"Enquists dokumentarischer Text handelt nicht nur von dieser verwickelten historischen Episode. Er handelt auch von seiner eigenen Entstehung." Christian Staas, Die Zeit, 17.03.11
"Eine Parabel über die schwierige Grenzziehung zwischen Schuld und Unschuld, Politik und Gewissen: Nie war Per Olov Enquists Dokumentarroman 'Die Ausgelieferten' aktueller als jetzt." Heinrich Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.11
"Ein Meisterwerk der dokumentarischen Literatur." Christoph Bartmann, Süddeutsche Zeitung, 14.04.11
""Die Ausgelieferten" ist ein so gewaltiges Werk, weil sein Verfassr sich stets bewusst ist, dass ihn immer mehr Detailwissen in immer größere Verwirrung stürzt." Knud Cordsen, BR2 Diwan, 30.04.11
"In 'Die Ausgelieferten' rückt Per Olov Enquist der schwedischen Schuld nach dem Zweiten Weltkrieg so auf den Leib, wie man es sich auch von der Schweizer Literatur gewünscht hätte." Andreas Isenschmid, NZZ am Sonntag, 03.07.11
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Wer war Peteris Vabulis? Was für ein Mensch war er? Warum hat er sich getötet?
Die Kriminalpolizei in Trelleborg nahm seine Habseligkeiten in Verwahrung und registrierte sie: eine Reisetasche mit verschiedenen persönlichen Gegenständen, darunter 3,31 Schwedenkronen, ein Pappkarton, der hauptsächlich Lebensmittel enthielt, sowie ein lettischer Pass mit der Nummer TT 011 518.
Diese nachgelassene Habe des Peteris Vabulis wurde in einem Magazin aufbewahrt, bis sein Sohn nach mehreren Jahren erschien, um die Sachen abzuholen. Vabulis' alte Uniform war auch noch da; das Blut war schon längst verkrustet, fast schwarz. Die Uniform wurde verbrannt. Außerdem waren noch da: ein Kompass mit einer elf Zentimeter langen Trageschnur, eine deutsche Armee-Taschenlampe mit zwei verschiebbaren Filtern, einem roten und einem grünen, eine zusammengefaltete Karte von Lettland und ein kleiner Taschenkalender, der auf den ersten vier Seiten die Anschriften von schwedischen Hilfsorganisationen enthielt. In dem Kalender ist der 21. November mit einem Bleistift angekreuzt.
Es ist alles noch da, aber die Gegenstände sagen nichts aus, sie beantworten keine Fragen nach der Person des Peteris Vabulis. Eine Armbanduhr mit schwarzem Zifferblatt: sie geht nicht mehr. Ein leeres Osterei, das - vermutlich aus Versehen - unter seine Habseligkeiten geraten ist. Einige leere Briefumschläge. Staub.
In der Kiste liegt jedoch auch ein Fotoalbum.
Das erste Bild ist in Riga aufgenommen worden. Peteris Vabulis steht in der Bildmitte, neben ihm sieht man einen kleinen Jungen, den er an der Hand hält. Beide lächeln in die Kamera. Der Junge mag drei oder vier Jahre alt sein. Es ist Winter, man sieht Schnee. Vabulis trägt Uniform. Auf dem nächsten Foto trägt er Zivilkleidung, es ist Sommer, er schiebt einen Kinderwagen. Der kleine Junge auf dem nächsten Bild ist allein: er steht auf einer Landstraße und runzelt nachdenklich die Stirn: die Sonne scheint grell, am linken Bildrand sieht man den Schatten eines Menschen. Text unter diesem Foto: Imants, Riga 1942. Dann ein Porträt von Peteris Vabulis. Ein Sommerbild aus Riga - einige Gestalten, die aus großer Entfernung aufgenommen worden sind; Gesichter sind nicht zu erkennen.
Dann plötzlich: Ränneslätt. Die lettischen Offiziere haben sich für dieses Gruppenfoto hingestellt, im Hintergrund sieht man eine Wand, alle lachen in die Kamera. Dieses Bild ist offensichtlich im Sommer gemacht worden. Alle tragen noch ihre deutschen Uniformen. Dieses Foto entspricht nicht dem chronologischen Ablauf der Ereignisse; die nächste Seite ist mit Bildern aus dem Jahr 1943 gefüllt. Man sieht ein Bild von der ganzen Familie, der Junge trägt Winterkleidung, auf der Erde liegt Schnee. Das Foto ist überbelichtet. Die Qualität der Bilder lässt jetzt sehr zu wünschen übrig. Es folgen noch mehrere Bilder von Vabulis und seiner Frau, aber alle sind unscharf. Sie lachen in die Kamera.
Dann wieder Ränneslätt. Ein völlig sinnloses Bild mit vielen uniformierten Gestalten, die planlos hin und her laufen. Ein verschwommenes Gesicht in einer in ein Gespräch vertieften Gruppe ist mit einem Kreuz, einem Pfeil und zwei Buchstaben gekennzeichnet: "P. V." Der Himmel ist bedeckt, man sieht Baracken und einen Teil der Umzäunung. Auf der folgenden Seite finden sich zwei Porträts von Vabulis sowie eine Großaufnahme von dem kleinen Jungen. Und dann plötzlich, auf der nächsten Seite, kommt das Bild aus der Leichenhalle. Peteris Vabulis liegt in einem Sarg, der Deckel ist abgenommen, auf seinem Bauch liegen Blumen. Das Bild vermittelt den Eindruck von Ruhe und Frieden. Auf der rechten Wange hat Vabulis eine Narbe, und das rechte Ohr scheint früher einmal durch einen Unfall deformiert worden zu sein - die Wunde ist aber gut verheilt, man kann sie nur mit Mühe erkennen.
Unter diesem Bild finden sich einige von ganz anderem Charakter. Sie zeigen zwei kleine Kinder, einen Jungen von etwa sieben Jahren und ein kleines Mädchen, die einander umarmen und lachen. Text: "Lübeck, Sommer 1945". Auf den folgenden Seiten finden sich viele Bilder, die offensichtlich alle im Deutschland der Nachkriegszeit aufgenommen worden sind. Man sieht badende Kinder am Meer, halb versunkene Schiffswracks als Hintergrund für sonnige Ausflugsbilder. Text: "Travemünde 1947".
Bilder von Peteris Vabulis gibt es jetzt nicht mehr. Man sieht immer nur die beiden Kinder. Im Hintergrund finden sich zumeist Barackenwände, Straßen, Küchen, glatte Wände, ein Kasernenhof, eine Reihe von Nissenhütten. Der Junge muss jetzt etwa zehn Jahre alt sein. Er lächelt pflichtschuldig in die Kamera. Seine Unterlippe ist auf charakteristische Weise vorgeschoben; wenn man zurückblättert und das Bild aus der Leichenhalle betrachtet, entdeckt man, dass der (von der Seite aufgenommene) Tote das gleiche Profil hat.
Noch mehr Kinderbilder. Noch 1949 finden sich im Hintergrund fast nur Nissenhütten; diese Bilder sind alle in Lübeck aufgenommen. Dann folgen mehrere Fotos von dem kleinen Mädchen, später noch einige, die beide Kinder zeigen. Text: "Värmland", später "Västeras". Die zehn letzten Seiten des Albums sind leer.
Hinzu kommen noch einige Briefe, die Peteris Vabulis im Herbst und im Winter schrieb. Sie sind an Freunde in Schweden adressiert. Die Schrift ist deutlich, aufrecht; alle Briefe sind auf Lettisch geschrieben.
Der erste ist vom 9. Januar 1945 datiert, also vor der Zeit in Schweden geschrieben, und gehört eigentlich nicht zu den übrigen. Er ist jedoch nicht ohne Interesse: er ist an Vabulis' Frau gerichtet. Vabulis befindet sich in der Nähe der russischen Front, einige Kilometer hinter der eigentlichen Kampflinie, und er drückt sich mit Rücksicht auf die Zensur sehr vage aus. Eine genaue Ortsbestimmung ist nicht möglich, aber er hält sich wahrscheinlich im östlichen Lettland auf. Der größte Teil des Briefs besteht aus einer Plauderei über eine erfolgreiche Jagd, die Schnaps und Zigaretten einbrachte. Der Grundton ist optimistisch.
Am Ende des Briefs spricht er von der letzten Begegnung mit der Familie. Er hatte sie zuletzt in Grevesmühlen in Mecklenburg gesehen, wohin sie geflohen war, um nicht den Russen in die Hände zu fallen. Er hatte seine Familie im Dezember 1944 kurz vor Weihnachten sehen können. Beim Abschied hatte der damals siebenjährige Junge heftig geweint; er war sehr aufgewühlt gewesen, zugleich hatte er sich aber geschämt und seine Tränen verbergen wollen, und davon schrieb der Vater, weil er sich so gut daran erinnerte.
Der zweite Brief kommt aus Ränneslätt und ist an einen in Schweden lebenden Freund gerichtet. Datum: 12.8.1945. Er beschreibt seine Flucht nach Schweden.
"Ich lebe unter recht merkwürdigen Umständen, mein Brief wird deshalb sehr kurz. Lettland habe ich am 8. Mai verlassen, aber davon hast Du vielleicht schon in den Zeitungen gelesen. Weil ich ein vereidigter lettischer Offizier bin, bin ich auf einem Pegasus nach Schweden gekommen - per Flugzeug. Am 26. März war ich am Kopf und am Arm recht schwer verwundet worden, und zwar in der Nähe von Jaunpils. Ich sah mich schon unter den Toten, aber es ist mir in letzter Minute gelungen, in einem Flugzeug mitzufliegen, das wie ein Schrotthaufen aussah: das Ding hatte jedenfalls noch Flügel und ein rotes Kreuz am Rumpf. Das Benzin floss aus allen Ritzen, aber die Kiste hielt glücklicherweise, obwohl der Flug recht beschwerlich war. Nach zweieinhalb Stunden waren wir in diesem gastfreundlichen Land. Jetzt bin ich wieder fast gesund, aber mein Aussehen hat sich durch den Treffer etwas verändert. Jedoch nicht zu sehr - meine alten Freunde würden mich noch wiedererkennen.
Das Leben hier in Ränneslätt ist ganz und gar nicht übel, obwohl wir natürlich unsere Freiheit vermissen. Völlig beschäftigungslos, brauchen wir uns trotzdem nicht zu langweilen, weil mehrere Letten hier sind. Es ist nur schade, dass wir die Deutschen nicht loswerden können, die hier in Massen herumlaufen. Sie haben sich noch immer nicht geändert:...