Das Anliegen des Bandes ist klar: die Architektursoziologie zu etablieren, die - so die Minimaldefinition - sich für "konkrete architektonische Phänomene in Hinsicht auf die Gesellschaft", ergo "für die gebaute Gestalt der Gesellschaft" (S. 12) interessiert. Das Ziel ist aber offensichtlich noch anspruchsvoller: die Architektursoziologie so zu etablieren, das sie nicht nur als Bindestrich-Soziologie (an der Peripherie) auftaucht, sondern ins Zentrum der soziologischen Theorie und Diagnose gelangen soll. Dazu werden verschiedene, unterschiedlichste soziologische Theorien auf ihr Potential hin befragt, die "Architektur der Gesellschaft" zu beobachten. Der "multiparadigmatische Zustand" des Faches ist hier also kein Manko (wie in der Soziologie z. T. oft angenommen wird), sondern ein Spannungsfeld konkurrierender und möglicherweise sich gegenseitig bereichernder Perspektivisierungen.
Der Witz des Bandes ist offensichtlich, dass die unterschiedlichsten soziologischen Theorien (also z.B. Figurationssoziologie, Systemtheorie, Diskursanalyse, Cultural sowie Gender studies, Philosophische Anthropologie, Ansätze von Giddens und Bourdieu etc.) von den beiden Herausgebern aufgefordert bzw. ein bisschen genötigt werden, aus den jeweiligen Theorie-Prämissen je ihre eigene architektursoziologische Perspektive zu entwickeln (auf die sie so klar bisher von sich aus nicht gekommen sind) und das dann auch noch an einem Beispiel entsprechend zu erläutern. Gerade wegen der verschiedenen Architektur-Beispielanalysen (Dekonstruktivismus, Palast der Republik, Wiener Karlsplatz, Dresdner Wohnarchitektur, Basilique du Sacré Coeur, Fußballstadien, JVA, Suburbs, etc.) wird man verführt, sich nicht nur seine 'Lieblingstheorien' anzusehen, sondern auch in die anderen Theorieangebote einzusteigen - wie immer man diese dann beurteilt. Man muss schon ganz schön wendig sein, um durch die verschiedenen Theorieperpektiven durchzusteigen - aber am Ende hat man durch den Synergieeffekt von "Architektur" und "Gesellschaft" nicht nur diese beiden Pole besser verstanden, sondern auch manchen Theorieansatz!
Der Band enthält noch zwei ganz hilfreiche Beiträge außer Konkurrenz: zur Fachgeschichte der "Architektursoziologie" und zur "Doppelpotenz" dieser Disziplin: "Was bringt die Soziologie der Architektur - was bringt die Architektur der Soziologie?" Ein interessantes und hinsichtlich der noch neuen Architektursoziologie sicher wegweisendes Werk, mit vielen aufschlussreichen, theoretisch motivierten Analysen zur "Architektur der Gesellschaft". Eine Anschaffung lohnt m.E., allerdings muss man wissen, dass der Band zuerst für SoziologInnen und SoziologiestudentInnen geschrieben ist - für ArchitektInnen könnten die jeweiligen Theoriesprachen eine Hürde sein, die zu überspringen sich aber lohnen dürfte.
DG