Das Buch von Eugen Rogan setzt beim Übergang des Kalifats von Kairo nach Istanbul ein und geht dann recht schnell über zu der Zeit als sich mehr und mehr das Zurückbleiben des islamischen Kulturkreises gegenüber dem Westen bemerkbar macht. Schmerzlich bewusst wurde dies dem Osmanischen Reich besonders in kriegerischen Auseinandersetzungen mit Österreich und Russland.
Aber auch im Innern des Reiches brodelte es. Regionale Herrscher agierten mit wachsendem Selbstbewusstsein gegenüber der "Hohen Pforte". Außerhalb des Zentrums der Macht hatte man die Herausforderungen der Zeit sehr viel klarer erfasst. Besonders gilt dies für die herausragende Gestalt des 1769 geb. Muhammad Ali Pascha. Dieser hatte sich nicht nur gegen Napoleons Expedition, britische Truppen und die mamelukische Elite durchgesetzt, er sendete auch als erster islamischer Herrscher im Jahr 1826 eine Bildungsmission nach Frankreich. Mit von der Partie war der Gelehrte der 969 gegr. Al-Azhar Universität al-Tahtawi.
Al-Tahtawi war fasziniert von dem, was ihm in Europa begegnete. Akribisch notierte er Einzelheiten über Architektur, Arbeits- und Lebensverhältnisse, Transportmittel, das Geschlechterverhältnis usw. Er mahnte den großen Nachholbedarf der Araber im wissenschaftlichen Bereich an. Besonders beeindruckte ihn jedoch die franz. Verfassung: "Al-Tahtawi glaubte, dass in der Verfassung das Geheimnis der französischen Errungenschaften verborgen liege. "Wir sollten dies bedenken [...] damit wir verstehen, wie sie durch ihren Verstand zu der Erkenntnis gelangten, dass Recht und Gleichheit die Grundlagen für die Kultiviertheit von Reichen und das Wohlergehen der Untertanen bilden und wie Herrscher und Beherrschte dadurch geleitet wurden, so sehr, dass ihr Land aufblühte, ihr Wissen wuchs, ihr Wohlstand zunahm und sie Zufriedenheit in ihren Herzen empfanden."
Es folgten entsprechende Reformen. Zudem verfolgte Muhammad Ali den Aufbau einer einheimischen Industrie und führte moderne landwirtschaftliche Methoden ein. Zum Verhängnis wurde ihm dann jedoch sein Drang zur territorialen Expansion. Die Ausweitung nach Syrien bedrohte die Macht Istanbuls und dieses erhielt hier Unterstützung der ehem. "Heiligen Allianz", die nicht an einer wachsenden Instabilität im Osmanischen Reich interessiert war.
Eine ganz andere Gefahr erwuchs dem Reich aus einer Bewegung, die die entschiedene Rückorientierung zu den Wurzeln des Islam suchte - dem Wahabismus. Dieser wendete sich mit wachsender Militanz nicht nur gegen modernistische Tendenzen, sondern auch gegen Traditionen und Strömungen, die man als Entartung des ursprünglichen Islam ansah: so etwa die Heiligenverehrung und das mystische Sufitum.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts entschlossen sich die Osmanen, dem Beispiel Muhammad Alis in Ägypten zu folgen und sich für den Fortschritt zu öffnen. Sie suchten den Austausch mit dem Westen auf allen Gebieten: wirtschaftlich, wissenschaftlich, militärisch, rechtlich, verwaltungstechnisch. Auch im kulturellen Bereich gab es Bewegung. Einer Verschmelzung von westlicher Moderne und arabischer Tradition, entsproß in der 2.- Hälfte des 19. Jh. vom Libanon ausgehend die "Nahda", zu Deutsch "Wiedergeburt". Im Zuge der "Nahda" entstanden Universitäten sowie eine arabischsprachige Presse. Eine vom Westen inspirierte, aber doch die arabische Identität bewahrende Literatur und Malerei entstanden, ebenso ein am europäischen Vorbild orientiertes Theater. Im gleichen Zug entwickelte sich der Panarabismus.
Den sog. Tanzimat-Reformen folgten aber auch neue Konflikte. Die Gleichstellung der nicht-muslimischen Bevölkerung wurde als Provokation empfunden. Dazu kam, dass Christen und Juden von den westlichen Mächten oft als Geschäfts- und Handelspartner bevorzugt wurden. Ihr Wohlstand, ihr gesellschaftlicher Einfluss und ihr Selbstbewusstsein wuchs. In der Folge kam es gehäuft zu Ausschreitungen von muslimischer Seite. Dies wiederum führte dazu, dass die westlichen Schutzmächte immer wieder auch militärisch intervenierten. Da die Reformen Geld kosteten, welches durch westliche Banken zur Verfügung gestellt wurde, geriet das Osmanische Reich zudem in immer stärkere finanzielle Abhängigkeit und schließlich in den Staatsbankrott. Europäischen Finanz- und Politikberatern musste ein wachsendes Maß an Einfluss gewährt werden.
Diese Entwicklung gipfelte schließlich darin, dass westliche Staaten begannen, arabische Länder bzw. Herrschaftsbereiche zu kolonisieren. Den Anfang hatte Frankreich mit Algerien und Tunesien gemacht; später folgten u.a. Großbritannien mit Ägypten und dem Sudan und Italien mit Libyen. Ein Wettlauf um koloniale Einflusssphären hatte begonnen und dehnte sich bald auch auf den ganzen Nahen Osten und Schwarzafrika aus.
Auf der anderen Seite wurde der sich in Europa entwickelnde Nationalismus importiert. Die im Osmanischen Reich vereinten Völker besannen sich auf ihre Identität und suchten die Unabhängigkeit. In Griechenland und auf dem Balkan kam es zu Aufständen mit folgender Entlassung in die Unabhängigkeit. Und auch der Gedanke sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit griff um sich. Ein Jahrhundert später sollte dies dann im Arabischen Sozialismus in der Ausprägung der Baath-Bewegung gipfeln.
Neben der Dominanz der europäischen Mächte war man auch dem Druck Moskaus, das sich nach dem Niedergang des Byzantinischen Reiches und gleichzeitiger Befreiung vom Mongolenjoch als Drittes Rom und Schutzmacht vom Islam annektierter christlicher Völker verstand, und mit dem es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, ausgesetzt. Doch unter Sultan Abd ül-Hamid II. fand schließlich eine gewisse Stabilisierung statt. Es gelang ihm, die Staatsfinanzen zu konsolidiert und er erließ eine Verfassung nach westlichem Vorbild. 1877 kam es zur Bildung eines repräsentativen Parlaments. Doch letztendlich erwies sich die politische Situation als zu turbulent und man sah sich bald genötigt, die Zügel wieder zu straffen und Reformen zurückzunehmen.
Die politischen Restriktionen riefen nun wiederum die liberalen Jungtürken auf den Plan. Infolge der Jungtürkische Revolution wurden Verfassung und Parlament 1908 wieder in Kraft gesetzt, politische Parteien zugelassen. Die Reformen der Jungtürken betrafen alle gesellschaftlichen Bereiche. Es ging um Säkularisierung und Rechtstaatlichkeit, ein modernes Bildungs- und Rechtswesen. Sehr modern wirken reformerische Schriften aus dieser Zeit zum Thema Gleichstellung der Frau. Noch Al-Tahtawi war - trotz seiner sonstigen Begeisterung für das freiheitl. Frankreich wenig begeistert über das dort vorherrschende Verhältnis der Geschlechter, in dem er eine "Umkehrung der natürlichen Ordnung" sah. "Die Männer sind hier Sklaven der Frauen und stehen unter ihrem Befehl", schrieb er, unabhängig davon, ob sie hübsch sind oder nicht." 1899 schrieb hingegen der Anwalt Qasim Amin in seinem viel beachteten Werk "Die Befreiung der Frau": "Frauen stellen mindestens die Hälfte der Weltbevölkerung. Lässt man sie weiter in Unbildung verharren, wird es dem Lande verwehrt, sich die Fähigkeiten der Hälfte seiner Bevölkerung zunutze zu machen, was offenkundig negative Folgen nach sich ziehen muss."
Die folgende Dekade vor dem endgültigen Verfall am Ende des 1. WK, an dem man sich auf der Seite des Deutschen Reiches beteiligt hatte, war die demokratischste Zeit in der Geschichte des Osmanischen Reiches. In den Wirren des Krieges verloren sich schließlich auch die Ideen der "Nahda".
Die Ursprünge des modernen islamistischen Fundamentalismus werden i. A. in der 1926 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft angesiedelt. Gegen die Gefahr der Verwestlichung der islamischen Kultur versuchte die Vereinigung die Rückkehr zu einer ursprünglichen Ausrichtung an Koran und Scharia zu propagieren. Einer der herausragenden Intellektuellen der Bewegung war der Ägypter Sayyd Qutb (1906-1966) der besonders mit seiner dreißig Bände umfassenden Koran-Exegese ("Im Schatten des Koran") die kulturkritischen Grundlagen für die geistige und kämpferische Auseinandersetzung des Islamismus mit dem Westen legte. Er kritisiert darin v. a. die expansive westliche Säkularisierung mit ihrer Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen und politischen Leben, die mit Sitten- und Werteverfall einhergehe und Lebensqualität und Lebensglück in der Gesellschaft in wachsendem Maße verhindere.
Die vom Westen kolonisierte arabische Welt suchte jedoch auch in anderer Weise die Souveränität. Nach und nach erlangten die von den Europäern auf dem Reißbrett entworfenen Staaten die Unabhängigkeit. Die z.T. noch monarchischen Strukturen wurden durch sozialistisch und panarabisch orientierte revolutionäre Bewegungen - etwa in Ländern wie Libyen, Syrien und Ägypten beseitigt. Die herausragendste Gestalt war hierbei der Ägypter Gamal Abdel Nasser. 1958 ging Ägypten unter ihm eine Union mit Syrien ein, die jedoch nach kurzer Zeit wieder zerbrach. Rogan schreibt dazu: "Shukri al-Quwatli, den man zweimal als Präsident von Syrien abgesetzt hatte, soll Nasser angeblich davor gewarnt haben, dass er in Syrien ein schwer zu regierendes Land" vorfinden werde.
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