Wenn es Sie eher nach einem blutigen Filet Mignon gelüstet, nach einer Geschmacksexplosion in Ihrem literarischen Gaumen, als nach einem trivialen Hamburger, dann, und ausschließlich dann, sind Sie bei Clive Barker richtig. Schwer auf der Zunge, aber leicht im Magen.
Seine Geschichten sind brutal, wollüstig und mit Sicherheit nichts für schwache Gemüter. Sein Land ist das Land, in dem Blut, Speichel und andere Körperflüssigkeiten statt Milch und Honig fließen. Doch nichtsdestotrotz ist es ein Freudenfest für jeden, der einen wundervoll detailreichen und trotzdem nicht schweifenden Stil liebt.
Aber, ich weiche ab, hier, bitteschön, die Karte:
Das 1. Buch des Blutes:
Nach einer kleinen Vorspeise und der Erläuterung dieser Bücher (und woraus sie entstanden sind), beginnt Barker mit einer wahrhaft blutigen Geschichte, dessen Titel hält, was sie verspricht: Der Mitternachts-Fleischzug. Leon Kaufmann glaubte, New York zu lieben, in ihr eine Stadt zu sehen, in der das Unmögliche möglich werden konnte. Doch diese Stadt wird von einem Blutvergießen überschwemmt, genau so wie jede andere Großstadt der Welt, vielleicht sogar noch schlimmer. Menschen werden wie Vieh geschlachtet und zum Ausbluten in einer U-Bahn aufgehängt.
Leon glaubt nicht, dass er diesem U-Bahn-Schlächter je über den Weg laufen wird, zu sehr ist er mit dem Bejammern seiner sich als falsch herausgestellten New-Yorkschen Liebe beschäftigt. Doch das Schicksal bringt ihn und den Schlächter zusammen.
Eine Geschichte, die selbst mir (als jahrelange Horror-Leserin) den Speichel zum Trocken gebracht hat. Sehr brutal, blutig und voller Eingeweide. Meiner Meinung nach die schockierendste Kurzgeschichte aller sechs Bücher. Trotzdem: Clive Barker bleibt seinem Stil treu und somit niveauvoll.
Nach diesem Erlebnis kann einen nichts mehr schocken.
Im zweiten Buch des Blutes, ist mir besonders "Das Höllenrennen" im Gedächtnis geblieben.
Clive Barker setzt sich hier mit einem seiner Lieblingsthemen auseinander: Der Kampf zwischen Menschen und Ausgeburten der Hölle um die Erde.
„Die Hölle stieg herauf zu Londons Straßen und Plätzen, diesen September, eisbehaucht von den Orkustiefen des Neunten Kreises, so klamm durchfrostet, dass selbst die spätsommerliche Schwüle sie nicht erwärmen konnte." Joel ist Langläufer und er ist gut, sogar sehr gut. Er kann dieses Rennen gewinnen, ein Rennen, das im ersten Moment wie jedes andere wirkt. Doch irgendwann weiß Joel, dass er sich nicht umdrehen darf, dass er sein Äußerstes geben muss, um die Erde vor dem Verfall zu retten.
Im dritten Buch des Blutes findet sich nun endlich die Geschichte, die ich von allen am Meisten liebe: Bekenntnisse eines (Pornographen-)Leichentuchs.
„Er war einmal Fleisch gewesen. Fleisch und Bein und heißes Streben. Aber das war eine Ewigkeit her, zumindest schien es so, und die Erinnerung an jenes selige Stadium verblasste schnell." Ronnie war Buchhalter und er war habgierig. Wäre er es nicht gewesen, hätte er diesen Job nicht angenommen, einer Firma Seriosität zu verleihen. Doch als er bemerkt um welche Firma es sich handelt, gewinnt seine Religiosität wieder die Oberhand. Die Besitzer dieser Firma glauben jedoch, dass sie in Ronnie jemanden gefunden haben, der ihre Machenschaften auffliegen lassen würde. Sie räumen ihn mit einem Kopfschuss aus dem Weg. Doch Ronnie bekommt trotzdem die Chance, sich zu rächen.
Die ersten drei (sowie die letzten ebenfalls) Bücher sind voller einfallsreicher Geschichten, die über die normalen menschlichen Vorstellungen hinausgehen. Reinkarnation, Städterkämpfe, Macht, dem Auf-Dem-Grund-Gehen von Angst und vieles mehr verbindet sich und bildet einen Sammelband, der an Finesse und Einzigartigkeit kaum zu übertreffen ist.
Jeder, der im Restaurant der Alpträume dinieren möchte, ist hier richtig.
Aber Vorsicht: Niemand weiß, wer Ihr Filet zubereitet hat und niemand weiß, oder möchte sich vorstellen, aus welchem Fleisch es gewonnen wurde.
Aber vertrauen Sie mir und, bitte, kosten Sie!
Vielleicht speisen Sie von einem Dodo, dem letzten seiner Art.