Wie eine Motte, die in der Finsternis um ein allzu fahles Licht kreist, bewegen sich die Beobachtungen, Reflexionen und Lebenserinnerungen des adligen Malte Laurids Brigge - ohne Tat und Handlung - um die Themen Tod und Vergänglichkeit, den Wahn und das Okkulte. Allerdings scheint mir der Schlüssel zu diesem Werk, der nur durch seine Atmosphäre von Zwielicht und trüber, abgründiger Ahnung zusammengehalten wird, auf den letzten Seiten des Textes gegeben, in denen Rilke das Geistliche, das Spirituelle anspricht. Man könnte nämlich die "Aufzeichnungen" als eine Erzählung lesen, in denen die "dunkle Nacht des Ego" beschrieben wird, wie einige Autoren jene innere Verfassung auf dem spirituellen Weg benennen, in denen tiefere Einsichten in die Wahrheit bereits zu einem "der-Welt-Absterben" geführt haben, aber noch nicht die "Wiedergeburt in Gott" stattgefunden hat. Solcherart Übergang gilt als kritisch und gefährlich, kann doch der Mensch durch sie in Verzweiflung und Wahnsinn gestürzt werden. Es mag sein, dass Rilke hier eigene Erfahrungen dem Leser verständlich machen, einen Ausnahmezustand der Psyche für die Nachwelt mit den Mitteln der Prosa festhalten wollte.