löchern tragen.
»Nur eine Minute, Mara!« kam Regans schriller Schrei.
Im Inneren hörte sie einiges Schieben und Rumpeln. Einen Augenblick später ging die Tür auf, und Regan stand vor ihr, das Gesicht gerötet und irgendwie unscharf.
»Tut mir leid, ich mußte ein paar Dinge aufräumen«, sagte Regan, während ihre Augen noch einmal das Zimmer absuchten.
Mara sah sich in dem vollgestopfen Durcheinander um und fragte sich, was Regan bloß aufgehoben haben könnte. Aber Regan war ihre Freundin. Also sah sie über die Unordnung hinweg und hoffte, daß auch Regan über ihr fehlendes Vor-be-rei-tet-sein hinwegsehen würde.
Regans Brauen waren an diesem Abend in einem verwegenen Winkel gezeichnet, was ihr ein couragiertes, entschlossenes Aussehen verlieh, mit einem Hauch von Bedrohlichkeit.
Mara bewunderte Regans charmante, unkonventionelle Art.
»Du bist einfach ein Charakter, Regan!« sagte sie ganz entspannt.
»Und, wie war die Lektüre?« fragte Regan, ohne das Kompliment zu beachten.
»Tut mir leid, ich bin nicht fertig geworden. Ich mußte in letzter Minute zu Professor Mahler«, antwortete Mara und senkte den Kopf.
Regan starrte sie durchdringend an. »Oh. Was hast du ge-lesen? Irgendwas über die Baader-Meinhof-Gruppe? Oder die RAF? Irgendwas über die brasilianische Stadtguerilla?«
»Ich habe alles überflogen und die Einleitung zu Kommunismus für Dummies gelesen«, log Mara.
Regans rissiges Lächeln hatte keine Chance, ihre Augen zu erreichen, die versuchten, Mara durch ihre schnell zuckenden Lider fest im Blick zu behalten.
»Okay. Wir haben «, sie sah auf ihre Armbanduhr, »eine Stunde, damit du flüssig über alles reden kannst, was mit Baader und/oder Meinhof zu tun hat Super! Setz dich und betrachte das Plakat an der Wand.«
Mara schob drei leere Schachteln No-Doze und vier leere Großpackungen M&Ms zur Seite und setzte sich auf Regans Bett. Ihre kurzen Beine baumelten über dem Boden.
Regan holte ihren ausziehbaren Zeigestab aus der Hüfttasche und lenkte Maras Aufmerksamkeit auf eine junge Frau auf dem Fahndungsplakat. Sie hatte weit auseinanderliegende Augen und markante Backenknochen.
»Das ist Gudrun Ensslin. Sie und Baader waren das Herz der RAF.«
Sie sieht aus wie eine Revolutionärin, dachte Mara. Oder wie Nico von Velvet Underground. Wow, ist das cool. Ich habe nie das »Underground« aus Velvet Underground mit dem terroristischen Untergrund zusammengebracht. Es ist so bizarr, wie alles miteinander verflochten zu sein scheint.
Mara lächelte über das Enigma, das ihr Leben war.
Regan begann ihr »Teach-in«, indem sie detailliert Gudrun Ensslins schicksalhaftes Aufeinandertreffen mit der studentischen Aktivistenorganisation beschrieb, mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund in der Nacht, in der Benno Ohnesorg erschossen wurde.
»Benno Ohnesorg. Unser erster Märtyrer. Getötet von der Kripo der deutschen Kriminalpolizei am 2. Juni 1967, bei einer Studentendemo gegen den Schah von Persien. Das ist der Grund, warum eine Splittergruppe der RAF Bewegung 2. Juni heißt. Obwohl ein Mann unser erster Märtyrer war, dürfen wir nicht vergessen, daß es Gudrun Ensslin war, deren Schlachtruf die RAF zu den Waffen rief.«
Mara schien gebannt an Regans Lippen zu hängen, hörte aber in Wirklichkeit gar nicht zu, sondern fragte sich statt dessen, ob irgendwelche Terroristen in der RAF unter einem Meter fünfundfünfzig waren, so wie sie selbst. Nicht, daß Mara sich je gestattet hätte, wegen ihrer Größe (oder aus Ermangelung derselben) in Selbstmitleid zu verfallen. Sie hatte ihren Körper immer fit gehalten, und trotz ihres kleinen Wuchses hatte sie immer erreicht, was sie erreichen wollte.
Mara dachte wehmütig, als sie wieder Regans Baader-Meinhof-Fahndungsplakat beäugte: Es scheint einfach so, als müsse man, um bei etwas so gesellschaftlich Kontingentem wie dem Terrorismus erfolgreich zu sein, das richtige Aussehen für die Rolle haben. Wie diese Gudrun-Frau und dieser Baader mit dem hübschen Spitzbubengesicht. Ich wette, Gudrun war wenigstens ein Meter fünfundsechzig. Mara versuchte sich vorzustellen, sie sei eine deutsche Terroristin im Untergrund.
Würde mich der faschistische deutsche Staat ernst nehmen? fragte sie sich. Wohl kaum. Vielleicht, wenn ich mit dem Rauchen anfange.
Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie mit Zigarette aus-sehen würde.
Oder noch besser, was ist das hier?
Sie sah eine Packung Beedies auf Regans Bett, nahm sie und bat mit einer stummen Geste um Erlaubnis, um die Lektion nicht zu unterbrechen.
Regan nickte und setzte ihren Vortrag fort.
»Baader und Ensslin legten zwei Brandsätze in der Möbelabteilung eines Kaufhauses. Damit erklärten sie angesichts der imperialistischen Unterdrückung Vietnams der dekadenten Konsumgesellschaft symbolisch den Krieg.«
»Was hat ein Möbelgeschäft mit dem Vietnamkrieg zu tun?« fragte Mara.
»Es waren Möbel für die Bourgeoisie«, antwortete Regan.
»Und? Verstehe ich nicht«, sagte Mara.
»Wieso nicht?« schnauzte Regan sie an. »Das ist keine Eins-zu-Eins-Beziehung. Es war symbolisch. Außerdem ist es besser, in einem faschistischen Land ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben.«
Mara runzelte die Stirn. »Was würdest du sagen, wenn -jemand mit demselben Argument diese Uni anzünden -würde?«
Regan schüttelte ihr kirschrotes Haar aus. »Ich wäre glücklich! Ich würde mithelfen. Mara, es gibt vieles, was du nicht verstehst, und für Fragen haben wir nicht genug Zeit. Hör nur zu und lerne.«
Mara seufzte und zündete sich die kleine, in ein Blatt ge-rollte Zigarette an. Sie nahm einen Zug und atmete aus, bevor ein Hustenreflex einsetzte.
Ich wette, die Dinger schmecken besser, nachdem man was in Brand gesetzt hat, dachte sie. Oder symbolisch den Krieg erklärt hat.
Sie versuchte zuzuhören, aber Regans Unterweisung war so ermüdend wie das Material, auf dem sie geschlafen hatte.
Was solls? Büffeln hat bei mir noch nie funktioniert. Vielleicht nimmt einfach mein Unbewußtes alles auf.
Regans Stakkato war erstaunlich beruhigend und leicht zu ignorieren, und es dauerte nicht lange, bis Maras Gedanken wie gewöhnlich unbestimmt herumtrieben.
Mara studierte das Bild von Baader auf Regans Fahndungsplakat und war wieder erstaunt über die starke Ähnlichkeit mit Holden. Sie fragte sich, wie es wohl sein würde, etwas mit ihm in Brand zu setzen. Mara würde ein Paar dieser gewachsten -Jeans tragen, die aussehen wie eine Mischung aus Vinyl und Jeans-stoff, und ein Gummi-T-Shirt wie diese Tussi in Matrix. Er würde ein Paar Vintage-Motorradfahrerhosen mit eingebauter Polsterung tragen, hohe Lederstiefel und eines dieser langärmeligen Shirts mit der bestickten Außenseite.
Ihre Haare würden glänzen wie Rabenflügel, und ihre Backenknochen würden so scharf modelliert sein, daß man sich an ihnen schneiden konnte. Sie würden in einem schwach beleuchteten Café mit rauchgeschwärzten Wänden herumhängen, Gauloises rauchen und an cafés crèmes nippen, nein, Espressi schlürfen! Für sie keine Muttermilch!
»Darling«, würde er sagen. »Ich liebe dich, aber wie kann ich mich auf die Liebe konzentrieren, wenn die Imperialistenschweine unsere Zukunft ruinieren?«
Mara stellte sich vor, daß sie rauchgraue Augen wie diese Gudrun-Tussie hatte, und anstelle des Gummi-T-Shirts (in dem sie, genau besehen, wie eine Zwergen-Domina wirken könnte) würde sie einen dünnen, grauen, zu großen Kaschmirpullover mit Löchern tragen.