Drei Menschen, ein Schauplatz und eine ungeheure Spannung!
Mit dieser 1888 entstandenen Novelle hat Henry James ein wahres Konzentrat guter Literatur hinterlassen, die auch 120 Jahre nach Entstehen auf den Leser einen ungeheuren Reiz und zeitlose Schönheit ausübt.
Die Handlung dieses schmalen Buches ist schnell erzählt:
Im Mittelpunkt steht ein namenloser Privatgelehrter, der sich seit vielen Jahren mit dem Schriftsteller Jeffrey Aspern beschäftigt. Von seinen Büchern hingerissen, arbeitet er schon lange an einer Biographie Asperns. Die Hinweise, dass in Venedig noch die hochbetagte, langjährige Geliebte Asperns leben soll, verdichten sich. Ihm ist jedoch klar, dass er sich vorsichtig an die völlig zurückgezogen lebende Frau heranpirschen muss, gar listenreich vorgehen muss, um überhaupt das Vertrauen dieser Frau zu gewinnen. Der Umweg in den venezianischen Palazzo führt schließlich über die Nichte, die ihre eigenen Interessen für die Pflege der alten Dame hintan gestellt hat. Und schließlich gelingt es dem Aspern-Freund, Zugang zu den beiden Frauen zu bekommen. An die unter Verschluss gehaltenen Briefe zu kommen ist jedoch ein heikles Unterfangen und in seiner Gier geht der Held der Geschichte schließlich einen Schritt zu weit...
Ungeheuer spannend, beinahe kriminalistisch ist diese Erzählung sehr kunstvoll aufgebaut. In minimalistischer und doch sehr bildreicher Sprache bringt James dieses Figurentrio schließlich an die Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation.
Der Leser hat von Anfang an den Eindruck, die Fäden der Geschichte aus den Händen zu verlieren, ohne sie noch einmal zu packen zu können.
Damit stürzt auch der Leser auf ein Ende zu, dass nicht überraschend und doch ungewöhnlich ist.
Henry James hat in dieses kleine Meisterwerk außerdem hinreißende Schilderungen der Serenissima eingebaut, die auch heute noch einen Reiz auf den Leser ausüben, dass er am liebsten gleich die Koffer packen würde...