In regelmäßiger Wiederkehr begehen wir Jahr für Jahr das Osterfest, und mit derselben Regelmäßigkeit wird der Büchermarkt mit Titeln bereichert, die die harte Nuss des Osterglaubens zu knacken versuchen. Die Platzhirsche auf diesem Feld sind schnell ausgemacht: allen voran Gerd Lüdemann und sein katholischer Kampfgenosse Hansjürgen Verweyen. Auf der Gegenseite Klaus Berger, der in Ulrich Wilckens neuerdings Schützenhilfe gefunden hat.
Nun hat Gerd Lüdemann zum neuen Schlag gegen den Osterglauben ausgholt und verkündigt: "2000 Jahre lang übte der Glaube an die körperliche Auferstehung Jesu eine ungeheure Wirkung aus. Wegen seiner völligen Grundlosigkeit kann man ihn nur als welthistorischen Humbug bezeichnen." (Klappentext zu "Die Auferweckung Jesu von den Toten"). Doch wer meint, in seinem kürzlich erschienenen Buch etwas substanziell Neues in die Hände zu bekommen, wird schon nach wenigen Seiten enttäuscht werden. Die Gesamtanlage des Buches entspricht seinen ersten Veröffentlichungen aus der Mitte der 90er Jahre.
Was Lüdemann in den exegetischen Kapiteln entfaltet ist weitgehend übernommen worden aus seiner ersten Arbeit von 1994, "Die Auferstehung Jesu. Historie, Erfahrung, Theologie", die damals nur in wenigen hundert Exemplaren verkauft wurde bevor der Verlag das Buch zurückzog. Die zweite Auflage bei Radius ist inzwischen auch vergriffen. So ist das primäre Publikationsinteresse darin begründet, die Thesen zur "körperlichen Nicht-Auferstehung Jesu ... weiter verfügbar zu halten" (S. 9).
Machten die exegetischen Studien in den älteren Werken noch etwa 200 Seiten aus, so sind die Textanalysen nun auf gut 100 Seiten zusammengefasst und durch Analysen aprokrypher Texte (Petrusevangelium, Epistula Apostolorum) ergänzt worden. Der Diskussionsteil ist nun allerdings von 13 auf 35 Seiten angewachsen.
In diesem radikalisiert Lüdemann sein Fazit und setzt sich mit einigen Gegnern (Dalferth und Ringleben) auseinander, ohne diese jedoch wirklich erkennbar verstanden zu haben. Was sollen wir nun dazu sagen?
Die österlichen Trauervisionen eröffneten den Jüngern einen neuen Zugang zum Glauben, der ihnen in der Krise, die durch den Karfreitag ausgelöst wurde, abhanden gekommen war. Lüdemann gelingt es nicht, dieses neue Glauben-Können wahrzunehmen und unvoreingenommen zu analysieren. Für ihn steht dieser neue Glaube unter Illusionsverdacht, von dem er sich letzlich nicht freimachen kann.
Den Osterglauben kann er sich nur in einer fundamentalistisch-evangelikalen Ausprägung vorstellen mit jener Verlebendigung des Leichnams, gegen die schon die frühen neutestamentlichen Erscheinungsberichte sprechen. Ein solches Verständnis vom Christentum ist in der Tat mit seiner historisch-textkritischen Arbeit erledigt. Aber dann schießt er über das Ziel hinaus und stellt fest, dass mit der Erledigung des Glaubens an die körperliche Auferstehung Jesu auch das Christentum erledigt ist, so als ob die körperliche Auferstehung Jesu von den Toten wirklich Mitte und Zentrum des christlichen Glaubens wäre.
Paulus, der Kronzeuge des Christentums, setzte einen anderen Schwerpunkt: Für ihn war der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens nicht die Auferstehung, sondern der logos tou staurou - das Wort vom Kreuz. Und nicht umsonst haben wir in der evangelischen Kirche den Karfreitag zum höchsten Feiertag erklärt. Nötig wäre eine Neubesinnung auf den Karfreitag und ein Ansatz, der den Osterglauben vom Kreuz her versteht und begreift. Was die Diskussion unter den Platzhirschen betrifft, so ist sie inzwischen so festgefahren, dass auf diesem Feld keine großen Fortschritte mehr zu erwarten sind. Wirkliche Foertschritte in der Diskussion werden zur Zeit eher von denen erzielt, die nicht im öffentlichen Rampenlicht stehen.