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Es ist die Geschichte vom Aufstieg und Fall des DDR-Stararchitekten Arnold Sundstrom und seiner Frau Julia, deren Eltern von Stalins Geheimpolizei ermordet wurden. Daniel Tieck, ein gemeinsamer Freund aus Moskauer Tagen, wird 1956 aus dem Straflager entlassen. In die DDR zurückgekehrt, konfrontiert er Arnold in einer dramatischen Begegnung mit der Wahrheit: Arnold selbst hat Julias Eltern angezeigt und auch Tieck denunziert. Sundstrom ist ein gebrochener Mann. Geblendet von der lange verdrängten Wahrheit über sich selbst und von den großen Lügen seines Lebens steigt er auf das Dach eines Rohbaus, um sich herunterzustürzen. Aber selbst dazu hat er nicht den Mut.
Stefan Heym trägt den Prolog und Auszüge aus dem siebten Kapitel des Romans vor. Dabei beweist er nicht nur sein untrügliches Gespür für fesselnde Dialoge, sondern bestätigt auch, dass er noch immer ein großartiger Rezitator ist, der Lautstärke und Tempo bewusst zu variieren weiß, der die einzelnen Charaktere stimmlich voneinander abzusetzen vermag und auch seinen ansonsten kaum wahrnehmbaren sächsischen Dialekt bravourös einsetzt. 2 CDs, Spieldauer ca. 100 Minuten.
--Stephan Fingerle
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
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Stefan Heyms Roman «Die Architekten»
Ein kurioser Fall mit ernstem Hintergrund: Da erscheint ein deutscher Roman, der ursprünglich auf Englisch geschrieben wurde, vom eigenen Autor übersetzt, mehr als 30 Jahre nach seiner Entstehung. Der Roman heisst «Die Architekten», der Autor Stefan Heym, und die Entstehung wie die verspätete Veröffentlichung des Buches hängen eng mit Geschichte und Untergang der DDR zusammen.
Heym, Jahrgang 1913, mit achtzehn Jahren vom Gymnasium geflogen, eines antimilitaristischen Gedichtes wegen, mit zwanzig aus Deutschland geflohen, hatte sich nach aufregenden amerikanischen Wanderjahren in Ostberlin niedergelassen. Seine Hoffnung galt einem «Sozialismus mit menschlichem Antlitz», sein Verhältnis zu den Vertretern der real existierenden Abart desselben war zwiespältig. Er bekam Privilegien und den Nationalpreis (zweiter Klasse), aber auch viel Ärger. Sein Roman über den 17. Juni durfte nicht erscheinen, spätere Titel kamen nur in westdeutschen Verlagen heraus. Das wurde erst geduldet, dann bestraft, Heym aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und, als «OV Diversant», zum Objekt staatssicherheitlicher Bemühungen.
Ganz unangenehm war ihm die Position als «bekannteste Unperson der DDR» wohl nicht; man konnte im SED-Staat bedeutend unbequemer leben. An Selbstbewusstsein («Ich war schon ein Weltschriftsteller, als es die DDR noch gar nicht gab») liess er sich schwer übertreffen.
Seinen eigenen «Nachruf» unter diesem Titel veröffentlichte er 1988 eine dickleibige Autobiographie hat er überlebt, eine Wahlperiode als Bundestagsabgeordneter (für die SED-Nachfolgepartei PDS), sogar, im vergangenen Jahr, acht Wochen im Koma. Der genesende Greis beschloss damals, sein Lebenswerk mit der Übersetzung der «Architekten» abzurunden. Dieser Roman, Mitte der Sechziger verfasst, war in einem DDR-Verlag unvorstellbar, aber auch von Heyms englischem Lektor abgelehnt worden: Ersteres aus politischen, Letzteres aus literarischen Gründen. Und beides ist heute, da dieser Roman zwangsläufig ein historischer geworden ist, gut nachzuvollziehen.
«Die Architekten» spielt im Jahre 1956, als sich die sowjetischen Kommunisten von ihrem tyrannischen Übervater Stalin zu lösen versuchten, dem Jahr des XX. Parteitages und der «Geheimrede» Chruschtschews, die unter der Hand auch im ostdeutschen Vasallenstaat kursierte und die Mächtigen dort verunsicherte: Was galt noch, was nicht mehr? Wer würde fallen, wer aufsteigen? Einer dieser (Ohn-)Mächtigen ist der Architekt Arnold Sundstrom, ein Starkünstler mit dem Auftrag, die «Allee des Weltfriedens» in der Hauptstadt zu vollenden. Die vorsichtige Entstalinisierung befreite aber auch etliche Opfer der Terrorjustiz aus dem Gulag, ohne allerdings die Verhältnisse, die sie hineingebracht hatten, damit in Frage zu stellen. Einer von ihnen ist Daniel Tietz, der mit Sundstrom am Bauhaus studierte und mit ihm das Moskauer Exil teilte, bevor ihn eine Denunziation im Straflager verschwinden liess.
Dass diese Denunziation von Sundstrom ausging, erfährt Tietz erst im Laufe des Romans (der Leser ahnt es viel früher). Von Tietz wiederum erfährt Julia, die Tochter ermordeter Emigranten und Ehefrau Sundstroms, dass dieser auch ihre Eltern auf dem Gewissen hat (auch hier ist der Leser schneller klüger). Julia verlässt ihren Mann, stürzt sich in eine kurze Affäre, verbindet sich dann mit Tietz und erstellt mit diesem einen Konkurrenzentwurf für die «Allee des Weltfriedens» von der Führung ausgewählt wird aber doch der ihres alten Günstlings. Die Parteidirektiven kommen und gehen, mag die Moral des Romans lauten, die Sundstroms bleiben bestehen.
«Jede Generation und jede Gesellschaftsform erzeugten ihre eigene Sorte Schurken», heisst es einmal, «und wenn nur die Hälfte von dem, was Sundstrom zu belasten schien, den Tatsachen entsprach, so hätte ein heutiger Shakespeare seinen Stoff und seine Handlung fertig daliegen.» Ein Shakespeare ist Stefan Heym nicht, auch wenn er seinen dramatischen Knoten geschickt zu schürzen weiss und Politik und Ästhetik, Idealismus und Ideologie, Pflicht und Gefühl in immer neuen Kombinationen aufeinander treffen lässt.
Die Korrumpierung der Künstler durch die Macht: Das ist tatsächlich ein grosser Stoff, uralt und aktuell und unerschöpflich. Hier der ehrgeizige Architekt mit hochfliegenden Plänen, dort die Bürokratie mit vagen Vorstellungen und engen finanziellen Grenzen; beide verkehren miteinander in einem kommunistischen «Newspeak», mit Hohlformeln, die ästhetische und politische Kategorien wild durcheinander wirbeln zum Schreien komisch, wenn es nicht, damals und dort, so schrecklich real gewesen wäre.
In diesem Dickicht gegenseitigen Belauerns und Belügens bewegt sich Heym mit einer fast beängstigenden Virtuosität. Hier gelingen ihm regelrechte Kabinettstückchen, die sich mit Genuss lesen etwa das Gespräch Sundstroms mit dem Parteivorsitzenden Tolkening, bei dem dieser in proletarischer Selbstinszenierung Butterbrot und Apfel verzehrt. Allerdings konnte sich der Autor bei dieser Szene einer eigenen Begegnung mit Ulbricht bedienen.
Aus der eigenen Biographie gegriffen ist auch die Figur des «Untoten» aus dem Gulag. In Heyms «Nachruf» kann man lesen, wie ihn Erich Wendt im Jahr 1956 über seine Zeit im Straflager informiert, die absurden Beschuldigungen, Verhöre und Folter. Warum er es ihm nicht vorher erzählt habe, fragt Heym. Wendt: «Was hätte das genützt?» Und Heym: «Vielleicht hätte ich dieses, anderes und jenes gar nicht geschrieben.» In der Tat! Noch im Vorjahr hatte Heym seine ostdeutschen Leser in einer Reportage mit dem angestrengt witzigen Versuch unterhalten wollen, die Wahrheit über die «sogenannten Sklavenlager» herauszufinden jawohl, er schreibt «sogenannte» , und dazu ausgerechnet den sowjetischen Innenminister befragt. Sein Fazit: «Nichts ist auf der Welt schwerer zu beweisen als die Nichtexistenz einer Sache, die nicht existiert»; wer anderes behaupte, sei ein Nachfahre von Goebbels.
Wer diesen Hintergrund kennt, liest aus den «Architekten» andere Töne heraus, findet in der Erschütterung Julias, als sie von den Lagern erfährt, ein Nachbeben von dem Schock, den Wendts Zeugnis für Heym bedeutet haben muss. Und fragt sich doch: Wie unwissend konnte, wie ignorant durfte ein privilegierter, weltläufiger Intellektueller mit den besten Verbindungen wie Heym, der zudem lange im Westen gelebt hatte, 1955 noch sein? Bekannt waren doch nicht nur die Moskauer Schauprozesse mit ihrem schematischen, unglaubwürdigen Ritual, auch authentische Berichte von Gulag-Opfern waren längst in der Welt. Sie wurden von einem Teil dieser Welt als Propagandalügen abgetan und von Leuten wie Heym geleugnet oder verdrängt.
Diese Verdrängung drückt den «Architekten» ihren Stempel auf, macht sie, zumindest aus heutiger Sicht, fragwürdig, ja fast zu einem Ärgernis. Das betrifft nicht nur die Psychologie der Personen auf die bedrängenden Fragen Julias nach seiner Verantwortung lässt der Autor Sundstrom nur mit plattesten Schlagworten antworten , sondern die ganze Anlage. Ein System, das Millionen Menschen, Anhänger, Gegner wie Unbeteiligte, unschuldig verurteilte, das die «Vernichtung durch Zwangsarbeit» institutionalisierte, kann weder durch eine ursprünglich humane Idee noch gar durch ideologische Rabulistik gerechtfertigt werden. Der Gulag war ein integraler Bestandteil dieses Systems, kein Betriebsunfall. Aber diesen aus ihm selbst heraus unweigerlich zu entwickelnden Schluss zieht der Roman eben nicht, sondern folgt der Rhetorik von den «überwindbaren Missständen». Er wird deshalb von der Lebenslüge seines Helden selbst angesteckt. Fairerweise muss man sagen, dass dieses Urteil nur aus heutiger Sicht so scharf ausfällt; wären «Die Architekten» 1965 erschienen, hätte man sie zweifellos als richtigen, ja tollkühnen Schritt in die richtige Richtung gelobt.
Wenig zu loben gibt es allerdings an der literarischen Ausführung des «fertig daliegenden» Stoffes. Wer Heym bisher nicht für einen grossen Stilisten gehalten hat, wird hier bestätigt. So unbefriedigend die beiden ästhetischen Quellen sind, aus denen er sich bedient sozialistischer Realismus und amerikanische Kolportage , so wenig überzeugend gerät die Mischung aus beiden. So papieren wie die Personen sind die Sätze, die sie miteinander wechseln. Beim Vokabular passiert dem älteren Herrn im Rückblick der eine oder andere Missgriff sagt ein Mann 1956 in Ostberlin zu seiner Liebsten wirklich «Julia-Baby»? Verlangt man einen «Drink»? Und statt an der «Kredenz» sollte sich die Hausfrau doch lieber an der Anrichte «zu schaffen machen».
Richtig peinlich wird es bei der Liebe. Hier schlingert Heym zwischen Amtsdeutsch und Anzüglichkeit. «Sie kannte ihren Körper und dessen Möglichkeiten», heisst es über eine etwas nymphomane Mitarbeiterin. Heym kennt und benutzt gern den Begriff Sinnlichkeit, wenn er von Frauen spricht, aber nichts fehlt seiner Prosa mehr als gerade sie. Der in seiner unfreiwilligen Komik schönste Satz unterläuft dem Autor-Übersetzer gegen Ende dieses Romans: «Mit einem dumpfen Aufprall schlug die Motte auf den Tisch». Ja, so redet man in Berlin: Motte, ick hör dir prallen!
Martin Ebel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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