"Nicht ganz werd' ich vergehen; über das Grab hinaus
dauert meiner ein Teil. Spät noch in Enkelmund
wächst mein Name,
(Horaz, An Melpomene)
Literatur hin, Literatur her - als Leser glaubt man, der Autor schreibt gern. Wenn er aufgibt, mag es immer ein exogener Grund sein und doch gibt es eben diese endogenen, die der Rezensent in der Beschäftigung mit Rimbaud allzu deutlich spürte. Zwischen Ich und Ich-Projektion bewegt ein Autor seine Protagonisten und spürt mit ihnen seine Welt. Individuell, vorgestellt, real. Und so bleibt die Frage, welcher Realität er den Rücken kehrt, wenn es zum Bruch mit dem Schreiben kommt.
Anhand unterschiedlicher Beispiele gelingt es Ulrich Horstmann, Professor der Uni Gießen, bravourös sich diesem Thema zu nähern. Ob Hölderlin im Wahnsinn seine Überhöhung des Hyperion durch Scardanelli mäßigt und als Türmer eher wirr entschwand, oder Robert Walser, der ewig sich jeder Berühmtheit Entsagende und nach drei Romanen entschied, aufzuhören und sein Leben in einer Anstalt zu verbringen, oder eben Rimbaud, der in vierjähriger extensiver Schaffensphase alle Kraft in die Umwälzung der Zeit opferte und damit sich selbst als Autor, - jeder von ihnen wird im Kontext seines Schaffens, in den Gründen seiner Aufgabe und im Vergleich zueinander beleuchtet. Motiv und Strategie des Verzichts interessiert ihn und somit leistet er ein Beitrag zu einem wenig beachteten Phänomen.
Weiterhin beleuchtet Horstmann Salinger, Beckett, der im Auftürmen aller Möglichkeiten des Scheitern seinen Weg machte und vielleicht nicht wirklich enden konnte, solange seine Protagonisten seinem Ende ein Stück voraus waren. Er schrieb sich mit ihnen in die Untätigkeit. Oder Koeppen, dem es gelang aus der Schaffenspause Gewinn zu ziehen, weil ihm in dieser Zeit die Illusion eines neuen Werkes mehr brachte durch die Erwartung, als es ein Buch real geschafft hätte.
In gewisser Weise schreibt Horstmann für sich. Seinem "Zwilling, tastend", widmet er dieses Buch - eigentlich als Schriftsteller, nicht als Wissenschaftler. Sein Buch, dieses vorliegende, beschreibt er als eine Art Selbstmedikation. Ja, es erfüllt einen Zweck, nämlich sich zurückzunehmen in die Reihe derer, die gelernt haben, sich abzuschreiben ohne Selbstverlust im weitesten Sinne. "Einmal lebt ich, wie Götter, und mehr bedarf es nicht." (Hölderlin)
Eine sehr eloquente, bereichernd geschilderte Sicht von einer anderen Seite. Interessierte erwartet eine lesenswerte Wissenserweiterung.
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